Eingetreten und schon fluthet’s von Marie Eugenie Delle Grazie

Eingetreten und schon fluthet’s
Von Gestalten um mich her,
Aug’ und sinnberückend gluthet’s
Rings, ein flirrend Farbenmeer!
Hoch auf marmornen Emporen
In der Toga schwerer Pracht
Rom’s gewalt’ge Senatoren,
Fürsten gleich, an Ehr’ und Macht;
Hier im weißen Priesterkleide
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Vesta’s hehrer Jungfrau’nkreis,
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Dort im blanken Erzgeschmeide
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Feldherrn mit dem Lorbeerreis,
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Und, entzückend anzusehen,
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Roma’s Frau’n, ganz Lust und Scherz,
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Trügerische Lichtkameen:
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Weich der Schnitt und Stein das Herz.
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Aller Völker Sprachen wecken
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Dieser Mauern Echo auf:
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Von Ägyptens Wüstenstrecken
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Bis zu des Rhenanus Lauf;
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Von dem Schmeichellaut der Parsen,
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Bis zum rauhen Gurgelton
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Finst’rer Brukterer und Marsen
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Schallt es wirr um Cäsars Thron. –
 
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Und schon naht er selbst im Schimmer
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Seiner unbegrenzten Macht,
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Diese Krone, welch Geflimmer!
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Dieser Purpur, loh’nde Pracht!
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Diese Augen – ha, wo blitzen
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Ähnliche voll Gier und Gluth?
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Spähe nach des Zwingers Ritzen,
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D’rin der Königstiger ruht!
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Doch – noch prunken helle Farben
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Mit der Schönheit im Verein,
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Zauberische Sonnengarben
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Streuen gold’ne Funken d’rein,
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Festlich wogt es im Gedränge,
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Festlich strahlt des Äthers Dom,
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Und zu Füßen ruht der Menge
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Heut’ die Weltbezwing’rin Rom!
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Da – ein Klirren in der Tiefe
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Der Arena – und heraus
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Speit, als ob ein Dämon riefe,
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Sie der Thierwelt ganzen Graus:
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Königstiger und Hyäne
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Wühlen knirschend in dem Sand,
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Und der Löwe wirft die Mähne
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Um die Stirn wie zornentbrannt;
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Hunger reizt in grimmer Weise
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Schon seit Stunden ihre Wuth
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Und Rom’s Cäsar beut als Speise –
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Schaud’re – ihnen Menschenblut!
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Hilflos zitternde Gestalten
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Stößt des Henkers Tritt herein,
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Und im Kampf mit den Gewalten
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Roher Urkraft flieht ihr Sein.
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Werden auch die Römer fliehen?
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Ruft kein Einziger: „zu viel!?“
 
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Schande wär’s – mit sattem Glühen
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Folgt ihr Blick dem frevlen Spiel.
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Und ein grausam wildes Leuchten
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Bricht mit ungezähmter Macht
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Plötzlich aus den trüg’risch-feuchten
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Frauenaugen – Rom, hab’ Acht!
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O dies widerliche Spähen,
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Um der Opfer letzte Qual
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Wie ein Spiel mit anzusehen,
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Pfui, welch Grinsen überall –
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Keine Schranke trennt die bunten
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Weltenprahler mehr vom Thier –
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Bestien oben, Bestien unten:
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Dort Natur – Gesittung hier!

Details zum Gedicht „Eingetreten und schon fluthet’s“

Anzahl Strophen
3
Anzahl Verse
72
Anzahl Wörter
345
Entstehungsjahr
1892
Epoche
Realismus

Gedicht-Analyse

Das Gedicht „Eingetreten und schon fluthet’s“ stammt aus der Feder der Autorin bzw. Lyrikerin Marie Eugenie Delle Grazie. Im Jahr 1864 wurde Delle Grazie in Weißkirchen (Bela Crkva) geboren. Die Entstehungszeit des Gedichtes geht auf das Jahr 1892 zurück. Leipzig ist der Erscheinungsort des Textes. Die Entstehungszeit des Gedichtes bzw. die Lebensdaten der Autorin lassen eine Zuordnung zur Epoche Realismus zu. Die Schriftstellerin Delle Grazie ist eine typische Vertreterin der genannten Epoche. Das Gedicht besteht aus 72 Versen mit insgesamt 3 Strophen und umfasst dabei 345 Worte. Weitere bekannte Gedichte der Autorin Marie Eugenie Delle Grazie sind „Arco naturale“, „Atlantis“ und „Beatrice Cenci“. Auf abi-pur.de liegen zur Autorin des Gedichtes „Eingetreten und schon fluthet’s“ weitere 71 Gedichte vor.

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