An den Herrn Minister Herrfurth Exzellenz von Rudolf Lavant

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Wenn Sie gesprochen, weise, klug und tief,
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Von dem Gesetze, das die Volksbethörer
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Noch knapp im Zaume hielt, dann überlief
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Ein Gänsehäutchen auch die kühlsten Hörer.
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Sie malten phantasievoll an die Wand
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So düstre Gräuel uns fidel und munter,
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Daß man sich sagte, wenn die Schranke schwand,
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So ging die ganze Welt unfehlbar unter.
 
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Die Schranke fiel – sie liegt am Boden jetzt
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Und fessellos kann die Verführung wüthen –
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Wo aber hat in Thaten umgesetzt
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Sich das bewußte „ominöse Brüten“?
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Litt irgendwo die „heil’ge Ordnung“ Noth?
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Begann der Föhn der Leidenschaft zu wehen?
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Mir scheint, es ist noch Alles hübsch im Loth
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Und leidlich fest scheint mir die Welt zu stehen.
 
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Es muß Sie doch als sehr humanen Mann
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Höchst angenehm berühren, Herr Minister,
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Daß friedevoll und ruhig kneipen kann,
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Ganz wie zuvor, der treffliche Philister.
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Er wird sich freilich fragen mit der Zeit,
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Warum sich nirgends denn die Waffen rühren,
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Warum von Allem, was Sie prophezeiht,
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Vom Untergang der Welt kein Haar zu spüren?
 
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Saftig zu malen haben Sie beliebt,
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Kassandratöne warnend angeschlagen,
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Als wären extra Sie drauf eingeübt,
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Und namentlich das Roth dick aufgetragen.
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In eine Wüste grau und todesbang
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Sah man verwandelt schon den duft’gen Garten –
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Doch läßt der große, düstre Untergang
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Der ganzen Welt noch immer auf sich warten.
 
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Schon vierzehn volle Tage herrscht das Grau’n,
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Schon vierzehn Tage waltet frei das Laster,
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Doch Niemand denkt ans Barrikadenbau’n
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Und höchst unaufgerissen blieb das Pflaster.
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Die Welt fährt fort, in Ruhe sich zu drehn
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Und nicht das schwächste, leiseste Geknister
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Verkündet uns ein bald’ges Untergehn –
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Sie gingen doch zu weit wohl, Herr Minister?
 
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Schon vierzehn Tage? Wie man lächeln mag,
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Ob Ihres Wahns im Schooß des hohen Rathes!
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Fiel das Gesetz – dann nicht für einen Tag
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Verbürgten Sie die Sicherheit des Staates!
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Nun gingen schon der Wochen zwei ins Land
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Und ward das Reich der Anarchie zur Beute?
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So, wie die Welt vor vierzehn Tagen stand,
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So steht sie, ohne das Gesetz, auch heute.
 
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Man darf zum Scherz, wenn man ein Land regiert,
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Die geistig Armen einmal gruseln machen,
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Doch wenn man sich dabei vergaloppirt,
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So dulde man, daß selbst die Kinder lachen.
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Ja, seinen Haken hat das Prophezeihn!
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Sie nennt dereinst der friedlichste Philister,
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Des Pommerlands loyalstes Bäuerlein
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„Des deutschen Reichs Weltuntergangs-Minister.“

Details zum Gedicht „An den Herrn Minister Herrfurth Exzellenz“

Anzahl Verse
7
Anzahl Zeilen
56
Anzahl Wörter
380
Entstehungsjahr
1893
Epoche
Naturalismus,
Moderne

Gedicht-Analyse

Der Autor des Gedichtes „An den Herrn Minister Herrfurth Exzellenz“ ist Rudolf Lavant. Geboren wurde Lavant im Jahr 1844 in Leipzig. Entstanden ist das Gedicht im Jahr 1893. Erscheinungsort des Textes ist Stuttgart. Auf Grund der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. der Lebensdaten des Autoren kann der Text den Epochen Naturalismus oder Moderne zugeordnet werden. Die Angaben zur Epoche prüfe bitte vor Verwendung auf Richtigkeit. Die Zuordnung der Epochen ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen. Da sich die Literaturepochen zeitlich teilweise überschneiden, ist eine reine zeitliche Zuordnung fehleranfällig. Das 380 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 56 Zeilen mit insgesamt 7 Versen. Weitere bekannte Gedichte des Autoren Rudolf Lavant sind „Agrarisches Manifest“, „An Herrn Crispi“ und „An das Jahr“. Zum Autoren des Gedichtes „An den Herrn Minister Herrfurth Exzellenz“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 96 Gedichte vor.

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