Das Hexenkind von Wilhelm Hertz

Die drüben spinnt im Mondenschein
Mit einer schwarzen Spule,
Das ist der Hexe Töchterlein
Und meine süße Buhle.
 
Da haben wohl das braune Weib
Noch Engellein entbunden
Als sich dem wehgesprengten Leib
Solch süße Frucht entwunden.
 
Es war in der Walpurgisnacht,
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Wo sich die Hexen schaaren,
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Da kam sie durch des Schlotes Schacht
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Zu mir an’s Bett gefahren.
 
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Ihr weicher, elfenweißer Arm,
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Der wollt’ mich fast erdrücken;
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Sie sprach: Mich friert, dein Bett ist warm,
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Willst nicht ein wenig rücken?
 
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Sie schmiegte sich mir drängend an
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Mit ihrem kühlen Leibe,
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Da ward mein Sinnen unterthan
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Dem wilden Wunderweibe.
 
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Sie sprach: Mein Vater schlummert fein,
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Von Zauberdunst umschwommen;
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Mich aber hat mein Mütterlein
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Zum Blocksberg mitgenommen.
 
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Den Rauchfang durch gieng unsre Bahn,
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Sie nahm den Stock geschwinde:
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Nun obenaus und nirgend an! —
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Hui, stiebt’s durch alle Winde.
 
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Die Hexen saßen um den Tisch,
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Ich sollte Kröten hüten,
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Und Junker Volland Flederwisch
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Begann ein grimmes Wüthen.
 
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Es steht ein Lindenbaum am Wald
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Mit wenig kahlen Zweigen,
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Drin hängt des Spielmanns Grabgestalt,
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Der hebet an zu geigen.
 
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Die Fiedel ist ein Todtenbein,
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Die Saiten von Menschengedärmen;
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Er spielte schrille Melodei’n,
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Die Hexen tanzen und lärmen.
 
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Da schlich ich seitwärts wie ein Dieb,
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Hab’ meinen Stock genommen, –
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Und weißt, mein Bub’, ich hab’ dich lieb,
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Drum bin ich zu dir kommen. –
 
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So schwatzt die wilde Maid und lacht,
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Ich lauscht’ in süßem Grausen.
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O Sturmwind jener Maiennacht,
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Wie wonnig war dein Sausen!
 
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Seitdem ist mein das Zauberkind;
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Wenn sich die Hexen schaaren,
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So kommt sie wie ein Wirbelwind
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Durch meinen Schlot gefahren.
 
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O Wollust! Ueberschwenglich auch
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Dem flammendsten Gelüste! —
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Ich sink’ mit gluthersticktem Hauch
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Auf ihre Lilienbrüste.
 
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Das ist mein einzig Ungemach:
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Vom Frei’n will sie nichts wissen,
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Hat lachend, als ich solches sprach,
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Den Mund mir stumm gebissen.
 
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Doch wird mir manches Wunder kund,
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Wenn wir zusammen tosen,
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Und lacht ihr perlenreicher Mund,
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So regnet’s rothe Rosen.
 
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Bald heben wir bei heil’ger Nacht
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Den Schatz im Felsgerölle. —
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So treibt des Himmels hold’ste Nacht
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Unhaltsam mich zur Hölle!
 
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Nicht in des Scheiterhaufens Brand
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Weich’ ich von ihrer Seiten,
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Und will mit ihr durch Holla’s Land
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Auf einem Rößlein reiten.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (29.7 KB)

Details zum Gedicht „Das Hexenkind“

Anzahl Strophen
18
Anzahl Verse
72
Anzahl Wörter
363
Entstehungsjahr
1859
Epoche
Realismus

Gedicht-Analyse

Der Autor des Gedichtes „Das Hexenkind“ ist Wilhelm Hertz. Geboren wurde Hertz im Jahr 1835 in Stuttgart. Die Entstehungszeit des Gedichtes geht auf das Jahr 1859 zurück. Erscheinungsort des Textes ist Hamburg. Die Entstehungszeit des Gedichtes bzw. die Lebensdaten des Autors lassen eine Zuordnung zur Epoche Realismus zu. Die Angaben zur Epoche prüfe bitte vor Verwendung auf Richtigkeit. Die Zuordnung der Epoche ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen. Da sich die Literaturepochen zeitlich teilweise überschneiden, ist eine reine zeitliche Zuordnung fehleranfällig. Das Gedicht besteht aus 72 Versen mit insgesamt 18 Strophen und umfasst dabei 363 Worte. Weitere Werke des Dichters Wilhelm Hertz sind „Klein wild Waltraut“, „Unter blühenden Bäumen“ und „Begegnung“. Zum Autor des Gedichtes „Das Hexenkind“ haben wir auf abi-pur.de weitere 11 Gedichte veröffentlicht.

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