Mondnächte von Richard Dehmel

Damals, Seele, ja; ich war ein Kind –
und das alte Forsthaus dumpf und eng.
Und in hellen und in dunkeln Nächten,
wenn ich so am Kammerfenster stand
und die großen Eichen schwarz erschauern hörte,
wurde mir das Dach noch dumpfer.
Denn immer sah ich,
drüben,
drüben fern,
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wo aus der Waldnacht um die Felder
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die Eine hohe Kiefer in den Himmel horchte,
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immer ruhte dann da drüben
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durch die Wolken
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jener weitgewobne Schimmerkreis.
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Und in bleichen Nächten
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war er blaß und flehend
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wie ein Heiligenschein,
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aber in den grauen
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tröstlich blau und schirmend
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wie der Glanz von einem klaren Stahlschild
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oder mild und gelb wie Kronengold;
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und ich wollte König werden.
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Meine Mutter aber sagte mir’s,
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dort lag Berlin ...
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Damals wußt’ich nicht, warum mir bangte,
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als sie mir die Stirne küßte.
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Dort lag die Lichtstadt
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und straalte ...
 
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Heute ist auch Nacht;
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der Mond will in mein Fenster,
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und ich sehe über tausend Dächer.
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Im schweren, weichen Schnee
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ruhn und horchen mit verhaltnem Atem
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die Schatten der Stadt.
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Bis in den blauen Silberschein der Ferne
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schwillt in langen Falten
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weiß und zart die sanfte Decke hin,
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wie über die Kissen
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eines Täuflings.
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Die aber, die darunter schlafen –
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und wachen? – –
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Schwarz und scharf
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stechen die Türme,
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Kirche neben Kirche,
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in den kühlen Himmel;
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stahlspitz flittert ein Glanz
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um die finsterhohe Kuppelkrone
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jenes Palastes,
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und über einem dicken Schlote
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stockt ein Schild von Qualm.
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Jetzt, unten an der Ecke drüben,
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wo eine Gaslaterne
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trübgelb mit dem Mondlicht kämpft,
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schimpft ein frierender Schutzmann
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ein betrunknes Straßenmädchen aus.
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Seele, ja:
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da liegt Berlin ...
 
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II.
 
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Der Nebel staut sich,
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Hütten dunkeln,
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Dorfgiebel fliegen über Lichtern hin,
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noch bleicher wird die Nacht;
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die jagende Wagenkette,
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schwenkend, strafft sich,
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die Maschine heult Warnung,
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und vorbei.
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Ein entlaubter Kirchhof,
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und wieder kreisen
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um mein klirrendes Fenster
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die toten Wiesen,
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huschen Büsche,
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eilt der fahle Streifen Horizont
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auf den kriechenden Wäldern lang;
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mich fröstelt.
 
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Drei Monate:
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da war die Mondnacht warm und anders.
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Wie auf Wolken
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trug der kleine Kahn des stummen Fischers
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uns den Strom hinab,
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selbst die Schatten gaben Licht;
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an meiner Seite saß ein Freund,
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und ich sagte ihm
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alle meine Sünde – und ihr Glück.
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Und über ihrem Giebel,
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unterm Baldachin der Königspappel,
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als wir durch die Brücke bogen,
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stand groß und strahlend,
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wie in einem Tabernakel,
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der goldne Mond
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und neigte flimmernd auf das Moos des Daches
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sein grünes Haar.
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Gestern aber, als ich Abschied nahm:
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„Mein Fräulein, Glück?“ – Und jener Freund
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dachte wol schon damals:
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du Tropf und Schuft!
 
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Mein Fenster schwitzt;
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das kühlt die Stirne;
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gleich und gleich gesellt sich gern.
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Wirbelnd rollt ein funkendurchwirkter Dampfknäul
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bleich ins bleiche Feld;
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ein Dornbusch zerreißt ihn.
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Jetzt: dort starrt,
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wie durch ein Gitter ein Wahnsinnskopf,
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der grelle Vollmond durch die kahlen Birken;
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die Zacken weichen,
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mit seinen langen blassen Füßen
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läuft er auf den blanken Schienen
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meinen rasenden Gedanken nach.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (32.3 KB)

Details zum Gedicht „Mondnächte“

Anzahl Strophen
6
Anzahl Verse
108
Anzahl Wörter
476
Entstehungsjahr
1893
Epoche
Moderne

Gedicht-Analyse

Der Autor des Gedichtes „Mondnächte“ ist Richard Dehmel. 1863 wurde Dehmel in Wendisch-Hermsdorf, Mark Brandenburg geboren. Die Entstehungszeit des Gedichtes geht auf das Jahr 1893 zurück. In München ist der Text erschienen. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her kann der Text der Epoche Moderne zugeordnet werden. Bei dem Schriftsteller Dehmel handelt es sich um einen typischen Vertreter der genannten Epoche. Das Gedicht besteht aus 108 Versen mit insgesamt 6 Strophen und umfasst dabei 476 Worte. Die Gedichte „Ballade vom Volk“, „Bann“ und „Bastard“ sind weitere Werke des Autors Richard Dehmel. Zum Autor des Gedichtes „Mondnächte“ haben wir auf abi-pur.de weitere 490 Gedichte veröffentlicht.

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