Spanische Atriden von Heinrich Heine

Am Hubertustag des Jahres
Dreizehnhundert drei und achtzig,
Gab der König uns ein Gastmahl
Zu Segovia im Schlosse.
 
Hofgastmähler sind dieselben
Ueberall, es gähnt dieselbe
Souveraine Langeweile
An der Tafel aller Fürsten.
 
Prunkgeschirr von Gold und Silber,
10 
Leckerbissen aller Zonen,
11 
Und derselbe Bleigeschmack,
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Mahnend an Lokustes Küche.
 
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Auch derselbe seidne Pöbel,
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Buntgeputzt und vornehm nickend,
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Wie ein Beet von Tulipanen;
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Nur die Saucen sind verschieden.
 
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Und das ist ein Wispern, Sumsen,
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Das wie Mohn den Sinn einschläfert,
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Bis Trompetenstöße wecken
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Aus der kauenden Betäubniß.
 
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Neben mir, zum Glücke, saß
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Don Diego Albuquerque,
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Dem die Rede unterhaltsam
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Von den klugen Lippen floß.
 
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Ganz vorzüglich gut erzählte
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Er die blut’gen Hofgeschichten
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Aus den Tagen des Don Pedro,
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Den man „König Grausam“ nannte.
 
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Als ich frug, warum Don Pedro
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Seinen Bruder Don Fredrego
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Ins Geheim enthaupten ließ,
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Sprach mein Tischgenosse seufzend:
 
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Sennor! glaubt nicht was sie klimpern
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Auf den schlottrigen Guitarren,
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Bänkelsänger, Maulthiertreiber,
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In Posaden, Kneiben, Schenken.
 
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Glaubet nimmer, was sie faseln
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Von der Liebe Don Fredrego’s
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Und Don Pedro’s schöner Gattin,
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Donna Blanka von Bourbon.
 
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Nicht der Eifersucht des Gatten,
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Nur der Mißgunst eines Neidhardts,
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Fiel als Opfer Don Fredrego,
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Calatrava’s Ordensmeister.
 
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Das Verbrechen, das Don Pedro
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Nicht verzieh, das war sein Ruhm,
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Jener Ruhm, den Donna Fama
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Mit Entzücken ausposaunte.
 
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Auch verzieh ihm nicht Don Pedro
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Seiner Seele Hochgefühle
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Und die Wohlgestalt des Leibes,
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Die ein Abbild solcher Seele.
 
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Blühend blieb mir im Gedächtniß
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Diese schlanke Heldenblume;
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Nie vergeß ich dieses schöne
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Träumerische Jünglingsantlitz.
 
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Das war eben jene Sorte,
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Die geliebt wird von den Feen,
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Und ein märchenhaft Geheimniß
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Sprach aus allen diesen Zügen.
 
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Blaue Augen, deren Schmelz
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Blendend wie ein Edelstein, –
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Aber auch der stieren Härte
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Eines Edelsteins theilhaftig.
 
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Seine Haare waren schwarz,
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Bläulich schwarz, von seltnem Glanze,
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Und in üppig schönen Locken
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Auf die Schulter niederfallend.
 
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In der schönen Stadt Coimbra,
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Die er abgewann den Mohren,
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Sah ich ihn zum letzten Male
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Lebend – unglücksel’ger Prinz!
 
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Eben kam er vom Alkanzor,
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Durch die engen Straßen reitend;
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Manche junge Mohrin lauschte
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Hinter’m Gitter ihres Fensters.
 
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Seines Hauptes Helmbusch weh’te
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Frei galant, jedoch des Mantels
79 
Strenges Calatrava-Kreuz
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Scheuchte jeden Buhlgedanken.
 
81 
Ihm zur Seite, freudewedelnd,
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Sprang sein Liebling, Allan hieß er,
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Eine Bestie stolzer Race,
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Deren Heimath die Sierra.
 
85 
Trotz der ungeheuern Größe
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War er wie ein Reh gelenkig,
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Nobel war des Kopfes Bildung,
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Ob sie gleich dem Fuchse ähnlich.
 
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Schneeweiß und so weich wie Seide
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Flockten lang herab die Haare;
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Mit Rubinen inkrustiret
92 
War das breite goldne Halsband.
 
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Dieses Halsband, sagt man, barg
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Einen Talisman der Treue;
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Niemals wich er von der Seite
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Seines Herrn, der treue Hund.
 
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O, der schauerlichen Treue!
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Mir erbebet das Gemüthe,
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Denk ich dran, wie sie sich hier
100 
Offenbart vor unsern Augen.
 
101 
O, des schreckenvollen Tages!
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Hier in diesem Saale war es,
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Und wie heute saß ich hier
104 
An der königlichen Tafel.
 
105 
An dem obern Tafelende,
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Dort, wo heute Don Henrico
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Fröhlich bechert mit der Blume
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Castilian’scher Ritterschaft –
 
109 
Jenes Tag’s saß dort Don Pedro
110 
Finster stumm, und neben ihm,
111 
Strahlend stolz wie eine Göttin,
112 
Saß Maria de Padilla.
 
113 
Hier am untern End der Tafel,
114 
Wo wir heut’ die Dame sehen,
115 
Deren große Linnen-Krause
116 
Wie ein weißer Teller aussieht –
 
117 
Während ihr vergilbt Gesichtchen
118 
Mit dem säuerlichen Lächeln
119 
Der Citrone gleichet, welche
120 
Auf besagtem Teller ruht:
 
121 
Hier am untern End der Tafel
122 
War ein leerer Platz geblieben;
123 
Eines Gast’s von hohem Range
124 
Schien der goldne Stuhl zu harren.
 
125 
Don Fredrego war der Gast,
126 
Dem der goldne Stuhl bestimmt war –
127 
Doch er kam nicht – ach, wir wissen
128 
Jetzt den Grund der Zögerung.
 
129 
Ach, zur selben Stunde wurde
130 
Sie vollbracht, die dunkle Unthat,
131 
Und der arglos junge Held
132 
Wurde von Don Pedro’s Schergen
 
133 
Hinterlistig überfallen
134 
Und gebunden fortgeschleppt
135 
In ein ödes Schloßgewölbe,
136 
Nur von Fackelschein beleuchtet.
 
137 
Dorten standen Henkersknechte,
138 
Dorten stand der rothe Meister,
139 
Der gestützt auf seinem Richtbeil,
140 
Mit schwermüth’ger Miene sprach:
 
141 
Jetzt, Großmeister von San Jago,
142 
Müßt Ihr Euch zum Tod bereiten,
143 
Eine Viertelstunde sei
144 
Euch bewilligt zum Gebete.
 
145 
Don Fredrego kniete nieder,
146 
Betete mit frommer Ruhe,
147 
Sprach sodann: ich hab’ vollendet,
148 
Und empfing den Todesstreich.
 
149 
In demselben Augenblicke,
150 
Als der Kopf zu Boden rollte,
151 
Sprang drauf zu der treue Allan,
152 
Welcher unbemerkt gefolgt war.
 
153 
Er erfaßte, mit den Zähnen,
154 
Bei dem Lockenhaar das Haupt,
155 
Und mit dieser theuern Beute
156 
Schoß er zauberschnell von dannen.
 
157 
Jammer und Geschrei erscholl
158 
Ueberall auf seinem Wege,
159 
Durch die Gänge und Gemächer,
160 
Treppen auf und Treppen ab.
 
161 
Seit dem Gastmahl des Belsazar
162 
Gab es keine Tischgesellschaft,
163 
Welche so verstöret aussah
164 
Wie die unsre in dem Saale,
 
165 
Als das Ungethüm hereinsprang
166 
Mit dem Haupte Don Fredrego’s,
167 
Das er mit den Zähnen schleppte
168 
An den träufend blut’gen Haaren.
 
169 
Auf den leer gebliebnen Stuhl,
170 
Welcher seinem Herrn bestimmt war,
171 
Sprang der Hund und, wie ein Kläger,
172 
Hielt er uns das Haupt entgegen.
 
173 
Ach, es war das wohlbekannte
174 
Helden-Antlitz, aber blässer,
175 
Aber ernster, durch den Tod,
176 
Und umringelt gar entsetzlich
 
177 
Von der Fülle schwarzer Locken,
178 
Die sich bäumten wie der wilde
179 
Schlangen-Kopfputz der Meduse,
180 
Auch wie dieser schreckversteinernd.
 
181 
Ja, wir waren wie versteinert,
182 
Sahn uns an mit starrer Miene
183 
Und gelähmt war jede Zunge
184 
Von der Angst und Etiquette.
 
185 
Nur Maria de Padilla
186 
Brach das allgemeine Schweigen;
187 
Händeringend, laut aufschluchzend,
188 
Jammerte sie ahndungsvoll:
 
189 
„Heißen wird es jetzt, ich hätte
190 
Angestiftet solche Mordthat,
191 
Und der Groll trifft meine Kinder,
192 
Meine schuldlos armen Kinder!“
 
193 
Don Diego unterbrach hier
194 
Seine Rede, denn wir sahen,
195 
Daß die Tafel aufgehoben
196 
Und der Hof den Saal verlassen.
 
197 
Höfisch fein von Sitten, gab
198 
Mir der Ritter das Geleite,
199 
Und wir wandelten selbander
200 
Durch das alte Gothenschloß.
 
201 
In dem Kreuzgang, welcher leitet
202 
Nach des Königs Hundeställen,
203 
Die durch Knurren und Gekläffe
204 
Schon von fernher sich verkünd’gen,
 
205 
Dorten sah ich, in der Wand
206 
Eingemauert und nach außen
207 
Fest mit Eisenwerk vergattert,
208 
Eine Zelle wie ein Käfig.
 
209 
Menschliche Gestalten zwo
210 
Saßen drin, zwei junge Knaben;
211 
Angefesselt bei den Beinen,
212 
Hockten sie auf fauler Streu.
 
213 
Kaum zwölfjährig schien der Eine,
214 
Wenig älter war der Andre;
215 
Die Gesichter schön und edel,
216 
Aber fahl und welk von Siechthum.
 
217 
Waren ganz zerlumpt, fast nackend
218 
Und die magern Leibchen trugen
219 
Wunde Spuren der Mißhandlung;
220 
Beide schüttelte das Fieber.
 
221 
Aus der Tiefe ihres Elends
222 
Schauten sie zu mir empor,
223 
Wie mit weißen Geisteraugen,
224 
Daß ich schier darob erschrocken.
 
225 
Wer sind diese Jammerbilder?
226 
Rief ich aus, indem ich hastig
227 
Don Diego’s Hand ergriff,
228 
Die gezittert, wie ich fühlte.
 
229 
Don Diego schien verlegen,
230 
Sah sich um, ob Niemand lausche,
231 
Seufzte tief und sprach am Ende,
232 
Heitern Weltmannston erkünstelnd:
 
233 
Dieses sind zwei Königskinder,
234 
Früh verwaiset, König Pedro
235 
Hieß der Vater, und die Mutter
236 
War Maria de Padilla.
 
237 
Nach der großen Schlacht bei Narvas,
238 
Wo Henrico Transtamare
239 
Seinen Bruder, König Pedro,
240 
Von der großen Last der Krone
 
241 
Und zugleich von jener größern
242 
Last, die Leben heißt, befreite:
243 
Da traf auch die Bruders-Kinder
244 
Don Henrico’s Siegergroßmuth.
 
245 
Hat sich ihrer angenommen,
246 
Wie es einem Oheim ziemet,
247 
Und im eigenen Schlosse gab er
248 
Ihnen freie Kost und Wohnung.
 
249 
Enge freilich ist das Stübchen,
250 
Das er ihnen angewiesen,
251 
Doch im Sommer ist es kühlig,
252 
Und nicht gar zu kalt im Winter.
 
253 
Ihre Speis’ ist Roggenbrod,
254 
Das so schmackhaft ist, als hätt’ es
255 
Göttin Ceres selbst gebacken
256 
Für ihr liebes Proserpinchen.
 
257 
Manchmal schickt er ihnen auch
258 
Eine Kumpe mit Garbanzos,
259 
Und die Jungen merken dann,
260 
Daß es Sonntag ist in Spanien.
 
261 
Doch nicht immer ist es Sonntag,
262 
Und nicht immer giebt’s Garbanzos,
263 
Und der Oberkoppelmeister
264 
Regalirt sie mit der Peitsche.
 
265 
Denn der Oberkoppelmeister,
266 
Der die Ställe mit der Meute,
267 
Sowie auch den Neffenkäfig
268 
Unter seiner Aufsicht hat,
 
269 
Ist der unglücksel’ge Gatte
270 
Jener sauren Citronella
271 
Mit der weißen Tellerkrause,
272 
Die wir heut’ bei Tisch bewundert,
 
273 
Und sie keift so frech, daß oft
274 
Ihr Gemahl zur Peitsche greift –
275 
Und hierher eilt und die Hunde
276 
Und die armen Knaben züchtigt.
 
277 
Doch der König hat mißbilligt
278 
Solch Verfahren und befahl,
279 
Daß man künftig seine Neffen
280 
Nicht behandle wie die Hunde.
 
281 
Keiner fremden Mithlingsfaust
282 
Wird er ferner anvertrauen
283 
Ihre Zucht, die er hinführo
284 
Eigenhändig leiten will.
 
285 
Don Diego stockte plötzlich,
286 
Denn der Seneschall des Schlosses
287 
Kam zu uns und frug uns
288 
Höflich: ob wir wohlgespeist? – –

Details zum Gedicht „Spanische Atriden“

Anzahl Strophen
72
Anzahl Verse
288
Anzahl Wörter
1347
Entstehungsjahr
1851
Epoche
Junges Deutschland & Vormärz

Gedicht-Analyse

Der Autor des Gedichtes „Spanische Atriden“ ist Heinrich Heine. 1797 wurde Heine in Düsseldorf geboren. Im Jahr 1851 ist das Gedicht entstanden. In Hamburg ist der Text erschienen. Das Gedicht lässt sich an Hand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her der Epoche Junges Deutschland & Vormärz zuordnen. Bei Heine handelt es sich um einen typischen Vertreter der genannten Epoche. Das vorliegende Gedicht umfasst 1347 Wörter. Es baut sich aus 72 Strophen auf und besteht aus 288 Versen. Die Gedichte „Altes Lied“, „Am Golfe von Biskaya“ und „Am Kreuzweg wird begraben“ sind weitere Werke des Autors Heinrich Heine. Zum Autor des Gedichtes „Spanische Atriden“ haben wir auf abi-pur.de weitere 529 Gedichte veröffentlicht.

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