An Lukianos von Kurt Tucholsky

Freund! Vetter! Bruder! Kampfgenosse!
Zweitausend Jahre – welche Zeit!
Du wandeltest im Fürstentrosse,
du kanntest die Athenergosse
und pfiffst auf alle Ehrbarkeit.
Du strichst beschwingt, graziös und eilig
durch euern kleinen Erdenrund –
Und Gottseidank: nichts war dir heilig,
du frecher Hund!
 
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Du lebst, Lucian! Was da: Kulissen!
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Wir haben zwar die Eisenbahn –
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doch auch dieselben Hurenkissen,
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dieselbe Seele, jäh zerrissen
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von Geld und Geist – du lebst, Lucian!
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Noch heut: das Pathos als Gewerbe
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verdeckt die Flecke auf dem Kleid.
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Wir brauchen dich. Und ist dein Erbe
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noch frei, wirfs in die große Zeit!
 
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Du warst nicht von den sanften Schreibern.
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Du zogst sie splitternackend aus
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und zeigtest flink an ihren Leibern:
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es sieht bei Göttern und bei Weibern
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noch allemal der Bürger raus.
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Weil der, Lucian, weil der sie machte. –
 
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So schenk mir deinen Spöttermund!
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Die Flamme gib, die sturmentfachte!
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Heiß ich auch, weil ich immer lachte,
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ein frecher Hund!
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (24.9 KB)

Details zum Gedicht „An Lukianos“

Anzahl Strophen
4
Anzahl Verse
28
Anzahl Wörter
149
Entstehungsjahr
1919
Epoche
Literatur der Weimarer Republik / Neue Sachlichkeit,
Exilliteratur

Gedicht-Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „An Lukianos“ des Autors Kurt Tucholsky. 1890 wurde Tucholsky in Berlin geboren. 1919 ist das Gedicht entstanden. Erschienen ist der Text in Charlottenburg. Das Gedicht lässt sich an Hand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her den Epochen Literatur der Weimarer Republik / Neue Sachlichkeit oder Exilliteratur zuordnen. Bei Tucholsky handelt es sich um einen typischen Vertreter der genannten Epochen.

Der Erste Weltkrieg von 1914 bis 1918 und die daraufhin folgende Entstehung und der Fall der Republik hatten erheblichen Einfluss auf die Literatur der Weimarer Republik. Bei der Neuen Sachlichkeit war der Inhalt der Texte wichtiger als die Form. Die Schriftsteller dieser Bewegung wollten mit ihren Texten möglichst viele Menschen aus allen sozialen Schichten ansprechen. Aus diesem Grund wurden die Texte in einer alltäglichen Sprache verfasst und wurden oft im Stile einer dokumentarisch-exakten Reportage geschrieben. Die Freiheit von Wort und Schrift war zwar verfassungsmäßig garantiert, doch bereits 1922 wurde nach der Ermordung von Walter Rathenau das Republikschutzgesetz erlassen, das diese Freiheit wieder einschränkte. Viele Schriftsteller litten unter dieser Zensur. Dieses Gesetz wurde in der Praxis nur gegen linke Autoren angewandt, nicht aber gegen rechte, die zum Beispiel in ihren Werken offen Gewalt verherrlichten. Das 1926 erlassene Schund- und Schmutzgesetz setze den Schriftstellern dieser Zeit noch mal verstärkt Grenzen. 1931 trat die Pressenotverordnung in Kraft, dadurch waren die Beschlagnahmung von Schriften und das Verbot von Zeitungen über mehrere Monate hinweg möglich geworden.

Im Laufe der Geschichte gab es immer wieder Schriftsteller, die ins Exil fliehen, also ihr Heimatland verlassen mussten. Dies geschah insbesondere zu Zeiten des Nationalsozialismus. Die Exilliteratur geht aus diesem Umstand hervor. Der Ausgangspunkt der Exilbewegung Deutschlands war der Tag der Bücherverbrennung am 30. Mai 1933. Die deutsche Exilliteratur schließt an die Neue Sachlichkeit der Weimarer Republik an und bildet damit eine eigene Literaturepoche in der deutschen Literaturgeschichte. Die Exilliteratur lässt sich insbesondere an den typischen Themenschwerpunkten wie Sehnsucht nach der Heimat, Widerstand gegen Nazi-Deutschland oder Aufklärung über den Nationalsozialismus ausmachen. Bestimmte formale Gestaltungsmittel wie zum Beispiel Metrum, Reimschema oder der Gebrauch bestimmter rhetorischer Mittel lassen sich in der Exilliteratur nicht finden. Die Exilliteratur weist häufig einen Pluralismus der Stile (Expressionismus, Realismus), eine kritische Betrachtung der Wirklichkeit und eine Distanz zwischen Werk und Leser oder Publikum auf. Sie hat häufig die Absicht zur Aufklärung und möchte gesellschaftliche Entwicklungen aufzeigen (wandelnder Mensch, Abhängigkeit von der Gesellschaft).

Das Gedicht besteht aus 28 Versen mit insgesamt 4 Strophen und umfasst dabei 149 Worte. Kurt Tucholsky ist auch der Autor für Gedichte wie „Also wat nu – ja oder ja?“, „An Peter Panter“ und „An das Publikum“. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „An Lukianos“ weitere 136 Gedichte vor.

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