Dürrenmatt, Friedrich - Die Physiker (Analyse)

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Referat

Friedrich Dürrenmatt - Die Physiker (Interpretation ausgewählter Textstellen)

Die Physiker ist eine groteske Tragikomödie des Schweizer Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt, die 1961 geschrieben und am 21. Februar 1962 im Schauspielhaus Zürich uraufgeführt wurde (Regie: Kurt Horwitz). Darin weist der Autor auf potenzielle Gefahren hin, welche die Wissenschaft in sich birgt. Die gesamte Handlung, bestehend aus zwei Akten, spielt in einem Irrenhaus für gesellschaftlich besser gestellte Menschen. Dabei symbolisieren die verschiedenen Insassen und das Personal die damaligen Machtblöcke des Kalten Krieges.

Analyse / Interpretation ausgewählter Textstellen

  • S. 18-24 Gespräch zwischen Kriminalinspektor Voß und Newton
  • S. 24-29 Gespräch zwischen Kriminalinspektor Voß und Möbius
  • S. 61-66 Einstein und Newton decken ihre wahren Identitäten auf 

S. 18-24 Gespräch zwischen Kriminalinspektor Voß und Newton
Friedrich Dürrenmatts Komödie „Die Physiker“ – in Form einer Neufassung erschienen 1980 in der Diogenes Verlag AG, Zürich – handelt von der Verantwortung der Wissenschaftler für die Menschheit. Die Hauptpersonen sind drei angeblich geistig verwirrte, in einem Sanatorium lebende Physiker. Weitere wichtige Rollen spielen zudem Kriminalinspektor Richard Voß und die Anstaltsleiterin Dr. h.c. Dr. med. Mathilde von Zahnd. Die Komödie ist – entgegen der üblichen Form eines Dramas – in zwei Akte mit jeweils fünf Szenen unterteilt. Das Geschehen spielt sich vollständig im Salon der Irrenanstalt ab. In der vorliegenden Szene, der zweiten Szene im ersten Akt, führt Kriminalinspektor Richard Voß ein Gespräch mit Herbert Georg Beutler alias Newton. Kurz zuvor hatte Ernst Heinrich Ernesti, der vorgibt Einstein zu sein, Schwester Irene Straub erdrosselt. Zwar hatte der Inspektor Einstein nicht verhaften können, da dieser zumindest scheinbar geistig verwirrt ist, jedoch hatte er der Oberschwester unmissverständlich klargemacht, dass nach dem bereits zweiten Mord in der Anstalt höhere Sicherheitsmaßnahmen von Nöten seien. Newton den Lärm der Ermittlungen hörend gesellt sich zu der Runde. Es folgt eine Unterhaltung zwischen Voß und Newton. Dabei steht der Inhalt des Dialogs – wie im Drama üblich - im Vordergrund. Jedoch kommen auch die Emotionen Inspektor Voß’ im Gespräch gut zum Ausdruck. Voß’ Erregung in Wut hat eine kurze, abgehackte Sprechweise zur Folge.

Die Unterhaltung der beiden beinhaltet fünf große Themen. Somit kann man den Textabschnitt inhaltlich gliedern. Im ersten Teil des Textes klärt Voß Newton über den vorangegangenen Mord auf (S. 18, 3. Absatz – S. 19, 2. Absatz). Anschließend beginnt Newton die Unordnung im Zimmer zu beseitigen und kommt so auf sich zu sprechen. Er als Physiker könne keine Unordnung ertragen (S. 19, 3. Absatz – S. 19, 4. Absatz). Im dritten Abschnitt äußert Newton schließlich seine Bestürzung über den Mord an Schwester Straub. Inspektor Voß macht ihn darauf aufmerksam, dass er selber auch schon eine Schwester erdrosselt habe. Newton sieht jedoch einen unterschied zwischen den Morden und betont: „Ich bin schließlich nicht verrückt.“ (S. 19, 5. Absatz – S. 20, 5. Absatz) Im vorletzten Abschnitt offenbart Newton Inspektor Voß, dass er in Wirklichkeit Einstein sei und sich nur für Newton ausgebe um Ernst Heinrich Ernesti nicht unnötig zu verwirren (S. 20, 6. Absatz – S. 21, 6. Absatz). Im fünften Abschnitt bessert sich die bis dahin schlechte Laune des Inspektors schließlich leicht und die beiden führen in schon etwas vertrauterer Atmosphäre Gespräche über Musik und Elektrizität (S. 21, 7. Absatz – S. 23, 1. Absatz). Newton verlässt den Salon wieder und es folgt eine Unterhaltung zwischen dem Inspektor und der Anstaltsleiterin Dr. Mathilde von Zahnd.

Vor allem in den Abschnitten 1-4 weist der Satzbau viele Ellipsen auf. Der Inspektor ist wütend, dass er Einstein nicht verhaften darf und antwortet so stets nur sehr kurz und in unvollständigen Sätzen. Dies wird vor allem deutlich, als Newton den Inspektor nach dem Mord fragt. Newton fragt nach, ob der Inspektor wirklich von der Landesmeisterin des nationalen Judoverbandes spreche. Daraufhin antwortet dieser nur einsilbig: „Die Landesmeistern.“ Als Newton sein Entsetzen über den Mord ausdrückt, fährt Voß fort: „Von Ernst Heinrich Ernesti.“ Nicht wenige der Sätze sind zudem abgebrochen, da vor allem Einstein seinen Gesprächspartner oftmals unterbricht. Dies zeigt, dass Newton in einer besseren, mächtigeren Position ist als der Inspektor. Der Inspektor kann Newton aufgrund dessen Irrsinnigkeit nicht verhaften. Erst im fünften Abschnitt ändert sich die Einstellung des Inspektors. Er ist wieder besser gelaunt und antwortet so auch wieder in längeren, vollständigen Sätzen. Um der Gattung einer Komödie zu entsprechen benutzt Dürrenmatt das Motiv der verkehrten Welt. Er bringt teilweise versteckte Witze und Ironie mit in den Text ein. So dürfen im Salon lediglich Patienten, nicht jedoch Besucher rauchen. Newtons Aussage „ich bin schließlich nicht verrückt“ (S. 20, Z. 5) ist als Ironie zu verstehen. Zwar wird in der vorletzten Szene bekannt, dass Newton nicht wirklich verrückt ist, doch hält ihn der Rezipient zu dem Zeitpunkt noch dafür. Weiterhin ist zur Syntax der Sprache zu bemerken, dass Newton in Abschnitt vier eine Inversion benutzt („Der berühmte Physiker und Begründer der Relativitätstheorie bin ich.“, S. 21, Z. 13), um sein Geheimnis, er sei Einstein, zu verdeutlichen. Schließlich folgt im letzten Abschnitt noch eine Erläuterung Newtons zur Elektrizität. Er möchte den Inspektor mit seinem Fachwissen beeindrucken. Er beweist somit, dass er trotz seiner Verrücktheit, doch über das Fachwissen eines Wissenschaftlers verfügt.

Während Newton zu Beginn des Textes zunächst einmal nur den Sachverhalt über den Mord klären möchte, versucht er später zunehmend den Professor davon zu überzeugen, dass er nicht verrückt sei. Jedoch macht er dies – vermutlich absichtlich – auf so abstrusem Weg, dass gerade dadurch der Anschein entsteht, er sei verrückt. Ein Beispiel dafür bietet die Situation, in der der Inspektor Newton nach seinem Alter fragt. Newton vergisst auf den ersten Moment scheinbar sein Pseudonym und ist verwirrt, als Voß ihn für 200 Jahre alt hält. Diese unangenehme Szene klärt er jedoch, indem er vorgibt Einstein zu sein. Sobald der Anschein erweckt werden könnte, er sei nicht verrückt, macht er so eine Äußerung, die ihn doch wieder für verrückt gelten lässt. Voß macht während der Unterhaltung auch einen Wandel durch. Dies wird vor allem – wie schon oben beschrieben – an der Länge seiner Antworten deutlich. Als er am Ende eine Unterhaltung mit Newton führt, ist er schon weitaus ruhiger und gelassener als noch zu Beginn der Szene. Die Szene zeigt, dass die Aufregung des Inspektors über den Mord schon geringer geworden ist. Dies hat insofern Relevanz für den Fortgang der Geschichte, da er sich bei dem folgenden, dritten Mord gar nicht mehr aufregt. Newton währenddessen wirkt auf den Zuschauer mit seinem vorschriftsmäßigem und ordnungsliebenden Verhalten zunächst nicht verrückt. Erst als er zu gibt, sich für Einstein zu halten, ändert sich diese Ansicht. Ich vermute, er gibt vor Einstein zu sein, um den Inspektor nicht auch auf die Idee zu bringen, er sei nicht verrückt. Auch das Verhalten Newtons ist wichtig für den weiteren Verlauf des Dramas. Am Ende stellt sich heraus, dass die drei Physiker nicht wirklich verrückt sind. Dieser Dialog ist als Vorrausdeutung zu sehen. Schon zu diesem früher Zeitpunkt zeigt sich, dass Newton neben seinem angeblichen Irrsinn auch durchaus noch seine Vernunft besitzt und Herr über diese ist. So erklärt er dem Inspektor beispielsweise die Elektrizität und verhält sich über weite Strecken auch sehr normal. Letztendlich wird deutlich, dass die untersuchte Szene eine Schlüsselszene nicht nur für den Fortgang des Stücks, sondern auch für das Ende ist.

S. 24-29 Gespräch zwischen Kriminalinspektor Voß und Möbius
Die Komödie „Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt – uraufgeführt 1962 im Schauspielhaus Zürich und erstmals erschienen 1962 in der Diogenes Verlag AG, Zürich – handelt von der Verantwortung der Wissenschaftler für die Menschheit. Da Dürrenmatt das Drama während des Kalten Krieges schrieb, lässt sich eine Verbindung zwischen dem Thema des Stückes und den damaligen Zeitumständen vermuten. Es stellt sich die Frage, in wie weit Physiker Waffen, und besonderes solche wie die Atombombe, erfinden dürfen. Zwar wird die Wissenschaft durch solche Erfindungen vorangebracht, doch drohen der Menschheit damit große Gefahren.

Die Hauptpersonen sind die drei angeblich geistig verwirrten Physiker Johann Wilhelm Möbius, sein Kollege Ernst Heinrich Ernesti, der vorgibt Einstein zu sein, und Herbert Georg Beutler alias Newton. Sie alle leben im Sanatorium „Les Cerisiers“, in dessen Salon sich das Geschehen abspielt. Weitere wichtige Rollen spielen zudem Kriminalinspektor Richard Voß und die Anstaltsleiterin Dr. h.c. Dr. med. Mathilde von Zahnd. Die Komödie ist – entgegen der klassischen Form eines Dramas – in zwei Akte mit jeweils fünf Szenen unterteilt. In der vorliegenden Szene (S. 24-29), der dritten Szene im ersten Akt, führt Kriminalinspektor Richard Voß ein Gespräch mit der Anstaltsleiterin Frl. Dr. h.c. Dr. med. Mathilde von Zahnd. Nachdem zuvor Ernst Heinrich Ernesti Schwester Monika erdrosselt hatte, wird nun dieses Ereignis aufgegriffen und an Hand des Mordes Frl. Dr. von Zahnd vorgestellt. Somit zählt die Szene noch zur Exposition des Stückes. Als solche ist sie vor allem auf der inneren Handlungsebene angesiedelt. Im Anschluss an die Szene verlässt der Inspektor den Salon wieder. Frl. Dr. von Zahnd führt eine Unterredung mit Oberschwester Marta Boll, Möbius erhält Besuch von seiner Familie.

Da der Textauszug vor allem drei wichtige Themen behandelt, kann man ihn nach inhaltlichen Gesichtspunkten gliedern. Im Dialog der beiden geht es vor allem um die Themen Familie, Physik sowie den Mord. Der erste Textabschnitt (S. 24., 3. Absatz – S. 25, 2. Absatz) handelt vor allem von den Verwandten des Frl. von Zahnd. Inspektor Voß nimmt ein Bild des Geheimrats August von Zahnd zum Anlass, mit Frl. Dr. von Zahnd ein Gespräch über diesen zu beginnen. Allerdings ist schon im ersten Abschnitt eher von einem Monolog als von einem Dialog zu sprechen. Frl. von Zahnd hat weitaus größere Redeanteile, was ihre Macht über den Inspektor verdeutlicht. Diese wird noch klarer, als sie ihn am Ende des Textabschnitts sogar unterbricht („Entschuldigen Sie, dass..., aber –„). Die Entscheidung, ob er rauchen darf oder nicht, liegt in ihrer Hand. Sie erlaubt es ihm und zündet sich zudem selbst eine Zigarette an, um eine Art gemeinschaftliche Atmosphäre aufzubauen. Im Gegensatz zu Inspektor Voß benutzt Frl. von Zahnd – auch über fast die gesamte Szene hinweg – eine sehr gebildete Sprache. Er hingegen antwortet stets nur in Hauptsätzen (z.B.: „Vor drei Monaten hing ein anderes Porträt hier.“). Die Spannung in dem Textabschnitt ist noch sehr gering. Es werden noch keine spannenden Themen angesprochen; stattdessen findet eine Art Einleitung, um ins Gespräch zu kommen, statt.

Dies ändert sich jedoch im zweiten Textabschnitt (S. 25,3 – 26,1). Inspektor und Frl. Dr. kommen auf die Physiker Einstein und Newton und deren Morde zu sprechen. Der Inspektor teilt der Anstaltsleiterin mit, dass höhere Sicherheitsmaßnahmen von Nöten seien. Die jedoch erklärt, dass sie den Patienten ein humanes Leben ermöglichen will und sie so nicht ständig kontrollieren kann. So betont sie mit einem Vergleich, dass sie eine Heilanstalt und kein Zuchthaus leite (S. 26,1). Die Spannung im zweiten Textabschnitt ist schon höher als im ersten, jedoch noch nicht auf dem Höhepunkt. So hat das Gespräch einige kritische Punkte, die den Inspektor äußerst erregen. Dies erkennt man daran, dass er teilweise nur noch in Ein-Wort-Sätzen („Tobt.“) antwortet. Des Weiteren hat auch diesmal Frl. von Zahnd wieder weitaus größere Redeanteile. Sie unterbricht den Inspektor, so dass auch darin einige Ellipsen begründet sind. Dies zeigt ihre Macht über Voß. Im Gegensatz zum ihm wirkt sie selbstsicher und stark.

Ihre auffallend gebildete Sprechweise verdeutlicht Frl. von Zahnd mit einigen rhetorischen Fragen, die sie jedoch selbst beantwortet. Dies zeigt ihre rhetorischen Fähigkeiten, während der Inspektor meist in parataktischen Sätzen antworten. Somit wird auch hier wieder ihre Überlegenheit deutlich. Die Tatsache, dass sie die Fragen selbst beantwortet und beinahe einen Monolog führt, verstärkt diesen Eindruck. Von großer Bedeutung auch für das folgende Geschehen ist der Satz „Für wen sich meine Patienten halten, bestimme ich“. Diese Aussage, die durch eine Inversion verstärkt wird, ist eine Vorausdeutung, dass Frl. von Zahnd die vollkommene Macht über ihre Patienten besitzt. Sie raubt ihnen die Persönlichkeit. Der dritte Textabschnitt (26,2 – 29,1) beginnt, indem Einstein aufwacht und in den Salon stürmt. Zwar geht er nach einer kurzen Unterhaltung mit der Doktorin wieder schlafen, doch nimmt der Inspektor dieses Ereignis zum Anlass, auf Einstein, den Mörder zu sprechen zu kommen. Er vergleicht ihn mit Newton, der ebenfalls eine Schwester erdrosselt hat, und möchte wissen, ob auch der dritte in der Villa lebende Physiker jemanden umbringen könnte. Die Anstaltsleiterin verneint jedoch. Sie sieht die Mode Einsteins und Newtons in deren Arbeit mit radioaktiven Stoffen begründet. Ihr Gehirn hätte dadurch Schaden genommen. Möbius lebe schon seit 15 Jahren in „Les Cerisiers“ und sein Zustand sei bisher unverändert geblieben.

Die Tatsache, dass Frl. von Zahnd über den unveränderten Zustand jedoch im Präteritum und nicht im Präsens spricht, ist schon eine Vorausdeutung. Der Zuschauer kann vermuten, dass der Zustand zwar bis vor kurzem unverändert geblieben sei, sich nun jedoch verändert hat. Die Spannung in der Szene erreicht zum Zeitpunkt dieser Vorausdeutung ihren Höhepunkt. Ein dritter Mord ist sehr wahrscheinlich. An der Syntax des Textabschnitts fällt außerdem auf, dass Dr. von Zahnd in einer Klimax antwortet, als der Inspektor nach dem Aufbau der Villa fragt. Mit solchen rhetorischen Mitteln, größeren Redeanteilen und Unterbrechungen, die zu unvollständigen, elliptischen des Inspektors führen verdeutlicht sie nochmals ihre Macht und Selbstsicherheit.

Der Textabschnitt und somit die gesamte Szene endet schließlich mit einer Zusicherung Frl. von Zahnds an den Inspektor, höhere Sicherheitsmaßnahmen einzuführen. Der Inspektor zeigt sich zufrieden und verlässt die Anstalt. Insgesamt wird deutlich, dass Frl Dr. von Zahnd eine sehr selbstsichere, starke Frau ist oder zumindest so auf den Zuschauer wirkt. Da Frl. von Zahnd auch für den Ausgang des Dramas eine sehr wichtige Rolle spielt, ist diese Exposition in sie, auch wichtig für das Ende des Stücks. Es folgt zunächst ein Besuch von Möbius’ Familie, jedoch deutet sich auf der äußeren Handlungsebene schon ein dritter Mord an. 

 

S. 61-66  Einstein und Newton decken ihre wahren Identitäten auf
Die Komödie „Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt – uraufgeführt 1962 im Schauspielhaus Zürich und erstmal erschienen 1962 in der Diogenes Verlag AG – handelt von der Verantwortung der Wissenschaft für die Menschheit. Es wird die Frage gestellt, in wie weit Waffen wie die Atombombe erfunden werden dürfen. Diese bringen zwar die Wissenschaft voran, können jedoch den Untergang der Menschheit bedeuten. Da Dürrenmatt das Drama zur Zeit des kalten Krieges schrieb, liegt die Vermutung nahe, dass er durch diesen beeinflusst war. Er sah die Gefahr eines dritten Weltkrieges und eventuelle Folgen dieses. Die drei wichtigsten Rollen in dem Stück haben drei angeblich verwirrte Physiker inne: Ernst Heinrich Ernesti, der sich für Einstein hält, seine Kollege Herbert Georg Beutler alias Newton und Johann Wilhelm Möbius. Sie alle leben in dem Sanatorium „Les Cerisiers“, in dessen Salon sich das Geschehen abspielt. Außerdem von großer Bedeutung sind zudem die Anstaltsleiterin Frl. Dr. h.c. Dr. med. Mathilde von Zahnd und Kriminalinspektor Richard Voß. Dieser hat mehrere Morde in der Anstalt zu klären, die die drei Physiker an drei Schwestern begangen haben.

In der untersuchten Szene, der dritten Szene im zweiten Akt, findet nun ein Dialog zwischen Möbius, Newton und Einstein statt. Aufgrund der vorangegangen Morde wurden die Sicherheitsmaßnahmen in dem Sanatorium drastisch verschärft. Newton und Einstein sehen ein, dass sie ihren Plan aus der Anstalt zu fliehen nur noch mit der Hilfe des Möbius verwirklichen können. Also decken sie beide ihre wahre Identität auf und jeder weiht Möbius in das seinige Geheimnis ein. Der Textausschnitt (S. 61, Absatz 9 – S. 66, Absatz 2) ist untergliedert ins zwei Abschnitte. Im ersten Abschnitt (S. 61, 9. Absatz – S. 64, Zeile 24) erklärt Newton Möbius, dass er nicht sein ganzes Leben in „Les Cerisiers“ verbringen möchte. Wie grausam die Pfleger sind verdeutlicht er mit einer Ellipse: „Von riesiger Burschen.“ Zwar ist Newton für die Flucht auf Möbius’ Hilfe angewiesen, doch hat er trotzdem mehr Macht, was man an den größeren Redeanteilen erkennt. Er wirkt sehr entschlossen und geht mit Möbius so keineswegs freundlich sondern eher befehlend um („Bleiben Sie“, S. 61 – „Ich habe mit ihnen zu reden, Möbius“, S. 62). Newton geht sogar noch einen Schritt weiter und – dies zeigt seine Sprechweise – verhätschelt Möbius wie ein kleines Kind (“Mein wahrer Name laut Kilton, mein Junge.“, S. 62). So will er ihn auch dazu bewegen doch noch vom Essen zu probieren und betont immer wieder wie vorzüglich es doch schmeckt („Gehen wir mal zum Poulet à la broche über.“, S. 62 – „...schmeckt aber wirklich großartig.“, S. 63). Die Aussage Newtons „Lassen sie den Verrückten (gemeint ist Einstein) doch weitergeigen“ ist als Drohung zu verstehen. Denn immer wenn Einstein geigte, geschah ein Mord. So kann dieser Satz Newtons als Vorrausdeutung auf eine weitere Katastrophe gesehen werden.

Wie sich später herausstellt, wirkt Newton trotz der benötigten Hilfe so sicher und entschlossen, da er in Besitz eines Revolvers ist und Möbius entführen soll. Möbius allerdings bleibt trotz all dieser Drohungen sehr gelassen. Zunächst ist er nur erstaunt über Newtons wahre Identität, was sich in Ellipsen ausdrückt (z.B.: „Der Begründer der Entsprechungslehre?“, S. 62). Auch als Newton ihm seinen Auftrag schildert, bleibt Möbius gelassen: „Verstehe“, „Selbstverständlich.“ Zwar versucht er später doch noch einmal, die Situation zu seinen Gunsten zu klären, jedoch scheint dieser Versuch („Ich bin ein schwer nervenkranker Mensch, Kilton, nichts weiter“, S. 64) nicht etwa in seiner Angst begründet zu sein. Möbius weiß insgeheim, dass er Newton doch überlegen ist. Er hat seine Manuskripte verbrannt und so würde ein Mord an ihm nichts bringen, da nur er das Wissen hat. Als die beiden schließlich auf Möbius’ Dissertation zu sprechen kommen, gesellt sich Einstein zu der Unterhaltung hinzu und erklärt, dass auch er die Arbeit gelesen hat. Es beginnt der zweite Abschnitt (S. 64, Z. 23 – S. 66, 2. Abs.). Auch Einstein gesteht, dass er – genau wie Newton – in Wirklichkeit auch Physiker sei, der Möbius für seinen Geheimdienst beschatten soll. Es kommt zu einem Eklat, als Newton plötzlich seinen Revolver zieht. Auch Einstein nimmt seine Pistole, jedoch erkennen beide, dass ein solcher Kampf unnötig und für keinen von Vorteil wäre. Sie setzen sich wieder und führen das begonnene Gespräch fort. Einstein schildert, dass auch er den Auftrag hat, Möbius zu entführen. Wie auch schon im ersten Abschnitt reagiert Möbius daraufhin seelenruhig. Dies erkennt man an seinen – sogar Einstein zustimmenden – elliptischen Antworten. Er benutzt sogar dieselben Worte wie im ersten Abschnitt („Verstehe“, „Selbstverständlich“). Diese Parallele zeigt, dass er noch immer sehr gelassen ist und verdeutlicht seine Ruhe. Zudem ahnt der Zuschauer schon, dass Möbius noch „ein As im Ärmel“ hat, da seine Ruhe in einer solch angespannten Situation nur damit zu erklären ist. Alle drei setzen sich und führen einen Dialog über ihre Zukunftspläne. Damit endet die Szene.

Die Szene ist insofern von großer Bedeutung, da sie der Katastrophe zum Ende des Dramas direkt vorausgeht bzw. auch schon als ihr Anfang gesehen werden kann. Er stellt sich heraus, dass Frl. Dr. von Zahnd das Gespräch der Physiker hat abhören lassen. Das dadurch gesammelte Wissen gibt ihr nun endgültig die Möglichkeit, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Somit ist der Textabschnitt vor allem auf der äußeren Handlungsebene von Bedeutung. Doch auch auf der inneren spielt er eine Rolle: es wird wieder das Thema des Stückes, vor allem aber das des Psalm Salomos angesprochen. Einstein und Newton sind während ihres Aufenthalt an zu viel Wissen über Möbius gelangt, was sie später mit dem Tod bezahlen werden müssen – genau wie die neugierigen Weltraumfahrer im Psalm Salomos. Der Zuschauer währenddessen ahnt noch nichts von einer solchen Katastrophe. Die Vorrausdeutung, dass Möbius doch noch einen Trick auf Lager haben könnte, ringt ihm Hoffnung auf ein gutes Ende.

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