Brentano, Clemens - Der Spinnerin Nachtlied Kirsch, Sarah - Bei den weißen Stiefmütterchen (Vergleich)

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Sarah Kirsch, Der Spinnerin Nachtlied, vergleichende Gedichtinterpretation, Analyse, Referat, Hausaufgabe, Brentano, Clemens - Der Spinnerin Nachtlied Kirsch, Sarah - Bei den weißen Stiefmütterchen (Vergleich)
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Referat

Vergleichende Gedichtinterpretation: „Bei den weißen Stiefmütterchen“ (Sarah Kirsch) und „Der Spinnerin Nachtlied“ (Clemens Brentano)

Im Folgenden werden die Gedichte „Bei den weißen Stiefmütterchen“ von Sarah Kirsch und „Der Spinnerin Nachtlied“ von Clemens Brentano analysiert und anschließend miteinander verglichen.

Der Spinnerin Nachtlied
von Clemens Brentano

Es sang vor langen Jahren
Wohl auch die Nachtigall,
Das war wohl süßer Schall,
Da wir zusammen waren.
 
Ich sing' und kann nicht weinen,
Und spinne so allein
Den Faden klar und rein
So lang der Mond wird scheinen.
 
Als wir zusammen waren
10 
Da sang die Nachtigall
11 
Nun mahnet mich ihr Schall
12 
Daß du von mir gefahren.
 
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So oft der Mond mag scheinen,
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Denk' ich wohl dein allein,
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Mein Herz ist klar und rein,
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Gott wolle uns vereinen.
 
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Seit du von mir gefahren,
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Singt stets die Nachtigall,
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Ich denk' bei ihrem Schall,
20 
Wie wir zusammen waren.
 
21 
Gott wolle uns vereinen
22 
Hier spinn' ich so allein,
23 
Der Mond scheint klar und rein,
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Ich sing' und möchte weinen.

(„Der Spinnerin Nachtlied“ von Clemens Brentano ist auch in unserer Gedichtedatenbank zu finden. Dort findest Du auch weitere Gedichte des Autoren.)

(Aus urheberrechtlichen Gründen kann hier nur das Gedicht „Der Spinnerin Nachtlied“ von Clemens Brentano veröffentlicht werden)

Im Gedicht „Der Spinnerin Nachtlied“, das 1802/1818 von Clemens Brentano verfasst worden ist und somit der Epoche der Romantik zuzuordnen ist, trauert das weibliche lyrische Ich um seinen verstorbenen Mann. Das für die Romantik charakteristische Motiv der Sehnsucht kommt deutlich zum Ausdruck und wird durch das Symbol des Mondes umschrieben, bei dessen Anblick das lyrische Ich weinen möchte (vgl. z.23, f.). Die Frau trauert in der Gegenwart der Vergangenheit nach und hofft auf die Zukunft, in der sie mit ihrem Mann vereint sein wird (vgl. z.16). Dabei wird die Frau alle Zeitabschnitte hindurch von der Nachtigall begleitet (vgl. z.1-2, z.9-10, z.17-18), welche ein Symbol für die Beziehung und Liebe zwischen ihr und ihrem Mann ist. Außerdem steht die Nachtigall als Tier für die Natur, die von nichts beeinflusst ihren Lauf nimmt, genau wie das Spinnrad. Es ist ein Symbol für den ständigen Lebenslauf, also eine Art „Rad der Zeit“. Und weil die Frau sich durchaus im Klaren ist, dass ihr Geliebter in der irdischen Welt nicht mehr zurückkommt, und dass das Leben weitergeht, kann sie nicht weinen (vgl. z.5).

In diese Volksliedstrophen ist eine Tautologie (inhaltliche Wiederholung → sprich einer semantischen Redundanz) eingearbeitet worden. Die erste, dritte und fünfte Strophe bilden gemeinsam einen Sinnabschnitt, in dem das Symbol der Nachtigall dominiert und der Vokal „a“ vorherrscht. In der zweiten, vierten und sechsten Strophe ist hingegen die Umschreibung „klar und rein“ (z.7, 15, 23) besonders oft benutzt worden und der Vokal „ei“ dominiert. Das Gedicht weißt einen umarmenden Reim auf und das Metrum ist größtenteils der 3-hebige Jambus.

Das Gedicht „Bei den weißen Stiefmütterchen“ von Sarah Kirsch aus den Jahre 1967 ist eine Dokumentation über den Verarbeitungsprozess einer gescheiterten Liebe. Das weibliche lyrische Ich wartet auf seinen Geliebten im Park, welcher jedoch nicht kommt. Nachdem die Frau sich alle möglichen Situationen ausgemalt hat, welche den Mann verhindert haben könnten (vgl. z.6, ff.), kommt sie letztendlich zu dem Entschluss, dass er zu seiner Ehefrau zurückgekehrt ist und nie wieder zu ihr zurückkommen wird (vgl. z.9). Bei diesem Dialog mit der personalisierten Weide im Park (vgl. z.5) übertreibt das lyrische Ich von Zeile zu Zeile immer stärker in immer groteskeren Ausmalungen darüber, wo der Mann sein könnte. Mit der Einsicht, dass er nicht zurückkommt, schießt der Spannungsbogen ab. Die wartende Frau nimmt das überraschender Weise so hin, weil sie den Mann so sehr liebt, dass ihr alles recht ist, bloß damit dieser glücklich ist (vgl. z.15).

Das Gedicht gliedert sich in drei Strophen mit jeweils fünf Versen, welche keinem einheitlichen Metrum unterliegen und sich auch nicht reimen. Dies lässt das Gedicht wie einen authentischen Gedankengang erscheinen. Darin ist auch ein entscheidender Unterschied zu dem Gedicht „Der Spinnerin Nachtlied“ von Brentano zu sehen. Brentanos Gedicht reimt sich zum einen, zum anderen steht es im Jambus. Sarah Kirschs Gedicht hingegen ist deutlich moderner und liberaler. Diese Modernität zeigt sich auch in dem Thema des Gedichts: Das lyrische Ich ist nur die Geliebte, die Affäre des verheirateten Mannes, wenn auch durch die weißen Stiefmütterchen als „unschuldig“ beschrieben. Diese eigentlich verpönte Rolle steht im Mittelpunkt und der Leser fühlt mit der Geliebten mit. Brentanos Gedicht hingegen verstößt gegen keine moralischen Konventionen. Die Liebe dieses Paares ist durch die Ehe legitimiert.

Bei der Verarbeitung des Verlustes, gibt es ebenfalls große Unterschiede. In Kirschs Gedicht ist das lyrische Ich emotional zurückgenommen. Mit der Einordnung dieses Werkes in die neue Subjektivität der 60er Jahre, erklärt sich auch die sachliche Sprechhaltung, mit der das lyrische Ich versucht Erklärungen zu finden für das Wegbleiben ihres Geliebten. Es ist sich der Vergänglichkeit der Liebe bewusst und ist sehr selbstsicher.

In „Der Spinnerin Nachtlied“ dominieren die Trauer um den verstorbenen Mann und der Glaube an ein Widersehen nach dem Tod. Das Gedicht ist gemäß der gefühlsbetonten Romantik sehr emotional und sehnsüchtig. Passend dazu spielt sich die beschriebene Szene auch in der Nacht bei Mondschein ab, was besonders atmosphärisch ist. In „Bei den weißen Stiefmütterchen“ ist die Zeit nicht bekannt, wohl aber der Ort. Es ist ein Park, ein weltlicher Ort, den viele Menschen aufsuchen und der eigentlich ganz alltäglich ist und keine übertriebene Dramatik auslöst.

In beiden Gedichten verliert das weibliche lyrische Ich, wenn auch auf unterschiedlich Art und Weise, seinen Mann. Und in beiden Fällen wird dieser Verlust mithilfe von Symbolen aus der Natur umschreiben. In Sarah Kerns Gedicht hat die Weide ihre Blätter abgeworfen (vgl. z.4). Dies bedeutet, dass es höchstwahrscheinlich Herbst ist, und der Sommer sich, genau wie die Liebe des lyrischen Ichs, zum Ende neigt. Es findet ein Wechsel statt. Das Alter der Weide (vgl. z.4) symbolisiert zudem Erfahrung, welche das lyrische Ich infolge dieser Affäre sammeln konnte. Daneben steht die Weide auch einfach für die Natur und deren Gang: die Abfolge von Geben und Nehmen, Gewinnen und Verlieren und Gebären und Sterben. In Brentanos Gedicht beinhaltet das Symbol der Nachtigall all dies, aber auch das des Spinnrades.

Abschließend und zusammenfassend lässt sich feststellen, dass in beiden Gedichten ähnliche Symbole verwendet werden, um den Verlust einen lieben Menschen zu beschreiben. Jedoch wird dieser Verlust unterschiedlich interpretiert, nämlich stets gemäß dem Geist der Zeit, in der das Gedicht verfasst wurde. Brentanos „Der Spinnerin Nachtlied“, ein Gedicht aus der Romantik, ist vor allem sehnsüchtig. Kirschs „Bei den weißen Stiefmütterchen“ strotzt vor weiblichem Selbstbewusstsein, welchen die Frauen vor nicht all zu langer Zeit erlangt haben. Das Gedicht ist zudem eine Abweichung vom sozialistischen Realismus, denn die aus der ehemaligen DDR stammende Dichterin Sarah Kirsch zeigt eine emanzipierte Frau, die vielleicht eine Ehe zerstört hat. Außerdem weisen die Gedichte auch starke formelle Unterschiede auf, was nochmals die unterschiedlichen Intentionen der Autoren betont.

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