Goethe, Johann Wolfgang von - Natur und Kunst (Analyse)

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Johann Wolfgang von Goethe, Interpretation, Analyse, Referat, Hausaufgabe, Goethe, Johann Wolfgang von - Natur und Kunst (Analyse)
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Referat

Gedicht: Natur und Kunst - Johann Wolfgang von Goethe / Interpretation & Analyse

Natur und Kunst
von Johann Wolfgang von Goethe

Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen
und haben sich, eh' man es denkt, gefunden;
der Widerwille ist auch mir verschwunden,
und beide scheinen gleich mich anzuziehen.
 
Es gilt wohl nur ein redliches Bemühen!
Und wenn wir erst in abgemess'nen Stunden
mit Geist und Fleiß uns an die Kunst gebunden,
mag frei Natur im Herzen wieder glühen.
 
So ist's mit aller Bildung auch beschaffen;
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vergebens werden ungebundne Geister
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nach der Vollendung reiner Höhe streben.
 
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Wer Großes will, muß sich zusammenraffen;
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in der Beschränkung zeigt sich erst der Meister,
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und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.

(„Natur und Kunst“ von Johann Wolfgang von Goethe ist auch in unserer Gedichtedatenbank zu finden. Dort findest Du auch weitere Gedichte des Autoren.)

Das Gedicht „Natur und Kunst“ wurde im Jahr 1800 von Johann Wolfgang von Goethe verfasst und erklärt, dass man mit Anstrengung und Beschränkung hohe Gefühle von Natur, Kunst und Freiheit spüren kann. Das Gedicht ist dabei in einer klassischen Sonettform verfasst. Es besteht aus 4 Strophen, von denen die ersten beiden einen umarmenden Reim enthalten (beide vierzeilig) und die letzten beiden einen Paarreim, so wie einen Schweifreim enthalten (beide dreizeilig). Das Versmaß ist ein durchgehender fünfhebiger Jambus mit jeweils weiblichen Kadenzen. Das hier vorliegende Reimschema ist ein umschließender Reim (a,b,b,a).

Der klassische Charakter des Werkes wird durch die strenge Einhaltung dieser formalen Elemente im gesamten Gedicht bestärkt. Das Gedicht wurde im Jahre 1800 verfasst und ist somit eindeutig der Klassik zuzuordnen. Auch der Inhalt des Gedichtes befasst sich mit Werten der Klassik, wie sich in der weiteren Interpretation zeigen wird. Diese enorme Konformität des Gedichtes wird des Weiteren dadurch bestätigt, dass alle Zeilen, ausgeschlossen der des Schweifreims, auf „en“ enden. Der Fakt, dass im Gedicht umarmende Reime und einmal sogar ein Schweifreim verwendet wird, zeigt, dass die Inhalte der einzelnen Verse und Strophen durchaus stark verknüpft sind.

Das Gedicht beginnt mit der Gegenüberstellung von Natur und Kunst. Die beiden Begriffe werden zunächst als unvereinbar beschrieben, da sie sich gegenseitig auszuschließen scheinen.

Direkt in der ersten Zeile des Gedichtes wird der Titel aufgegriffen. Doch obwohl diese beiden Begriffe im Zusammenhang genannt werde, wird hier zunächst ein Kontrast zwischen beiden hergestellt: „Natur und Kunst“, sie scheinen sich zu fliehen“ (Z.1). Das Verb „fliehen“ ruft beim Leser direkt die Konnotation von Distanz hervor. Diese Distanz wird sofort durch das Verb „scheinen“ relativiert. Es wird lediglich ein Scheinzustand dargestellt. In der dritten Zeile taucht nun auch das lyrische Ich auf und stellt resultierend aus der zweiten Zeile fest: „Der Widerwille ist auch mir verschwunden“ (Z.3). Obwohl diese Aussage mit den vorherigen Erkenntnissen übereinstimmt, wird hier auch gezeigt, dass vorher ein Widerwille vorhanden gewesen sein muss. Dies könnte bedeuten, dass die hier angesprochenen klassischen Werte und Begriffe in der Gesellschaft noch nicht wirklich gefestigt sind, da es zur Klassik durchaus gegensätzliche Bewegungen, wie die des Sturm und Dranges gab. Schließlich schlussfolgert das lyrische Ich „Und beide scheinen gleich mich anzuziehen“. Das Verb „anzuziehen“, verstärkt den Kontrast zum Verb „fliehen“ weiter, da es genau eine gegensätzliche Bewegung beschreibt. Da das Verb anzuziehen sich hier auf das lyrische Ich bezieht, wird die hier die besondere Nähe des lyrischen Ichs zu Natur und Kunst ausgedrückt.

Die zweite Strophe beginnt mit einer kleinen Wende im Gedicht, da sie mit einem Ausruf beginnt und Natur und Kunst auch in einem anderen Kontext behandelt. Die erste Zeile der 2. Strophe: „Es gilt wohl nur ein redliches Bemühen!“ stellt den Begriff des Bemühens in den Vordergrund und ruft die Konnotation von Arbeit hervor. Dies stellt eine Veränderung zur ersten Strophe dar, da dort Natur und Kunst nur allgemein behandelt wurden. Des Weiteren entwickelt der Ausruf einen allgemeinen Charakter, da hier der Inhalt des Gedichtes nicht mehr nur aus der Sicht des lyrischen Ichs erzählt wird. Der Sprecher beginnt, die Verbindung zwischen Kunst und Natur herauszustellen. Er möchte die Wege zu kennzeichnen, durch die sich die beiden Begriffe einander nähern und ergänzen. So wird die Kunst als eine Fertigkeit empfunden, deren Verstehen und Kenntnis man sich erst durch Arbeit, Fleiß und Hingabe aneignen kann. Erst dadurch wird das Individuum dazu befähigt, die Natur in ihrer ganzen Bedeutsamkeit zu erfahren, sie angemessen verstehen und interpretieren zu können. Der angedeutete Widerspruch der ersten Strophe besteht also darin, dass der Mensch erst durch die vollkommene Beherrschung der Kunst in die Lage versetzt wird, sich der Natur anzunähern. Die Vernunftbegabung des Menschen aber auch seine Befähigung sich durch Wissen die Welt zu erschließen wird hier als ein Mittel gesehen, wahre Freiheit und Unabhängigkeit zu erlangen, die mit der Natur gleichgesetzt wird. Das lyrische Ich beschreibt die Natur als etwas, das vom Menschen unabhängig existiert und damit vollständig und frei eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt. Die Natur steht damit über jeder menschlichen Moral. Der Kunstbegriff wird hingegen als die Erfindung des Menschen erklärt wird. Die Kunst beruht auf Konventionen, die von Regeln bestimmt sind und verbindliche moralische Vorstellungen transportiert.

Diese Veränderung der Perspektive wird in der sechsten Zeile weitergeführt, da hier das Personalpronomen wir verwendet wird: „Und wenn wir erst, in abgemessnen Stunden,“ (Z.6). Zudem verstärken die hier angeführten „abgemessenen Stunden“ die Konnotation von Arbeit und Anstrengung. In der folgenden Zeile wird erklärt, worauf sich diese Anstrengung bezieht. Man soll „Mit Geist und Fleiß […] an die Kunst gebunden“ (Z.7) sein. Der Binnenreim zwischen „Geist und Fleiß“ verstärkt hier den Ausdruck dieser Wörter, zumal diese auch gut in den klassischen Kontext des Gedichtes passen. Das Gedicht fordert hier also auf, dass sich das einzelne Individuum mit enormen Aufwand der Kunst wendet, denn nur so: „Mag frei Natur im Herzen wieder glühen.“ (Z.8). Dies bedeutet, dass nur wenn man sich der Kunst enorm zuwendet auch die Freiheit der Natur spüren kann. Mann kann in der Kunst also die Natur bzw. in der Kunst das Allgemeine finden. Gerade ist wieder eine eindeutige Parallele zu der Klassik und bestärkt den klassischen Inhalt des Gedichtes.

In der 3. Strophe erfolgt nun eine erneute Wende. Die in der zweiten Strophe beschriebene Erkenntnis weitet das lyrische Ich nun aus und vermittelt seine Überzeugung. Erst durch eine umfassende Bildung kann vollkommene Weisheit erlangt werden. Dadurch kann schließlich eine Ebene erreicht werden, die den Menschen dazu befähigt, die wahre Schönheit und Erkenntnis der Dinge einzufangen. Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, wie die Ideale der Aufklärung zum Ausdruck gebracht werden. Der ganzheitliche Bildungsanspruch steht dabei in enger Verbindung mit dem Menschenbild des Humanismus, wie er beispielsweise im humboldtschen Bildungsideal vertreten wurde. Unter dem humboldtschen Bildungsideal versteht man die ganzheitliche Ausbildung in den Künsten und Wissenschaften in Verbindung mit der jeweiligen Studienfachrichtung. Dieses Ideal geht zurück auf Wilhelm von Humboldt, der in der Zeit der preußischen Rekonvaleszenz auf ein erstarkendes Bürgertum setzen konnte und dadurch den Anspruch auf Allgemeinbildung förderte.

Die 4. und letzte Strophe des Gedichts schließt nicht nur inhaltlich sondern auch formal direkt an die vorherige Strophe an. Goethes Intention wird erkennbar. Nur wer bemüht ist und nicht vom Weg abkommt, sein Ziel nie aus den Augen lässt, wird in der Lage sein, alles zu schaffen, was er sich vorgenommen hat. Zitat, Zeile 12-13: „Wer Großes will, muss sich zusammenraffen; in der Beschränkung zeigt sich erst der Meister.“ Die Formulierung des Bildungsideals wird dabei fortgesetzt. Sowohl Arbeitsfleiß als auch Strebsamkeit werden als unbedingte Voraussetzung für das Erreichen großer Ziele angesehen. Die Kenntnis von komplexen Zusammenhängen ist für den Menschen wichtig um die Welt begreifbar machen zu können. Die hohe Bedeutung der Bildung wird ebenso wie der Aufruf zur Mündigkeit und Selbständigkeit betont. Das Eintauchen in die Wissenschaften und deren theoretischer Grundlagen dient nicht nur der geistigen Befreiung und dem Verstehen der eigenen Umwelt. Die Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen, Hierarchien und dem Ständewesen stehen hier in einem direkten Zusammenhang.

Die Vermutung liegt nahe, dass Goethe „Natur und Kunst“ in Zeiten der Klassik verfasst hat. Diese ging von dem Ideal des Menschen aus, das mit den Begriffen „Harmonie“ und „Totalität“ umschrieben wurde. Der Mensch sollte nicht nur einzelne Tugenden besitzen, sondern alle menschlichen Kräfte ausbilden, wie beispielsweise Gefühl und Verstand, künstlerisches Empfinden und wissenschaftliches Denken, theoretisches Erfassen und praktische Umsetzung (= Totalität). Goethes Gedicht „Natur und Kunst“ spiegelt einen starken Einfluss des Aufklärungsgedanken wider. Das humanistische Ideal Wilhelm von Humboldts und sein ganzheitlicher Bildungsanspruch finden sich wieder und revolutionäre Ansichten werden vertreten. In diesem Sinne dient Bildung vor allem der Befreiung von geistigen Beschränkungen, von Obrigkeitsdenken. Weitsicht und Engagement werden gefördert aber auch gefordert. Am Ende soll schließlich die Erhöhung einer Existenz stehen, das dem Menschenideal als Ebenbild Gottes so nah wie möglich kommen soll. Unabhängigkeit und Freiheit stehen dabei als Ideale über allem. Diese Ideale ziehen schließlich die Verbindung zur (eigenen und inneren) Natur.

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