Der Welfenfonds von Rudolf Lavant

Weil auf sein Land, das ihm der Krieg genommen,
Rechtlich Verzicht der alte, blinde König
In starrem Welfentrotze nie gethan,
Behielt man sein Privatvermögen inne
Und hob es für ihn auf, bis mürb’ geworden
Des alten Herrn und seines Sohnes Sinn.
Da niemals Frieden er mit Preußen schloß
Und selbst mit seiner Welfenlegion
„Soldaten“ spielte, wie er das gewohnt,
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Beschloß man, an den Zinsen ihn zu strafen
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Und sie nicht mehr zum Kapital zu legen,
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Vielmehr zur Abwehr seiner bösen Ränke
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Und Machenschaften diesen Zinsbetrag
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Nach eigner Einsicht bestens zu verwenden.
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Zunächst bestand im Land Hannover selbst
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Die löbliche Verwaltungs-Kommission
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Und wenn die Kosten der Verwaltung man
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Nebst den Beschlagnahms-Kosten voll gedeckt,
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So überreichte der Finanzminister
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Den Rest dem Herrn Ministerpräsidenten,
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Der damit schaltete, wie ihm gefiel.
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Dafür, daß die Verwendung richtig war
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Und der Beschlagnahmsordnung voll entsprach,
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Trug die Verantwortung er ganz allein.
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Alljährlich legte er persönlich Rechnung
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Dem König ab, wies die Verwendung nach
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Und eine Ordre aus dem Kabinet
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Hieß die Verwendung gut. Die Ordre legte
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Man zu den Akten, die Belege aber
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Verbrannte man und ihre Asche streute
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Man in die Lüfte. Nirgends steht geschrieben,
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Wo all das schöne Welfengeld geblieben.
 
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Man kann vermuthen nur; ein mattes Licht
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Fällt ab und zu in diese tiefe Nacht.
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Daß ein Minister für den Schwiegervater,
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Mit dem es übel steht, durch Bürgschaftsleistung
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Getreulich eintritt, ist ein hübscher Zug;
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Daß er, als man den Bürger würgen will,
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Nicht zahlen kann, ist hübsch nicht, doch begreiflich,
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Denn dreimalhundertfünfzigtausend Mark
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Kann man sich am Gehalte nicht ersparen,
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Selbst wenn man preußischer Minister ist.
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Da treten Freunde ein für den Bedrängten,
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Der seine Lage ihnen offenbart;
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Der Rummel wird bezahlt und eines Tages
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Erscheint der Herr Ministerpräsident
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Bei dem Minister; mit lakonischem
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„Von Majestät!“ reicht dar er ein Packet
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Und aus der Hülle des Packets spazieren
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Die dreimalhundertfünfzigtausend Mark.
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Gerührt von solcher königlichen Gnade,
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Beugt der Minister ehrfurchtsvoll sein Haupt –
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Und auf den ganzen wunderlichen Handel
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Kam nie mit einer Silbe man zurück.
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Erst jetzt geräth die Welt auf die Vermuthung,
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Daß unser braver Welfenfonds gewesen
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Der königliche Spender; zu beweisen
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Wird es kaum sein – ist der Belege Asche
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In alle Winde lange doch verweht!
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (28.1 KB)

Details zum Gedicht „Der Welfenfonds“

Anzahl Strophen
2
Anzahl Verse
60
Anzahl Wörter
362
Entstehungsjahr
1893
Epoche
Naturalismus,
Moderne

Gedicht-Analyse

Das Gedicht „Der Welfenfonds“ stammt aus der Feder des Autors bzw. Lyrikers Rudolf Lavant. Im Jahr 1844 wurde Lavant in Leipzig geboren. Die Entstehungszeit des Gedichtes geht auf das Jahr 1893 zurück. Erscheinungsort des Textes ist Stuttgart. Das Gedicht lässt sich an Hand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her den Epochen Naturalismus oder Moderne zuordnen. Bitte überprüfe unbedingt die Richtigkeit der Angaben zur Epoche bei Verwendung. Die Zuordnung der Epochen ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen. Das 362 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 60 Versen mit insgesamt 2 Strophen. Die Gedichte „An den Kladderadatsch“, „An die Frauen“ und „An die alte Raketenkiste“ sind weitere Werke des Autors Rudolf Lavant. Zum Autor des Gedichtes „Der Welfenfonds“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 96 Gedichte vor.

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