Das Jahr von Rudolf Lavant

Ob Sonnenschein den Lenztag auch erfüllt,
Noch weht’s von Ost und jagt den feinen Staub,
Und in der Knospe zögert scheu verhüllt
Das junge Laub.
 
Da geht der Wind, indeß ums Abendlicht
Ein Schleier weht, herum nach Westen sacht –
Es regnet warm, es regnet still und dicht
Die lange Nacht.
 
Aus seiner Hülle ringt vor diesem Kuß
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Das Blättchen sich in zärtlichem Bemühn,
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Und an dem Morgen nach dem nächt’gen Guß
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Ist Alles grün.
 
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Der Tag ist schwül – von Tropfen perlt die Stirn,
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Verschmachten will die Welt im Sonnenbrand,
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Die Lippe lechzt, gelähmt ist das Gehirn
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Und schlaff die Hand.
 
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Da baut sich’s auf, gespenstisch, ohne Ton –
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Geschwader jagen in die Wolkenschlacht;
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Der Donner rollt und fahle Blitze lohn
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Die lange Nacht.
 
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Den Boden tränkt und labt der nächt’ge Graus,
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Das Wiesenthal, den Hag, den busch’gen Bühl,
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Und trittst am Morgen spähend du hinaus,
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Ist Alles kühl.
 
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Die Nebel treiben dicht und gelblich grau
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In Wald und Feld verdrossen sich umher –
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Sie gönnen deinem Blick kein Stückchen Blau
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Des Himmels mehr.
 
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Da fährt’s in kurzen Stößen in den Wust,
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Da kreischt die rost’ge Fahne auf dem Thurm,
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Da heult und tobt und braust in wilder Lust
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Des Herbstes Sturm.
 
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Zerblasen wird, was dir ein Hinderniß
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Bei jedem deiner Athemzüge war –
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Nach solchen Nächten, dessen sei gewiß,
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Ist Alles klar.
 
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Frosthart die Erde, blätterlos der Forst,
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Und schneidend geht die Luft durch Mark und Bein;
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Die Krähe zieht mit Hungerschrei vom Horst
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Zur Stadt hinein.
 
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Da treiben, sichtbar kaum, im scharfen Wind
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Die Federflöckchen leicht und zart und irr
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Und endlich schneit es rastlos, grau und lind
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Und stumm und wirr.
 
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Die warme Decke breitet still und dicht
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Der Winter übers Land, wie auf Geheiß,
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Und in des nächsten Morgens mattem Licht
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Ist Alles weiß.
 
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Ich sagte gerne: „Siehe da, ein Bild
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Des Daseins, das uns das Geschick verleiht,
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Es löst und hebt sich Alles friedlich mild
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Zu seiner Zeit.“
 
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Mir fehlt der Muth, der solche Worte schreibt;
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Oft bleibt der Regen und des Sturms Gebraus,
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Oft bleibt des Wetters Flammen und es bleibt
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Der Schnee selbst aus.
 
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Das aber weiß ich: Was Erlösung je
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Von dumpfem Druck, von Kampf und Qual gebracht,
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Von starrer Pein und wortelosem Weh,
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Kam – über Nacht.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (29.2 KB)

Details zum Gedicht „Das Jahr“

Anzahl Strophen
15
Anzahl Verse
60
Anzahl Wörter
378
Entstehungsjahr
1893
Epoche
Naturalismus,
Moderne

Gedicht-Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Das Jahr“ des Autors Rudolf Lavant. Der Autor Rudolf Lavant wurde 1844 in Leipzig geboren. Die Entstehungszeit des Gedichtes geht auf das Jahr 1893 zurück. Erschienen ist der Text in Stuttgart. Das Gedicht lässt sich an Hand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her den Epochen Naturalismus oder Moderne zuordnen. Die Angaben zur Epoche prüfe bitte vor Verwendung auf Richtigkeit. Die Zuordnung der Epochen ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen. Da sich die Literaturepochen zeitlich teilweise überschneiden, ist eine reine zeitliche Zuordnung fehleranfällig. Das Gedicht besteht aus 60 Versen mit insgesamt 15 Strophen und umfasst dabei 378 Worte. Die Gedichte „An unsere Feinde“, „An unsere Gegner“ und „An la belle France.“ sind weitere Werke des Autors Rudolf Lavant. Zum Autor des Gedichtes „Das Jahr“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 96 Gedichte vor.

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