Holz, Arno - Rote Dächer (Gedichtanalyse)

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Arno Holz, Interpretation, Analyse, Gedichtinterpretation, Referat, Hausaufgabe, Holz, Arno - Rote Dächer (Gedichtanalyse)
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Referat

Gedichtanalyse „Rote Dächer“ - Arno Holz

Rote Dächer!

Aus den Schornsteinen, hier und da, Rauch,
oben, hoch, in sonniger Luft, ab und zu Tauben.
Es ist Nachmittag.
Aus Mohdrickers Gartern her gackert eine Henne,
die ganze Stadt riecht nach Kaffee.

Ich bin ein kleiner, achtjähriger Junge
und liege, das Kinn in beide Fäuste,
platt auf dem Bauch
und kucke durch die Bodenluke.
Unter mir, steil, der Hof,
hinter mir, weggeworfen, ein Buch.
Franz Hoffmann. Die Sclavenjäger.

Wie still das ist!

Nur drüben in Knorrs Regenrinne
zwei Spatzen, die sich um einen Strohhalm zanken,
ein Mann, der sägt,
und dazwischen, deutlich von der Kirche her,
in kurzen Pausen, regelmäßig, hämmernd,
der Kupferschmied Thiel.

Wenn ich unten runtersehe,
sehe ich grade auf Mutters Blumenbrett:
ein Topf Goldlack, zwei Töpfe Levkoyen, eine Geranie
und mittendrin, zierlich in einem Zigarrenkistchen,
ein Hümpelchen Reseda.

Wie das riecht? Bis zu mir rauf!

Und die Farben!
Jetzt! Wie der Wind drüber weht!
Die wunder, wunderschönen Farben!

Ich schließe die Augen. Ich sehe sie noch immer.

In dem Gedicht „Rote Dächer“ versucht der Autor Arno Holz eine idyllisch anmutende kleinstädtische Alltagssituation aus der Sicht eines Kindes zu erfassen. Arno Holz (26. April 1863 Rastenburg - Oktober 1929, Berlin) war ein deutscher Naturdichter und Dramatiker. Bekannt ist er vor allem durch seinen Gedichtband Phantasus (1898) geworden. Neunmal wurde er für den Literatur-Nobelpreis nominiert. Holz wurde in Rastenburg, Ostpreußen (heute Kętrzyn, Polen), als Sohn des Apothekers Hermann Holz geboren. Die Familie zog 1875 nach Berlin. Nach seiner Schulzeit arbeitete Holz 1881 als Journalist, entschied sich aber für einen Lebensunterhalt als freier Schriftsteller. Er war den größten Teil seines Lebens in finanziellen Schwierigkeiten. Er knüpfte Kontakte zum Berliner Naturistenclub, wo er den berühmten Schriftsteller Gerhart Hauptmann traf. 1885 erhielt sein Gedichtband "Buch der Zeit" den Schillerpreis. Zu dieser Zeit war Holz vom Darwinismus fasziniert.

Wenn Gedichtformen wie Ode, Hymne oder Prosagedicht im Allgemeinen dadurch definiert werden, dass sie sich zwar lyrischer Elemente bedienen, jedoch keine durchgängige Form aufweisen, so trifft dieses auch auf das vorliegende Gedicht „Rote Dächer“ zu. Das Gedicht ist in neun unterschiedliche Abschnitte unterteilt, die kein einheitlicher Strophenbau, kein Versmaß und kein Reim verbindet. Jedoch können die unterschiedlichen Textabschnitte auch als Strophen angesehen werden.

Die erste Strophe besteht aus 5, die zweite Strophe aus 6, die 5 Strophe aus 6, die 6 Strophe aus 5 und die 8 Strophe aus 3 Zeilen. Die 3., 4., 7. und 9. Strophe sind lediglich einzeilig. Die Zeilen sind unterschiedlich lang. Auffällig ist, dass sich der formale Aufbau der vier längsten Strophen des Gedichts ( 1,2, 5 & 6 Strophe) ähnelt; in Bezug auf die Zeilenanzahl der fünften und der sechsten Strophe scheint es so, als ob die erste und die zweite Strophe durch die einzeilige, dritte Strophe gespiegelt werden. Ansonsten lässt sich kein formal beabsichtigter Aufbau erkennen.

In der ersten Strophe werden von einem noch unbekannten lyrischen Ich wahrgenommene auditive, visuelle und olfaktorische (den Geruchssinn betreffende) Reize beschrieben, die aus dem das unbekannte lyrische Ich umgebenen Raum resultieren (Geruch des Kaffees etc.) . Des Weiteren erfährt der Leser, dass es Nachmittag ist (Vgl. Z.3, „es ist Nachmittag“). In der zweiten Strophe stellt sich das lyrische Ich gleich zu Beginn selbst vor ( Vgl. Z. 6, „ich bin ein kleiner, achtjähriger Junge“) und beschreibt seine gegenwärtige Situation: es liegt „platt auf dem Bauch“ (Vgl. Z. 8) auf dem Boden einer Bodenluke über einem Hof. Aus den anderen Strophen geht hervor, dass sich das lyrische Ich wohl auf dem elterlichen Besitz befindet (Vgl. Z. 21). Hinter dem lyrischen Ich liegt ein „weggeworfenes Buch“, dessen Titel und Autor (Franz Hoffmann, „Die Sklavenjäger“) die darauf folgende dritte, einzeilige Strophe bilden. Die vierte Strophe besteht aus einem einzigen Ausruf, in welchem das lyrische Ich seine Verwunderung über die Stille zum Ausdruck bringt („wie still das ist“,Z.13 ). In der fünften Strophe nimmt das lyrische Ich Aktivitäten der es umgebenden Lebewesen wahr; so sieht es zankende Spatzen (Vgl. Z. 14-15), einen sägenden Mann (Vgl. Z.16) und hört den hämmernden Kupferschmied mit Namen Thiel (Vgl. Z. 19). In der sechsten Strophe beschreibt es das sich unter ihm befindende Blumenbrett seiner Mutter (Vgl. Z. 20-24). In der siebten, einzeiligen Strophe nimmt das lyrische Ich Bezug auf den Geruch der Blumen. Zeitgleich beschäftigt es sich mit der visuellen Wirkung des Blumenbretts und den daraus resultierenden, euphorischen Gefühlsausbruch (Vgl. Strophe 8). In der neunten, ebenfalls einzeiligen Strophe, die jedoch aus zwei Sätzen besteht, wird zum Ausdruck gebracht, dass das lyrische Ich diesem Wahrnehmungsprozess ein vorläufiges Ende setzt, indem es die Augen schließt.

Den aus den wahrgenommen Reizen resultierenden Gefühlsregungen folgt also ein Moment der Ruhe und Entspannung. Auf den ersten Blick scheint der Text auf die rein denotative Sprachebene (ohne Berücksichtigung von Nebenbedeutungen) abzuzielen; so lassen sich keine Metaphern oder Allegorien erkennen. Die Worte des Gedichts scheinen nicht von besonderer Bedeutung zu sein; sie meinen also genau das, was sie direkt sagen sollen. Auf den zweiten Blick erkennt der Leser jedoch, dass Holz gezielt mit bestimmten Assoziationen spielt; der Geruch des Kaffees beispielsweise (Vgl. Z.5) evoziert sofort ein Sonntag- Nachmittag Gefühl, also ein Gefühl der Ruhe, beim Leser. Auch die Geräuschkulisse (Vgl. Verben wie hämmern, sägen, zwitschern, gackern) erscheint trotz der Aktivität der das lyrische Ich umgebenden Lebewesen nicht unruhig, sondern vielmehr wird der Eindruck erweckt, als ob die Menschen mit Freude ihrer jeweiligen Arbeit nachgingen. Die Atmosphäre lässt sich also quasi fast schon als idyllisch beschreiben. Zumindest breitet sich während des Lesevorgangs ein Gefühl der Behaglichkeit beim Leser aus.

Das Gedicht besteht insgesamt aus 15 Sätzen, die in ihrem grammatikalischen Aufbau stark dem von Arno Holz und weiteren naturalistischen Lyrikern entwickelten Telegramm- Stil entsprechen. Durch zahlreiche, den Satz gliedernde Kommata entstehen Pausen; sie verleihen dem Gedicht ein bis dato untypischen Rhythmus. Der Rhythmus ist analog zu der natürlichen, menschlichen Wahrnehmung der Umwelt; so ordnet man empfangene Reize nicht erst zu Sätzen, sondern nimmt sie einfach wahr. Der Leser wird also direkt in das Geschehen involviert. Verstärkt wird dieser Eindruck durch das im ganzen Gedicht vorherrschende Tempus Präsens.

Es scheint, als ob der Dichter versucht, einen Augenblick einzufangen und dieselbe Wirkung, die dieser Augenblick beim direkten Rezipienten, also dem lyrischen Ich, erzielt, den Leser des Gedichts durch zahlreiche sprachliche Mittel zu verdeutlichen. Holz antizipiert somit experimentell den später „stream of consciousness“ (Bewusstseinsstrom) bezeichneten Literaturstil (Alfred Döblin, Virginia Woolf). Bewusstseinsstrom (englisch stream of consciousness) bezeichnet die ungeregelte Folge von Bewusstseinsinhalten. In der Literaturwissenschaft ist damit eine Erzähltechnik gemeint, die die scheinbar ungeordnete Folge der Bewusstseinsinhalte einer oder mehrerer Figuren wiedergibt.

Arno Holz benutzt Aphäresen (Wegfall eines Lauts oder einer Silbe am Wortanfang, Vgl. Z. 14, Z. 20, Z.25, Z.27), Diminutive (Verkleinerungsformen, Vgl. Z. 23 und Z.24) sowie umgangssprachliche Sequenzen ( Vgl. Z. 8, Z.20) um die sprachliche Ebene des Gedichts authentisch wirken zu lassen, da diese Eindrücke ja von einem kleinen, achtjährigen Jungen gemacht werden bzw. wie von einem kleinen, achtjährigen Jungen gemacht wirken sollen, denn interessanterweise lässt sich die erste Zeile der zweiten Strophe auch dahingehend interpretieren, dass sich das lyrische Ich nicht selbst vorstellt, sondern das sich ein anderes, eventuell wesentlich älteres lyrisches Ich aufgrund der empfangenen Sinneseindrücke wie ein kleiner, achtjähriger Junge fühlt.

Bei näherem Hinsehen scheinen die Abschnitte formal aufeinander bezogen zu sein; so sind die Abschnitte 4 und 7 anaphorisch verbunden ( „wie“) und die letzten Zeilen der Strophen 5 und 6 sind syntaktisch parallel aufgebaut. Außerdem endet fast jede Zeile mit einem Nomen. Dies verdeutlicht die Homogenität der positiven Gefühle des lyrischen Ichs.

Auffällig sind die zahlreichen Ausrufe des lyrischen Ichs, die teilweise ganze Strophen bilden (Vgl. Z. 13, 25-28) . Selbst der Titel „Rote Dächer!“ ist durch das Ausrufezeichen als Ausruf markiert. Das lyrische Ich ist also sehr erfreut und eventuell überrascht (Vgl. Z.13) über die unterschiedlichen Sinneseindrücke, die insgesamt positive Gefühle im lyrischen Ich erwecken, die nicht explizit angesprochen werden, durch die Ausrufe jedoch ausreichend vermittelt werden. Diese positiven Gefühle werden in der vorletzten Zeile des Gedichts auch durch das durch das rhetorische Mittel Geminatio verstärkte Wort „wunderschön“ wiedergegeben.

Das lyrische Ich kennt seine Umgebung scheinbar sehr gut; so kennt es den Namen der Nachbarn (Knorr und Mohdricker), den Namen des Kupferschmieds (Thiel) und vermag die Art der sich zankenden Vögel einzuordnen (Spatzen). Außerdem kann es die Quelle der auditiv empfangenen Reize problemlos bestimmen („Mohdrickers Garten“, „von der Kirche her“). Das lyrische Ich ist mit seinem Zuhause und der Umgebung („Mutters Blumenbrett“) also offensichtlich heimatlich vertraut. Der Verweis auf das weggeworfene Buch erscheint auf den ersten Blick überflüssig, doch verdeutlicht er auf den zweiten Blick, dass das lyrische Ich den Blick aus der „Bodenluke“ wohl dem Lesen eines Buchs, und damit dem Versinken in einer anderen Welt, vorzieht. Der Titel des Buchs gibt Auskunft über seine Gattung: es handelt sich wohl um einen Abenteuerroman ( „der Sklavenjäger“). Der Inhalt des Buchs steht dann folglich im deutlichen Kontrast zur erlebten Situation des Subjekts; die nämlich ist absolut nicht abenteuerlich; das lyrische Ich bleibt passiv und lässt die Umgebung auf sich wirken. Aus den Beobachtungen resultieren dann bestimmte Gefühle. Der Raum beeinflusst also den Menschen.

Dies ist eine für den Naturalismus sehr wichtige Thematik, die Holz hier unter anderem anspricht. Ende des 19. Jahrhunderts war so eine Art Gedicht sehr unüblich, so hatten Dichtungen bis dahin doch meistens noch eine zweite Bedeutungsebene, mit der Holz hier bewusst nicht spielt. Anders als in der Epoche der Romantik, in der Naturbeobachtungen fantastisch überhöht wurden und Sehnsucht erweckten, führen die Raumbeobachtungen des lyrischen Ichs dazu, dass es zur Ruhe kommt und seine Augen schließt (Vgl. Z.30). Es flüchtet auch nicht aus der Wirklichkeit und möchte, anders als die Subjekte der Romantik- Epoche, dem Alltag nicht entkommen- der Alltag wirkt in „Rote Dächer“ eher idyllisch als einengend oder einsperrend. Allerdings ist dies keine typisch naturalistische Einstellung- der Alltag wirkt in einigen naturalistischen Werken sehr wohl einengend. In „Rote Dächer“ jedoch wird die oft in naturalistischen Werken thematisierte „Soziale Frage“ und das damit verbundene Leid wie auch die Entfremdung der Menschen als Reaktion auf die Industrialisierung nicht angesprochen. Ob das bewusst intentional geschieht, um den Alltag vor der Industrialisierung quasi zu idealisieren bzw. in Kontrast zu dem Alltag während der Industrialisierung zu setzen, kann hier allerdings nicht geklärt werden. Allerdings ist offensichtlich, dass die Umgebung des lyrischen Ichs noch nicht von der Industrialisierung berührt wurde; so üben die Menschen in der Stadt Berufe aus, die während und vor allem nach der industriellen Revolution überflüssig wurden ( Schmied, Handwerker) und während der industriellen Revolution war es außerdem unüblich, Hühner und Gärten in einer Stadt zu besitzen, da dafür kaum Platz war, zumindest nicht in den ärmlichen Gegenden.

Das Gedicht ist also ein Versuch des naturalistischen Lyrikers Arno Holz, einen Augenblick einzufangen und die Wirkung bestimmter Reize auf ein Subjekt darzustellen. Es ist nicht darauf ausgelegt, beim Leser einen unmittelbaren Verhaltenswechsel auszulösen. Es stellt alles so dar, wie es auch ist - und ist somit als Gegenstück zur romantischen Lyrik zu verstehen.

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