Trakl, Georg - An die Verstummten (Gedichtinterpretation)

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Georg Trakl, Analyse, Interpretation, Expressionismus, Referat, Hausaufgabe, Trakl, Georg - An die Verstummten (Gedichtinterpretation)
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Referat

„An die Verstummten“ von Georg Trakl (1913/14)

An die Verstummten
von Georg Trakl

O, der Wahnsinn der großen Stadt, da am Abend
An schwarzer Mauer verkrüppelte Bäume starren,
Aus silberner Maske der Geist des Bösen schaut;
Licht mit magnetischer Geißel die steinerne Nacht verdrängt.
O, das versunkene Läuten der Abendglocken.
 
Hure, die in eisigen Schauern ein totes Kindlein gebärt.
Rasend peitscht Gottes Zorn die Stirne der Besessenen,
Purpurne Seuche, Hunger, der grüne Augen zerbricht.
O, das gräßliche Lachen des Golds.
 
10 
Aber stille blutet in dunkler Höhle stummere Menschheit,
11 
Fügt aus harten Metallen das erlösende Haupt.

(„An die Verstummten“ von Georg Trakl ist auch in unserer Gedichtedatenbank zu finden. Dort findest Du auch weitere Gedichte des Autoren.)

Das expressionistische Gedicht „An die Verstummten“ des Lyrikers Georg Trakl wurde im Jahr 1913/14 verfasst und handelt hauptsächlich von der Verschmutzung der Stadt durch die Urbanisierung und von den Grausamkeiten, denen die Menschen ausgesetzt sind.

Trakl möchte vermutlich auf die Großstadtangst und die dadurch folgende Ich-Zerstörung hinweisen. Er spricht schreckliche Inhaltselemente an, wie zum Beispiel die Auswirkungen des Krieges oder die Verwesung der Menschen. Die Adressaten sind möglicherweise die Verstummten.

Das Gedicht besteht aus drei Strophen mit abnehmender Versanzahl. Die erste Strophe besteht aus fünf, die zweite aus vier und die letzte aus zwei Versen. Es gibt kein eindeutiges Reimschema und das Metrum ist ein Alexandriner mit neun weiblichen (betont) und zwei männlichen (unbetont) Kadenzen. Der Titel ist an die „Verstummten“ gerichtet, die, wie schon erwähnt, die Adressaten darstellen. Wahrscheinlich geht Georg Trakl hierbei auf die „verstummte Menschheit und ihre Hilflosigkeit“ ein, was sich auch in Vers zehn „stummere Menschheit“ widerspiegeln lässt. Allerdings bleibt dem Leser der genaue Hintergrund vorenthalten.

Das Gedicht ist aus der Sicht eines neutralen Sprechers geschrieben, welcher die Rezipienten an dem Geschehen teilnehmen lässt, jedoch gibt er seine Emotionen nicht preis. Die erste und die längste Strophe (V. 1-5) beginnt mit den negativen Eindrücken der Großstadt am Abend, die der neutrale Sprecher wahrnimmt. Er empfindet sie als „wahnsinnig“, was besonders in dem Vers eins durch folgende Ausdrücke verdeutlicht wird: „Wahnsinn der großen Stadt, da am Abend“.

Die Verschmutzung der Stadt und die Zerstörung der Natur durch die Urbanisierung wird anhand von Vers zwei verdeutlicht: „An schwarzer Mauer verkrüppelte Bäume“ demonstrieren den Schaden an der Umwelt, der durch den schwarzen Ruß und durch die dunklen Abgase der Industrien entsteht. In den fort folgenden Versen der Strophe eins berichtet der Sprecher von „silberner Maske“ (V. 3) aus denen „der Geist des Bösen schaut“ (V. 3). Die silbernen Masken erinnern an die Gasmasken, die im ersten Weltkrieg von den Soldaten an der Front getragen wurden. Hierbei bezieht Georg Trakl Inhalte des historischen Kontexts mit ein, die die Grausamkeit zu dieser Zeit verdeutlichen sollen. Die Aussage „Geist des Bösen“ (V. 3) bezieht sich auf das Massensterben, was durch die Maschinengewehre der Soldaten ausgelöst wurde. Der Sprecher assoziiert folglich die silbernen Masken mit dem Bösen und mit der Kriegskatastrophe.

Im vierten Vers wird auf die ständige Beleuchtung in der Großstadt hingedeutet. Die Lichter sind so hell, dass die Nacht zum leuchtenden Tage wird. Diese Interpretation lässt sich in Vers vier „Licht mit magnetischer Geißel die steinerne Nacht verdrängt“ wiederfinden, wobei die „magnetische Geißel“ als Strom gedeutet werden kann, wodurch die ganze Stadt erleuchtet. Eine andere Interpretationsmöglichkeit wäre, dass die „Geißel“ die Ich-Zerstörung darstellt. Der Mensch ist ein „Gefangener“ in der Großstadt und lebt und arbeitet nur noch als eine Geißel. Das Großstadtleben wird mit den gequälten Gefühlen einer Geißel verglichen.

Das „Läuten der Abendglocken“ (V. 5) könnte eine Anspielung auf den Großstadtlärm sein. Die Glocken könnten außerdem für eine „Bedrohlichkeit“ stehen, vor der die Menschheit Angst hat.

In der ersten Strophe des Gedichtes lassen sich einige stilistische Mittel wiederfinden. Der erste Vers beginnt und der letzte Vers endet mit einer Exklamation (Ausruf): „O“, was einen erschreckenden oder wehleidigen Gefühlsausdruck hervorheben soll. Das Wort „Wahnsinn“ (V. 2) ist ein Hyperbel, das die „wahnsinnige Zerstörung“ der Stadt verdeutlicht. „Verkrüppelte Bäume starren“ ist eine Personifikation und expliziert, dass die Bäume und die Natur, unter den Fabriken und deren Schadstoff-Ausstoß, leiden. Die zweite Strophe (V. 6-9) behandelt die Auswirkungen des Krieges. Das Wort „Hure“ (V. 6) steht bildlich für die Verkommenheit der Stadt. Außerdem wird der Begriff verwendet, um auf die Anonymität aufmerksam zu machen, da die Prostitution in den meisten Fällen nicht öffentlich gemacht wird. Die Worte „in eisigen Schauern ein totes Kindlein gebärt“ (V. 6) vermittelt dem Rezipienten ein schauriges Gefühl. Es deutet auf die Hilflosigkeit und das Leiden der Menschen hin, was hier mit zwei negativen Begriffen, einmal dem „eisigen Schauer“ (V. 6) und dem Tod (vgl. V. 6: „totes“ Kindlein“) verglichen wird. Die Assoziation mit dem Tod deutet auch auf die Verwesung der Menschheit hin, was ein wesentliches Motiv des Expressionismus darstellt.

Im siebten Vers wird „Gottes Zorn“ erwähnt, was eine Anspielung auf den Weltuntergang sein könnte. Zudem ist dies ein eindeutiger Rückbezug zu der derzeitigen Kriegssituation. Gott ist erbost, dass die Menschen einen Krieg angezettelt haben und will mit seiner „Peitsche“ (vgl. V. 7: „Rasend peitscht Gottes Zorn“) für Ordnung sorgen. Die Begriffe „Purpurne Seuche, Hunger“ in Vers acht geben Aufschluss über die tatsächliche Armut und Hungersnot. Durch das Massensterben verbreitete sich die Seuche und durch den ständigen Krieg, brach die Wirtschaft zusammen und die Menschen mussten hungern. Die Verbindung mit dem Adjektiv „purpurn“ (V. 7) wurde gewählt, da es die Farbe der Adeligen und des Kaisertums war. Sie soll den Protest gegen das autoritäre Kaiserreich ausdrücken.

Im neunten Vers „das grässliche Lachen des Golds“ wird ein zweites Mal auf die höheren Stände hingewiesen, die von den Grausamkeiten verschont blieben und im Gegensatz zum Volk, wohlhabend waren. Eine Personifikation lässt sich in der zweiten Strophe in Vers neun wiederfinden: „Rasend peitscht Gottes Zorn“. Dies weist auf die Zerstörung und auf den Untergang hin. Gott verwendet seine „Peitsche“, um die Menschen vor einer Apokalypse und einem „endgültigen Weltuntergang“ zu warnen.

Zudem verwendet der Autor die Begriffe „Purpurne“ (V. 8), „grüne Augen“ und „Lachen des Golds“. All diese Farbtöne stellen einen Vergleich dar, der die damalige Situation verdeutlichen soll. Der Farbton „Purpur“ steht für etwas bedrohliches, die Farbe Grün steht für die Hoffnung und die Farbe Gold soll in dem Kontext etwas böses ausdrücken. Die Personifikation „das grässliche Lachen des Golds“ (V. 9) bezieht sich auf den Materialismus, der durch die immer größer werdenden Städte mehr Bedeutung erhielt. Viele Dinge wurden käuflich, was auch auf das Wort „Hure“ (V. 6) zurückführt.

Die dritte und auch letzte Strophe (V. 10-11) thematisiert das Leiden und den Verfall der Menschheit. Besonders in Vers zehn wird die Verletzlichkeit der Menschen angesprochen: „stille blutet in dunkler Höhle stummere Menschheit“. Dieser Vers könnte das schmerzliche Leiden, zum Beispiel durch den Verlust eines Familienmitglieds im Krieg, verbildlichen. Zudem könnte dieser Vers eine Anspielung auf die Verwesung der Menschheit sein, was besonders durch den Ausdruck „stummere Menschheit“ (V. 10) verdeutlicht wird. Außerdem könnte dies ein Hinweis auf den Ich-Zerfall und die Anonymität sein. Die Menschen sind durch das Leiden in eine Art „Schockstarre“ versetzt, jeder lebt aneinander vorbei und trauert für sich alleine.

Der letzte Vers veranschaulicht dabei die Hoffnung auf einen Neuanfang, sowie auf eine bessere Zeit nach dem Krieg. Die Menschen wünschen sich eine Zeit ohne Industrien und große Fabriken, was anhand des Zitates „harten Metallen das erlösende Haupt“ (V. 11) vermittelt wird. Die Menschen in den Großstädten wünschen sich eine „Erlösung“ aus der Urbanisierung und der Verschmutzung der Fabriken. Die Personifikation „still blutet (…) stummere Menschheit“ (V. 11) deutet auf die Verletzlichkeit und vermutlich auch auf das Massensterben und die toten Menschen hin. Eine Metapher lässt sich am Anfang des letzten Verses erkennen: „aus harten Metallen“ (V. 11). Diese bezieht sich auf die zahlreichen Industrien, die in den Großstädten zu finden sind. Das Adjektiv „hart“ (V. 11) drückt die negativen Emotionen aus, die die Menschen mit den vielen Industrien assoziieren.

Die kurzen Verse veranschaulichen die Hilflosigkeit der Menschen. Sie fühlen sich allein gelassen, was auch auf das Motiv der Anonymität zurückgreift. Die Satzanfänge in den Versen eins, fünf und neun „O“ können als ein Hilferuf gedeutet werden. Die Abstufung der Versanzahl könnte für das Weltende stehen. Anfangs nimmt der neutrale Sprecher viele verschiedene Dinge wahr und in den letzten beiden Versen wird die Verwesung der Menschheit und das hoffentlich baldige Ende der Fabriken ausgedrückt. Formell könnte diese Abstufung aber auch auf das Ende des Gedichtes hindeuten.

Das Gedicht ist der Epoche des Expressionismus (ca. 1900 bis 1930) zuzuordnen. Es ist festzuhalten, dass diese Zeit von einer Katastrophenstimmung geprägt war. Das Gedicht wurde zu Beginn des ersten Weltkrieges verfasst und behandelt die grundlegenden Motive dieser Zeit und der Epoche des Krieges- und Zwischenkrieges (ca. 1914-1945). Die Menschheit machte die Erfahrung des Massensterbens und erlebte die Auswirkungen des Krieges. In dem Gedicht lassen sich die Aspekte in den Versen sechs und acht wiederfinden: „ein totes Kindlein gebärt“ (V. 6) und „Purpurne Seuche, Hunger“ (V. 8). Zudem ist der Ich-Zerfall und die Zerstörung der Natur, durch die wachsenden Großstädte, einer der Hauptaspekte. Die Menschen erleben eine Welt des Wahnsinns und der Zerstörung durch die Industrien. Diese Motive lassen sich anhand von Vers eins, zwei und zehn festhalten: „Wahnsinn der großen Stadt“ (V. 1), „An schwarzer Mauer verkrüppelte Bäume starren“ (V. 2) und „in dunkler Höhle“ (V. 10). Insgesamt beschreibt das Gedicht die bedrohliche Welt in der die Menschen leben. Die Anonymität und die Ich-Spaltung sind zwei weitere wichtige Epochenmerkmale. Abschließend ist es wichtig festzuhalten, dass das Gedicht die Großstadtangst und die
darauffolgende Ich-Zerstörung thematisiert. Es handelt von den Auswirkungen des Krieges und der Vergänglichkeit und der Schnelllebigkeit der Menschen. Die Adressaten werden von dem neutralen Sprecher nicht direkt angesprochen und nur in dem Titel des Gedichtes erwähnt. Der Autor verwendet viele stilistische Mittel um die Grausamkeit, die der Menschheit widerfahren ist, auszudrücken, wobei keine Emotionen geäußert werden. Die Epoche des Expressionismus ist der grundlegende historische Hintergrund des Gedichtes, weshalb sich viele Motive darin widerspiegeln lassen.

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