Das Turngedicht am Pferd von Joachim Ringelnatz

Es lebte an der Mündung der Dobrudscha
Ein Roll- und Bier- und Leichenwagenkutscher.
Der riß lebendigem Getier – o Graus! –
Mit kaltem Blut die Pferdeschwänze aus.
Hopla!
 
Jedoch verscherzte er mit solchen Streichen
Sich den Verkehr mit Roll und Bier und Leichen
Und frönte nun dem Trunk, auch nebenbei
Der Kunst, speziell der Pferdeschlächterei.
10 
Hopla!
 
11 
Man traf ihn manchmal unter Viadukten
12 
Mit Pferdeköpfen, die noch lebhaft zuckten,
13 
Und fragte man dann nach dem Preis pro Pfund,
14 
Dann brüllte er und hatte Schaum vorm Mund:
15 
„Hopla!“
 
16 
Doch abermals aus dem Beruf gestoßen,
17 
Ergab er sich dem Schicksal aller Großen
18 
Und wurde – solches traf sich eben gut –
19 
Pedell an einem Turninstitut.
20 
Hopla!
 
21 
Schon im Begriff, sein Leben umzuwandeln,
22 
Besoff er sich und stürzte über Hanteln.
23 
Er wußte selber nicht, wie weit, wie tief;
24 
Jedoch er fragte gar nicht, sondern schlief.
25 
. . . la . . .
 
26 
Punkt Mitternacht bemerkte der Betäubte,
27 
Daß sich sein Haar mit leisem Knirschen sträubte.
28 
Er wachte auf und sah im bleichen Glanz
29 
Ein Pferd, ein Pferd, ganz ohne Haupt und Schwanz.
30 
. . . pla!
 
31 
Nun reckte sich das abenteuerliche
32 
Gespenst und wuchs ins Ungeheuerliche.
33 
Drei Meter mochte es gewachsen sein,
34 
Da hielt es inne, schnappte plötzlich ein.
35 
Hopla!
 
36 
Und nun, wohl in Ermangelung von Äpfeln,
37 
Begann es Sägemehl aus sich zu tröpfeln.
38 
„Mensch,“ rief es, „der du Tiere quälen kannst,
39 
Auf! Springe über meinen Lederwanst.
40 
Hopla!“
 
41 
Er sprang bereits, wie ihn die Formel bannte,
42 
Er sprang und fiel, erhob sich wieder, rannte
43 
Und sprang und rannte, sprang und sprang und sprang,
44 
Wohl stunden-, tage-, wochen-, jahrelang.
45 
Hopla! Hopla! Hopla! Hopla!
 
46 
Bis plötzlich unter ihm das Pferd zerkrachte.
47 
Da brach er auch zusammen, und erwachte.
48 
Indem er schwur, nie wieder nachts zu picheln,
49 
Bemerkte er, gereizt durch fremdes Sticheln,
50 
Daß ihn, der doch sich täglich glatt rasierte,
51 
Ein langer Zwickelbart aus Roßhaar zierte.
52 
Ho!

Details zum Gedicht „Das Turngedicht am Pferd“

Anzahl Strophen
10
Anzahl Verse
52
Anzahl Wörter
298
Entstehungsjahr
1923
Epoche
Moderne,
Expressionismus

Gedicht-Analyse

Joachim Ringelnatz ist der Autor des Gedichtes „Das Turngedicht am Pferd“. Geboren wurde Ringelnatz im Jahr 1883 in Wurzen. Im Jahr 1923 ist das Gedicht entstanden. In München ist der Text erschienen. Die Entstehungszeit des Gedichtes bzw. die Lebensdaten des Autoren lassen eine Zuordnung zu den Epochen Moderne oder Expressionismus zu. Bei dem Schriftsteller Ringelnatz handelt es sich um einen typischen Vertreter der genannten Epochen. Das vorliegende Gedicht umfasst 298 Wörter. Es baut sich aus 10 Strophen auf und besteht aus 52 Versen. Joachim Ringelnatz ist auch der Autor für Gedichte wie „Afrikanisches Duell“, „Alone“ und „Alte Winkelmauer“. Zum Autoren des Gedichtes „Das Turngedicht am Pferd“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 560 Gedichte vor.

Daten werden aufbereitet

+ Wie analysiere ich ein Gedicht?

Fertige Biographien und Interpretationen, Analysen oder Zusammenfassungen zu Werken des Autoren Joachim Ringelnatz

Wir haben in unserem Hausaufgaben- und Referate-Archiv weitere Informationen zu Joachim Ringelnatz und seinem Gedicht „Das Turngedicht am Pferd“ zusammengestellt. Diese Dokumente könnten Dich interessieren.

Weitere Gedichte des Autoren Joachim Ringelnatz (Infos zum Autor)

Zum Autoren Joachim Ringelnatz sind auf abi-pur.de 560 Dokumente veröffentlicht. Alle Gedichte finden sich auf der Übersichtsseite des Autoren.