Grosse Deutsche Literaturballade von Ludwig Eichrodt

Gegen Abend in der Abendröte.
Ferne von der Menschen rohem Schwarm,
wandelten der Schiller und der Goethe
oft spazieren Arm in Arm.
Sie betrachteten die schöne Landschaft,
drückten sich die großen edlen Händ'
glücklich im Gefühl der Wahlverwandtschaft
unterhielten sie sich excellent.
 
"Sehen Sie", so redete der Goethe,
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"dort die edle Pflanze in dem Gras,
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jenes Steingebilde, diese Kröte,
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dort den Schmetterling und dies und das!"
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"Und - die Sonn'", erwiderte verwundert
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drauf der Schiller, "Sehen Sie, o Freund,
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eben, sehn Sie, eben geht sie unter!
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So hab ich's im Räuber Moor gemeint!"
 
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Und ein andermal begann der Schiller
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als sie wandelten am Wiesenbach,
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und der Goethe wurde immer stiller,
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während der entzückte Schiller sprach:
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"Sehen Sie, wie diese Wellen fließen
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ohne Ruh' und ohne Rast dahin,
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wie die Menschen alle wandern müssen
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und die Zeiten unaufhaltsam fliehn!"
 
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"Herrlich ist, was Sie mir da bemerkten",
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gab der Goethe seinem Freund zurück:
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"Hören Sie, daß Sie mir da bestärkten,
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meine Meinung von des Menschen Glück.
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Alles seh' ich gleichsam in dem Wasser,
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Form und Ordnung, Maßstab und Bezug,
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vieles Trefflichen bin ich Verfasser,
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doch am End sei's gerad genug."
 
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"Alexander und Homerus starben,
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dieses ist das Los von allem fast."
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"Und was sagen Sie denn von den Farben,
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welchen ich so sorgsam aufgepaßt?"
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"Geht es Ihnen auch so sehr zu Herzen,
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Herr Geheimrat, das Ideal?"
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"Mich ergreift, ich weiß nicht, soll ich scherzen,
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himmlisches Behagen auf einmal!"
 
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Manchmal blieben sie auf einmal stehen,
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wie in plötzlicher Versteinerung,
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tief durchschauert von dem heil'gen Wehen
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gegenseitiger Bewunderung.
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Auf dem Rücken faltete die Hände
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dann der Goethe, eh' man sich's versah',
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und so ganz in seinem Elemente
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war der große Schiller da.
 
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Hochbegeistert schwebten sie nach Hause;
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jener brannte schon vor Ungeduld,
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dieser knitterte an seiner Krause,
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bis er stünd' an seinem Schreibepult.
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"Sehe nun ein jeder, wie er's treibe",
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sprach der ältre zu dem jüngeren,
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der versetzte mit verneigtem Leibe:
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"Geh du rechtwärts, laß mich linkwärts gehn!"
 
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Und bis zu der nächsten Morgenröte
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schrieb der Schiller an dem siebten Band,
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und den dreißigsten diktiert der Goethe
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seinem Sekretär noch in die Hand.
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Still und dunkel auf den Straßen war es,
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nur die Lampe brannte wieder hell
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in den Zellen unseres Dichterpaares,
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mahnend an der Wahrheit Strahlenquell.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (28.5 KB)

Details zum Gedicht „Grosse Deutsche Literaturballade“

Anzahl Strophen
8
Anzahl Verse
64
Anzahl Wörter
373
Entstehungsjahr
1827 - 1892
Epoche
Biedermeier,
Junges Deutschland & Vormärz,
Realismus

Gedicht-Analyse

Ludwig Eichrodt ist der Autor des Gedichtes „Grosse Deutsche Literaturballade“. Geboren wurde Eichrodt im Jahr 1827 in Durlach bei Karlsruhe. In der Zeit von 1843 bis 1892 ist das Gedicht entstanden. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her kann der Text den Epochen Biedermeier, Junges Deutschland & Vormärz, Realismus, Naturalismus oder Moderne zugeordnet werden. Bitte überprüfe unbedingt die Richtigkeit der Angaben zur Epoche bei Verwendung. Die Zuordnung der Epochen ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen. Das vorliegende Gedicht umfasst 373 Wörter. Es baut sich aus 8 Strophen auf und besteht aus 64 Versen. Die Gedichte „Nach Schiller“, „Das Menschenbewusstsein“ und „Ich geh vorbei am Gotteshaus“ sind weitere Werke des Autors Ludwig Eichrodt. Zum Autor des Gedichtes „Grosse Deutsche Literaturballade“ haben wir auf abi-pur.de keine weiteren Gedichte veröffentlicht.

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