Das Terrbarium von Joachim Ringelnatz

Das war meine Erfindung:
Vor allen Dingen muß man die Tiere lebendig pressen.
Anfangs kostet es Überwindung,
Aber schließlich wird nichts so heiß gekocht wie gegessen.
 
Die Presse muß mindestens sechs Quadratmeter messen.
 
Meine Anlage war ein technisches Wunder;
Riesensäle, um die getrockneten Bestien
Übersichtlich hübsch an der Wand zu befestigen.
 
Denn ein geplättetes Nashorn ist keine Flunder.
10 
Wegen der Dickhäuter und et cetera
11 
Brauchte ich selbstverständlich elektrische Kraft. –
12 
Doch ich speiste mit dem herausfließenden Saft
13 
Sämtliche Waisenkinder von Zentralamerika.
14 
Ganz abgesehen von der Naturwissenschaft.
 
15 
Manches läßt sich nicht beim erstenmal schaffen.
16 
Oftmals zappelt und zuckt noch der Hals,
17 
Wenn der Unterkörper schon platt ist, so bei den Giraffen.
18 
Und ich besinne mich eines noch schwereren Falls.
 
19 
Um meine Sammlung zu komplettieren,
20 
Wollte ich auch einen Menschen so präparieren.
21 
Jene Miß Hamsy, die ich dazu erkor,
22 
War eine ernste, wohlgebaute Mulattin,
23 
Leichthin sommersprossig und Zollwächters Gattin.
24 
Und der setzte ich Arak mit Blumenkohl vor,
25 
Sagte, das sei Barbarossas Lieblingsgericht,
26 
Las ihr zwei Novellen von Freiherrn v. Schlicht.
27 
Bis sie langsam das Bewußtsein verlor.
28 
Als ich sie dann im Dunkeln entkleidet hatte,
29 
Legte ich sie behutsam tastend auf die untere Platte,
30 
Kurbelte an. Doch sie erwachte dabei.
31 
Aber ich suchte sie taktvoll bescheiden zu trösten:
32 
Wieviel schlimmer es wäre, lebendig zu rösten,
33 
Und daß die Presse nicht zu umgehen sei.
 
34 
Nichts stimmt trauriger als ein menschlicher Todesschrei.
35 
Aber was bedeutet solch kurzer Ton
36 
Gegen die furchtbaren Greuel der Vivisektion!
37 
Und wie Miß Hamsy dann an der Wand die vierte
38 
Halle für Säugetiere und Eidechsen zierte,
39 
Hat ihr Anblick jeden Besucher gebannt.
40 
Die Kritiken hörten nicht auf sie zu loben.
41 
Bis sich schließlich die Popolaca erhoben.
42 
Diese Indianer haben das ganze Museum niedergebrannt.
43 
Alles haben mir diese Schweine gestohlen.
44 
Aus Miß Hamsy schnitten sie Mokassinsohlen.
45 
Was ein Barbar ist, hat weder Kultur noch Geschmack.
46 
Aber einen von ihnen erwischte ich später,
47 
Kochte ihn lebend mit Kienharz und Wasserstoff-Äther.
48 
Und den Kerl verbrauche ich heute als Siegellack.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (28.7 KB)

Details zum Gedicht „Das Terrbarium“

Anzahl Strophen
7
Anzahl Verse
48
Anzahl Wörter
324
Entstehungsjahr
1924
Epoche
Moderne,
Expressionismus

Gedicht-Analyse

Das Gedicht „Das Terrbarium“ stammt aus der Feder des Autors bzw. Lyrikers Joachim Ringelnatz. Ringelnatz wurde im Jahr 1883 in Wurzen geboren. Entstanden ist das Gedicht im Jahr 1924. Erschienen ist der Text in München. Das Gedicht lässt sich an Hand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her den Epochen Moderne oder Expressionismus zuordnen. Ringelnatz ist ein typischer Vertreter der genannten Epochen. Das 324 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 48 Versen mit insgesamt 7 Strophen. Die Gedichte „Abendgebet einer erkälteten Negerin“, „Abermals in Zwickau“ und „Abgesehen von der Profitlüge“ sind weitere Werke des Autors Joachim Ringelnatz. Zum Autor des Gedichtes „Das Terrbarium“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 560 Gedichte vor.

+ Wie analysiere ich ein Gedicht?

Daten werden aufbereitet

Fertige Biographien und Interpretationen, Analysen oder Zusammenfassungen zu Werken des Autors Joachim Ringelnatz

Wir haben in unserem Hausaufgaben- und Referate-Archiv weitere Informationen zu Joachim Ringelnatz und seinem Gedicht „Das Terrbarium“ zusammengestellt. Diese Dokumente könnten Dich interessieren.

Weitere Gedichte des Autors Joachim Ringelnatz (Infos zum Autor)

Zum Autor Joachim Ringelnatz sind auf abi-pur.de 560 Dokumente veröffentlicht. Alle Gedichte finden sich auf der Übersichtsseite des Autors.