Löwenritt von Ferdinand Freiligrath

Wüstenkönig ist der Löwe; will er sein Gebiet durchfliegen,
Wandert er nach der Lagune, in dem hohen Schilf zu liegen.
Wo Gazellen und Giraffen trinken, kauert er im Rohre;
Zitternd über dem Gewalt'gen rauscht das Laub der Sykomore.
 
Abends, wenn die hellen Feuer glühn im Hottentottenkraale,
Wenn des jähen Tafelberges bunte, wechselnde Signale
Nicht mehr glänzen, wenn der Kaffer einsam schweift durch die Karroo,
Wenn im Busch die Antilope schlummert und am Strom das Gnu:
 
Sieh', da schreitet majestätisch durch die Wüste die Giraffe,
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Daß mit der Lagune trüben Fluten sie die heiße, schlaffe
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Zunge kühle; lechzend eilt sie durch der Wüste nackte Strecken,
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Knieend schlürft sie langen Halses aus dem schlammgefüllten Becken.
 
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Plötzlich regt es sich im Rohre, mit Gebrüll auf ihren Nacken
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Springt der Löwe; welch' ein Reitpferd! sah man reichere Schabracken
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In den Marstallkammern einer königlichen Hofburg liegen,
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Als das bunte Fell des Renners, den der Tiere Fürst bestiegen?
 
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In die Muskeln des Genickes schlägt er gierig seine Zähne;
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Um den Bug des Riesenpferdes weht des Reiters gelbe Mähne.
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Mit dem dumpfen Schrei des Schmerzes springt es auf und flieht gepeinigt!
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Sieh, wie Schnelle des Kameles es mit Pardelhaut vereinigt!
 
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Sieh, die mondbestrahlte Fläche schlägt es mit den leichten Füßen!
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Starr aus ihrer Höhlung treten seine Augen; rieselnd fließen
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An dem braungefleckten Halse nieder schwarzen Blutes Tropfen,
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Und das Herz des flücht'gen Tieres hört die stille Wüste klopfen.
 
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Gleich der Wolke, deren Leuchten Israel im Lande Jemen
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Führt, wie ein Geist der Wüste, wie ein fahler, luft'ger Schemen,
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Eine sandgeformte Trombe in der Wüste sand'gem Meer,
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Wirbelt eine gelbe Säule Sandes hinter ihnen her.
 
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Ihren Zuge folgt der Geier; krächzend schwirrt er durch die Lüfte;
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Ihrer Spur folgt die Hyäne, die Entweiherin der Grüfte,
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Folgt der Panther, der des Kaplands Hürden räuberisch verheerte!
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Blut und Schweiß bezeichnen ihres Königs grausenvolle Fährte.
 
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Zagend auf lebend'gem Throne seh'n sie den Gebieter sitzen
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Und mit scharfer Klaue seines Sitzes bunte Polster ritzen.
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Rastlos, bis die Kraft ihr schwindet, muß ihn die Giraffe tragen;
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Gegen einen solchen Reiter hilft kein Bäumen und keine Schlagen.
 
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Taumelnd an der Wüste Saume stürzt sie hin und röchelt leise.
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Tot, bedeckt mit Staub und Schaume, wird das Roß des Reiters Speise.
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Über Madagasgar, fern im Osten, sieht man Frühlicht glänzen;
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So durchsprengt der Tiere König nächtlich seines Reiches Grenzen.

Details zum Gedicht „Löwenritt“

Anzahl Strophen
10
Anzahl Verse
40
Anzahl Wörter
384
Entstehungsjahr
1810 - 1876
Epoche
Junges Deutschland & Vormärz

Gedicht-Analyse

Das Gedicht „Löwenritt“ stammt aus der Feder des Autoren bzw. Lyrikers Ferdinand Freiligrath. Freiligrath wurde im Jahr 1810 in Detmold geboren. Zwischen den Jahren 1826 und 1876 ist das Gedicht entstanden. Die Entstehungszeit des Gedichtes bzw. die Lebensdaten des Autoren lassen eine Zuordnung zur Epoche Junges Deutschland & Vormärz zu. Freiligrath ist ein typischer Vertreter der genannten Epoche. Das vorliegende Gedicht umfasst 384 Wörter. Es baut sich aus 10 Strophen auf und besteht aus 40 Versen. Der Dichter Ferdinand Freiligrath ist auch der Autor für Gedichte wie „Eispalast“, „Freie Presse“ und „Springer“. Zum Autoren des Gedichtes „Löwenritt“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 59 Gedichte vor.

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