Heine, Heinrich - Zur Beruhigung (Gedichtinterpretation)

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Heinrich Heine, Analyse, Interpretation, Referat, Hausaufgabe, Heine, Heinrich - Zur Beruhigung (Gedichtinterpretation)
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Referat

Gedichtanalyse / Gedichtinterpretation: Heinrich Heine – Zur Beruhigung

Zur Beruhigung
von Heinrich Heine

Wir schlafen ganz, wie Brutus schlief
Doch jener erwachte und bohrte tief
In Cäsars Brust das kalte Messer!
Die Römer waren Tyrannenfresser.
 
Wir sind keine Römer, wir rauchen Tabak.
Ein jedes Volk hat seinen Geschmack,
Ein jedes Volk hat seine Größe;
In Schwaben kocht man die besten Klöße.
 
Wir sind Germanen, gemütlich und brav,
10 
Wir schlafen gesunden Pflanzenschlaf,
11 
Und wenn wir erwachen, pflegt uns zu dürsten
12 
Doch nicht nach dem Blute unserer Fürsten.
 
13 
Wir sind so treu wie Eichenholz,
14 
Auch Lindenholz, drauf sind wir stolz;
15 
Im Land der Eichen und der Linden
16 
Wird niemals sich ein Brutus finden.
 
17 
Und wenn auch ein Brutus unter uns wär,
18 
Den Cäsar fänd er nimmermehr,
19 
Vergeblich würd er den Cäsar suchen;
20 
Wir haben gute Pfefferkuchen.
 
21 
Wir haben sechsunddreißig Herrn
22 
(Ist nicht zuviel!), und einen Stern
23 
Trägt jeder schützend auf seinem Herzen,
24 
Und er braucht nicht zu fürchten die Iden des Märzen.
 
25 
Wir nennen sie Väter, und Vaterland
26 
Benennen wir dasjenige Land,
27 
Das erbeigentümlich gehört den Fürsten;
28 
Wir lieben auch Sauerkraut mit Würsten.
 
29 
Wenn unser Vater spazierengeht,
30 
Ziehn wir den Hut mit Pietät;
31 
Deutschland, die fromme Kinderstube,
32 
Ist keine römische Mördergrube.

(„Zur Beruhigung“ von Heinrich Heine ist auch in unserer Gedichtedatenbank zu finden. Dort findest Du auch weitere Gedichte des Autoren. Für die Analyse des Gedichtes bieten wir ein Arbeitsblatt als PDF (26.2 KB) zur Unterstützung an.)

1. Einleitung

1.1 Politischer Hintergrund

In der Zeit der Befreiungskriege von 1813/15 und der Märzrevolution 1848 war Deutschland in 34 Fürstentümer und vier Städte aufgeteilt, die „Deutscher Bund“ genannt werden. Zu dieser Zeit war Monarchie die herrschende Staatsform. Das Volk wehrte sich nicht gegen die Monarchen. Die Zeit zwischen 1815 und 1848 lässt sich in Bezug auf die geistige und literarische Entwicklung in fünf Phasen einteilen: Zwischen 1815 und 1820 herrschte der Geist der enttäuschten Befreiungskrieger und Burschenschaftler. Danach, zwischen 1820 und 1830, bestand relative Ruhe als Auswirkung einer strengen Zensur. Zwischen 1830 und 1835 dominierte die liberale jungdeutsche Periode. Zwischen 1835 und 1840 überwog äußerlich ebenfalls eine Art Ruhe trotz gelegentlicher Angriffe auf die Restauration. In den Jahren zwischen 1840 und 1848 wurde die entscheidende Märzrevolution vorbereitet.

1.2 Kurzbiografie

Heinrich Heine wurde am 13. Dezember 1797 als erster Sohn des jüdischen Tuchhändlers Samson Heine und seiner Frau Betty van Geldern im damals französisch besetztem Düsseldorf geboren. Er wuchs in Frankfurt am Main und in Hamburg auf, wo er auch die Schule besuchte. Sein erstes Gedicht veröffentlichte er 1817 in „Hamburgs Wächter“, noch viele weitere folgten.

Sein Jurastudium fing er 1819 an und schloss es sechs Jahre später ab.

Heinrich Heine ist stets zwischen vielen Städten und Ländern hin und her gereist. Am wichtigsten für das Verständnis dieses Gedichtes ist jedoch sein Pendeln zwischen Deutschland und Frankreich. So flüchtete er aus Angst vor der Zensur 1831, im Alter von 33 Jahren, aus Deutschland und kam zum ersten Mal nach Paris, von wo aus er später zwei Reisen zurück nach Hamburg machte, um seine Mutter zu besuchen (1843 und 1844).

Um 1835 wurden in Preußen alle von Juden stammenden Schriften verboten, davon waren auch Werke von Heine betroffen. Ein Jahr später erhielt er von der französischen Regierung Emigrationsschutz. Er erkrankte noch im selben Jahr an Gelbsucht.

1843 trat er im Alter von 45 Jahren eine weitere Reise nach Hamburg an, wo auch „Atta Troll. Ein Sommernachtstraum“ entstand. Im Jahr darauf reiste er ein zweites Mal in Deutschland und „Neue Gedichte“, sowie „Deutschland. Ein Wintermärchen“ wurden publiziert.

Ab 1845 verschlechterte sich jedoch Heines Gesundheitszustand zunehmend. Drei Jahre später, nachdem er einen körperlichen Zusammenbruch erlitten hatte, wurde bei ihm eine Rückenmarkschwindsucht diagnostiziert. Trotz dieser schweren Krankheit arbeitete Heinrich Heine bis ins hohe Alter.

Am 17. Februar 1856 verstarb er dann in Paris, wo er die meiste Zeit seines Lebens verbracht hatte. Er wurde drei Tage später auf dem Friedhof Montmartre beigesetzt.

1.3 Hypothese

Heinrich Heine fordert in seinem 1844 erschienenen Gedicht „Zur Beruhigung“ die untätigen Deutschen dazu auf, etwas gegen die Alleinherrschaft der Fürsten in den deutschen Fürstentümern, sowie die Aufteilung Deutschlands durch diese, zu unternehmen.

2. Hauptteil

2.1 Inhaltsangabe

Heinrich Heine kritisiert, mithilfe von Ironie, in dem Gedicht „Zur Beruhigung“ das deutsche Volk, indem er es mit dem römischen Volk vergleicht. Die Römer, im Gedicht durch Brutus verkörpert, sind tapfer und gewalttätig und haben mithilfe ihrer Größe und Stärke ihren Herrscher gestürzt. Die Deutschen hingegen sind treu, schwach, stolz (auf das Nichtstun der Fürsten), fromm und tatenlos weswegen sie ihre Fürsten niemals stürzen würden.

2.2 Analyse und Interpretation

Das Gedicht „Zur Beruhigung“ ist ein Bestandteil des vielseitig bekannten Gedichtes „Deutschland. Ein Wintermärchen“. Es besteht aus acht Strophen mit jeweils vier Versen und ist im Paarreim geschrieben.

Im gesamten Gedicht vergleicht der Dichter die Deutschen mit den Römern. Das wird bereits in der ersten Zeile der ersten Strophe deutlich („Wir schlafen ganz, wie Brutus schlief-“ Zeile 1). Brutus galt als Haupt der Verschwörung gegen Cäsar und missbilligte dessen Bestrebungen, die Macht in seiner Hand zu vereinigen, nachdem er sich selbst zum Diktator auf Lebenszeit ernannt hatte. An den „Iden des Märzen“ ermordete Brutus schließlich, mit einigen Senatoren, Cäsar mit 23 Stichen im Theater des Pompeius.

In der ersten Strophe heißt es ebenfalls, dass Brutus sich gegen seinen Herrscher gewehrt hat, obwohl Cäsar ein stolzer, erhobener Mann war. Die Deutschen hingegen konzentrieren sich ganz und gar auf das Private. Sie stillen ihren Hunger und ihren Durst und verschlafen die nötige politische Aktion.

Das Bild vom kalten Messer, das tief ins Cäsar Brust gebohrt wurde („Doch jener erwachte und bohrte tief, In Cäsars Brust das kalte Messer!“ Zeile 2), zeigt, dass dieser Mord kaltherzig, brutal und mit Bedacht durchgeführt wurde. Das kann man an den Wörtern „bohrte tief“ und „kaltes Messer“ festmachen. Die Römer werden als Tyrannenfresser beschrieben („Die Römer waren Tyrannenfresser.“ Zeile 4), das heißt, dass das Volk der Römer viel stärker und größer als seine Tyrannen sein muss, denn sonst hätte es den Tyrannen nicht verschlingen können. Von der zweiten bis vierten Strophe werden nun die Deutschen beschrieben, welche das totale Gegenteil vom römischen Volk sind, denn sie „[…] sind keine Römer“ (vgl. Zeile 5), „[…] rauchen Tabak“ (vgl. Zeile 5), sind „[…] gemütlich und brav“ (vgl. Zeile 9) und „[…] sind so treu wie Eichenholz“ (vgl. Zeile 13).

Das sie „[…]gesunden Pflanzenschlaf (schlafen)“ (vgl. Zeile 10), weist darauf hin, dass es sie nicht im geringsten kümmert, was ihre Fürsten tun. Die Pflanze hat nämlich kein Nervensystem, sodass sie sich weder aufregen, noch Wut gegen etwas empfinden kann, so wie die Deutschen. Mit der Aussage, dass sie keine Römer sind, wird genau der springende Punkt angesprochen: Sie sind keine Römer, sie sind nicht kaltherzig und gewalttätig, sie sind kein so starkes Volk, sie haben keinen so mächtigen Herrscher wie Cäsar, sie sind gemütlich und ausruhend und nicht aktiv,

sie sind Deutsche. Dass sie Tabak rauchen, gemütlich sind, schlafen und nur ans Essen denken („In Schwaben kocht man die besten Klöße.“ Zeile 8, „Wir haben gute Pfefferkuchen“ Zeile 20 und „Wir lieben auch Sauerkraut mit Würsten.“ Zeile 28) unterstützt das Bild der Deutschen als ein träges, tatenloses und verfressenes Volk.

In der vierten Strophe erwähnt Heine in vier Versen fünfmal das Wort „treu“, einerseits direkt, andererseits symbolisch durch die Wörter „Linde“ (vgl. Zeile 14 und 15) und „Eiche“ (vgl. Zeile 13 und 15), welche ebenfalls für die Treue stehen. Durch diese mehrmaligen Aufzählungen bringt Heine deutlich zum Vorschein, wie fromm und treu die Deutschen gegenüber ihren Fürsten sind. Das diese Beschreibung nicht auf einen Brutus passt, wird in der nächsten Zeile deutlich („Wird niemals sich ein Brutus finden.“ Zeile 16). Nach der vierten Strophe erfolgt im Gedicht ein Einschnitt, der den Beschreib- und Vergleichteil von dem Kritik ausübenden Teil abtrennt.

Nun beginnt Heinrich Heine extreme Kritik an dem von den Fürsten zerstückelten Deutschland zu äußern. Selbst wenn es hypothetisch angenommen einen Brutus unter den Deutschen gäbe, so fehle es doch in Deutschland an einer Figur, die mit dem Cäsar vergleichbar wäre. Auch hier wird am Ende der Strophe wiederholt, wie gemütlich die Deutschen sind („Wir haben gute Pfefferkuchen“, Zeile 20). Denn das spiegelt die Harmlosigkeit des Volkes wider.

In Zeile 21 wird von 36 Herren gesprochen, womit die 34 Fürstentümer und die vier freien Städte gemeint sind. Das diese Herren, also Fürstentümer, „[…]nicht zu viel(e) (sind)“ (vgl. Zeile 21), ist mit größter Ironie gemeint, denn 36 Fürstentümer sind auf jeden Fall zu viele. Dazu kommt, dass die Herren allesamt einen Stern schützend auf ihrem Herzen tragen, der sie vor den „Iden des Märzen“ bewahren soll.

Die letzten beiden Strophen hat Heine mit purer Ironie versetzt, die dazu dienen soll, die Deutschen aufzurütteln und wach werden zu lassen. Er spricht davon, dass das Vaterland der Deutschen nur durch Vererbung an die Fürsten abgetreten wurde und diese nichts dafür tun mussten. Wie auch an vorherigen Stellen wird hier scheinbar zusammenhanglos auf eines der Lieblingsessen der Deutschen eingegangen („Wir lieben auch Sauerkraut mit Würsten“, Zeile 28), was eine lächerliche Wirkung in Bezug auf die Deutschen hat. Selbst wenn der Herrscher, also die Fürsten, spazieren gehen und vielmehr an der Sicherung ihrer fürstlichen Rechte als am Aufbau eines einheitlichen Nationalstaates interessiert sind, ziehen die Deutschen davor ihren Hut mit Pietät.

Mehr Ironie konnte Heine in diesen beiden Zeilen nicht verwenden. In den letzten beiden Zeilen wird das noch einmal zusammenfassend das gesagt, was der Rest des Gedichtes ebenso ausdrückt: Deutschland war fromm, brav und treu und würde niemals ihre Fürsten stürzen. Dazu wären sie nicht in der Lage. Die Römer hingegen wollten ihren Herrscher, der zugleich ein Diktator war, nicht und stürzten diesen, indem sie ihn an den „Iden des Märzen“ mit 23 Stichen töteten.

Ich denke Heinrich Heine möchte mit diesem politischen Gedicht erreichen, dass sich die Deutschen gegenüber den Römern niedergemacht und lächerlich vorkommen und endlich etwas in Hinsicht auf die Politik unternehmen. Heine kritisiert Deutschland, weil er das Land oftmals als Asylsuchender verlassen musste, aus Angst vor den Folgen der Zensur.

Heinrich Heine verfasste während seines Lebens viele Gedichte, die gegen die derzeitige Politik waren. Dieses Gedicht sollte ein Aufruf zur Revolution werden, die Frankreich bereits vollzogen hatte.

Mit dem Titel „Zur Beruhigung“ meint er eigentlich genau das Gegenteil, denn Heine ist bekannt für seine ironische Schreibweise. Es soll eigentlich zu Beruhigung der Fürsten dienen, da diese keine Angst haben brauchen, vom eigenem Volk umgebracht zu werden. Da er aber den Titel dieses Gedichtes ironisch gemeint hat, hat er die Absicht, die deutschen zu provozieren und versucht zu erreichen, dass diese etwas unternehmen.

Dieses Video wurde auf YouTube veröffentlicht.

3. Schluss

3.1 Beurteilung der Hypothese

Heinrich Heine hat dieses Gedicht geschrieben, mit der Absicht eine Revolution hervorzurufen. In späteren Jahren passiert dies auch, doch ob es an Heines Gedicht lag, kann man nicht sagen. Er hat es geschafft, jedem einzelnen Wort eine ganz bestimmte Bedeutung zu geben. Alle diese Wörter hatten denselben Hintergrund.

Ich finde Heinrich Heine ist es sehr gelungen, seinen „Wunsch“ so direkt durch indirektes zu äußern, dass wenn man das Gedicht liest, nicht sofort weiß, was der Sinn dieses Gedichtes ist, man aber bei genauerem Betrachten schnell dahinterkommt.

Im Großen und Ganzen ist es ein sehr gut gelungenes Gedicht, welches gut zu interpretieren und verstehen ist.

Quellen:

Internetlinks:

Bücher:

  • Freund, Winfried: Heinrich Heine, Köln, 2005
    Standort: Humboldt-Bibliothek
    Signatur: N11<01548877714 ; L 545 Hein
  • Große, Wilhelm: Heinrich Heine, Stuttgart, 2000
    Standort: Humboldt-Bibliothek
    Signatur: N11<01279597714 ; L 545 Hein
  • Kircher, Hartmut: Deutschland. Ein Wintermärchen, und andere Gedichte, München, 1997
    Standort: Stadtteil-Bibliothek Frohnau
    Signatur: N11< 00069562859 ; L 545 Hein
  • Kruse, Joseph Anton: Heinrich Heine: Leben, Werk, Wirkung,
    Frankfurt am Main, 2005
    Standort: Humboldt-Bibliothek
    Signatur: N11<01546604714 ; L 545 Hein
  • Neis, Edgar: Wie interpretiere ich Gedichte und Kurzgeschichten, Hollfeld, 1983
    Standort: Stadtteil-Bibliothek Frohnau
    Signatur: N11<00164388859 ; L 505
  • NeisPfister, Wolfgang: Heinrich Heine Deutschland. Ein Wintermärchen, Hollfeld, 2003
    Standort: Stadtteil-Bibliothek Frohnau
    Signatur: N11<00299037859 ; L 545 Hein
  • Würffel, Stefan Bodo: Heinrich Heine, Beck’sche Reihe, München 1989
    Standort: Stadtteil-Bibliothek Frohnau
    Signatur: N11<00165880859 ; L 545 Hein
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