Auf die Form kommt es an von Heinrich Seidel

Einst zur Nachtzeit lag und schlief
Harun Raschid, der Chalif,
Und ihm träumte mancherlei.
Aber von den Träumen allen
Gab ihm einer viel zu sorgen,
Als er früh erwacht am Morgen,
Denn es waren ihm dabei
Alle Zähne ausgefallen.
 
Als der Zeichendeuter kam
10 
Und des Traumes Art vernommen,
11 
Sprach er: "Gott beschütze Dich!
12 
Also wird es dir ergehen:
13 
Die sich deines Blutes nannten,
14 
Deine lieben Anverwandten,
15 
Wirst, o Fürst, du sicherlich
16 
Alle vor dir sterben sehen!"
 
17 
Ob der bösen Deutung Art
18 
Wühlte sich in seinem Bart
19 
Der Chalif und rief in Wuth:
20 
"Fort, hinaus mit diesem Raben!
21 
Kann er nichts als Unheil krähen,
22 
Mag er seinen Lohn besehen:
23 
Hundert Streiche voll und gut
24 
Soll er auf die Sohlen haben!"
 
25 
Einen andern rief man dann.
26 
Dieser war ein kluger Mann.
27 
Und er sprach, als er gefragt:
28 
"Allah wolle Gnade geben,
29 
Langes Leben nach Gefallen
30 
Deinen Anverwandten allen,
31 
Aber dieser Traum besagt:
32 
Du wirst alle überleben!"
 
33 
Diese Deutung sagte zu,
34 
Und der Mann erhielt im Nu
35 
Hundert Golddukaten baar,
36 
Weil er wusste, wie man läutet.
37 
Denn im Grunde sagten beide
38 
Gleiches - nur in anderm Kleide.
39 
Hieran zeigt sich sonnenklar,
40 
Was die richt'ge Form bedeutet!
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (26.6 KB)

Details zum Gedicht „Auf die Form kommt es an“

Anzahl Strophen
5
Anzahl Verse
40
Anzahl Wörter
193
Entstehungsjahr
1842 - 1906
Epoche
Realismus,
Naturalismus,
Moderne

Gedicht-Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Auf die Form kommt es an“ des Autors Heinrich Seidel. Im Jahr 1842 wurde Seidel in Perlin (Mecklenburg-Schwerin) geboren. Das Gedicht ist in der Zeit von 1858 bis 1906 entstanden. Die Entstehungszeit des Gedichtes bzw. die Lebensdaten des Autors lassen eine Zuordnung zu den Epochen Realismus, Naturalismus oder Moderne zu. Bitte überprüfe unbedingt die Richtigkeit der Angaben zur Epoche bei Verwendung. Die Zuordnung der Epochen ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen. Das Gedicht besteht aus 40 Versen mit insgesamt 5 Strophen und umfasst dabei 193 Worte. Heinrich Seidel ist auch der Autor für Gedichte wie „Hänschen auf der Jagd“, „Die Gaben“ und „Der Luftballon“. Zum Autor des Gedichtes „Auf die Form kommt es an“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 216 Gedichte vor.

+ Wie analysiere ich ein Gedicht?

Daten werden aufbereitet

Weitere Gedichte des Autors Heinrich Seidel (Infos zum Autor)

Zum Autor Heinrich Seidel sind auf abi-pur.de 216 Dokumente veröffentlicht. Alle Gedichte finden sich auf der Übersichtsseite des Autors.