Die Künstler von Friedrich Schiller

Wie schön, o Mensch, mit deinem Palmenzweige
Stehst du an des Jahrhunderts Neige,
In edler stolzer Männlichkeit,
Mit aufgeschloßnem Sinn, mit Geistesfülle,
Voll milden Ernsts, in tatenreicher Stille,
Der reifste Sohn der Zeit,
Frei durch Vernunft, stark durch Gesetze,
Durch Sanftmut groß, und reich durch Schätze,
Die lange Zeit dein Busen dir verschwieg,
10 
Herr der Natur, die deine Fesseln liebet,
11 
Die deine Kraft in tausend Kämpfen übet
12 
Und prangend unter dir aus der Verwildrung stieg!
 
13 
Berauscht von dem errungnen Sieg,
14 
Verlerne nicht, die Hand zu preisen,
15 
Die an des Lebens ödem Strand
16 
Den weinenden verlaßnen Waisen,
17 
Des wilden Zufalls Beute, fand,
18 
Die frühe schon der künftgen Geisterwürde
19 
Dein junges Herz im stillen zugekehrt,
20 
Und die befleckende Begierde
21 
Von deinem zarten Busen abgewehrt,
22 
Die Gütige, die deine Jugend
23 
In hohen Pflichten spielend unterwies,
24 
Und das Geheimnis der erhabnen Tugend
25 
In leichten Rätseln dich erraten ließ,
26 
Die, reifer nur ihn wieder zu empfangen,
27 
In fremde Arme ihren Liebling gab,
28 
O falle nicht mit ausgeartetem Verlangen
29 
Zu ihren niedern Dienerinnen ab!
30 
Im Fleiß kann dich die Biene meistern,
31 
In der Geschicklichkeit ein Wurm dein Lehrer sein,
32 
Dein Wissen teilest du mit vorgezognen Geistern,
33 
Die Kunst, o Mensch, hast du allein.
 
34 
Nur durch das Morgentor des Schönen
35 
Drangst du in der Erkenntnis Land.
36 
An höhern Glanz sich zu gewöhnen,
37 
Übt sich am Reize der Verstand.
38 
Was bei dem Saitenklang der Musen
39 
Mit süßem Beben dich durchdrang,
40 
Erzog die Kraft in deinem Busen,
41 
Die sich dereinst zum Weltgeist schwang.
 
42 
Was erst, nachdem Jahrtausende verflossen,
43 
Die alternde Vernunft erfand,
44 
Lag im Symbol des Schönen und des Großen
45 
Voraus geoffenbart dem kindischen Verstand.
46 
Ihr holdes Bild hieß uns die Tugend lieben,
47 
Ein zarter Sinn hat vor dem Laster sich gesträubt,
48 
Eh noch ein Solon das Gesetz geschrieben,
49 
Das matte Blüten langsam treibt.
50 
Eh vor des Denkers Geist der kühne
51 
Begriff des ewgen Raumes stand,
52 
Wer sah hinauf zur Sternenbühne,
53 
Der ihn nicht ahndend schon empfand?
 
54 
Die, eine Glorie von Orionen
55 
Ums Angesicht, in hehrer Majestät,
56 
Nur angeschaut von reineren Dämonen,
57 
Verzehrend über Sternen geht,
58 
Geflohn auf ihrem Sonnenthrone,
59 
Die furchtbar herrliche Urania,
60 
Mit abgelegter Feuerkrone
61 
Steht sie - als Schönheit vor uns da.
62 
Der Anmut Gürtel umgewunden,
63 
Wird sie zum Kind, daß Kinder sie verstehn:
64 
Was wir als Schönheit hier empfunden,
65 
Wird einst als Wahrheit uns entgegengehn.
 
66 
Als der Erschaffende von seinem Angesichte
67 
Den Menschen in die Sterblichkeit verwies
68 
Und eine späte Wiederkehr zum Lichte
69 
Auf schwerem Sinnenpfad ihn finden hieß,
70 
Als alle Himmlischen ihr Antlitz von ihm wandten,
71 
Schloß sie, die Menschliche, allein
72 
Mit dem verlassenen Verbannten
73 
Großmütig in die Sterblichkeit sich ein.
74 
Hier schwebt sie, mit gesenktem Fluge,
75 
Um ihren Liebling, nah am Sinnenland,
76 
Und malt mit lieblichem Betruge
77 
Elysium auf seine Kerkerwand.
 
78 
Als in den weichen Armen dieser Amme
79 
Die zarte Menschheit noch geruht,
80 
80 Da schürte heilge Mordsucht keine Flamme,
81 
Da rauchte kein unschuldig Blut.
82 
Das Herz, das sie an sanften Banden lenket,
83 
Verschmäht der Pflichten knechtisches Geleit;
84 
Ihr Lichtpfad, schöner nur geschlungen, senket
85 
Sich in die Sonnenbahn der Sittlichkeit.
86 
Die ihrem keuschen Dienste leben,
87 
Versucht kein niedrer Trieb, bleicht kein Geschick;
88 
Wie unter heilige Gewalt gegeben
89 
Empfangen sie das reine Geisterleben,
90 
Der Freiheit süßes Recht, zurück.
 
91 
Glückselige, die sie - aus Millionen
92 
Die reinsten - ihrem Dienst geweiht,
93 
In deren Brust sie würdigte zu thronen,
94 
Durch deren Mund die Mächtige gebeut,
95 
Die sie auf ewig flammenden Altären
96 
Erkor, das heilge Feuer ihr zu nähren,
97 
Vor deren Aug allein sie hüllenlos erscheint,
98 
Die sie in sanftem Bund um sich vereint!
99 
Freut euch der ehrenvollen Stufe,
100 
Worauf die hohe Ordnung euch gestellt:
101 
In die erhabne Geisterwelt
102 
Wart ihr der Menschheit erste Stufe.
 
103 
Eh ihr das Gleichmaß in die Welt gebracht,
104 
Dem alle Wesen freudig dienen
105 
Ein unermeßner Bau, im schwarzen Flor der Nacht
106 
Nächst um ihn her mit mattem Strahle nur beschienen,
107 
Ein streitendes Gestaltenheer,
108 
Die seinen Sinn in Sklavenbanden hielten
109 
Und ungesellig, rauh wie er,
110 
Mit tausend Kräften auf ihn zielten,
111 
So stand die Schöpfung vor dem Wilden.
112 
Durch der Begierde blinde Fessel nur
113 
An die Erscheinungen gebunden,
114 
Entfloh ihm, ungenossen, unempfunden,
115 
Die schöne Seele der Natur.
 
116 
Und wie sie fliehend jetzt vorüber fuhr,
117 
Ergriffet ihr die nachbarlichen Schatten
118 
Mit zartem Sinn, mit stiller Hand,
119 
Und lerntet in harmonschem Band
120 
Gesellig sie zusammengatten.
121 
Leichtschwebend fühlte sich der Blick
122 
Vom schlanken Wuchs der Zeder aufgezogen;
123 
Gefällig strahlte der Kristall der Wogen
124 
Die hüpfende Gestalt zurück.
125 
Wie konntet ihr des schönen Winks verfehlen,
126 
Womit euch die Natur hilfreich entgegen kam?
127 
Die Kunst, den Schatten ihr nachahmend abzustehlen,
128 
Wies euch das Bild, das auf der Woge schwamm.
129 
Von ihrem Wesen abgeschieden,
130 
Ihr eignes liebliches Phantom,
131 
Warf sie sich in den Silberstrom,
132 
Sich ihrem Räuber anzubieten.
133 
Die schöne Bildkraft ward in eurem Busen wach.
134 
Zu edel schon, nicht müßig zu empfangen,
135 
Schuft ihr im Sand - im Ton den holden Schatten
136 
nach,
137 
Im Umriß ward sein Dasein aufgefangen.
138 
Lebendig regte sich des Wirkens süße Lust
139 
Die erste Schöpfung trat aus eurer Brust.
 
140 
Von der Betrachtung angehalten,
141 
Von eurem Späheraug umstrickt,
142 
Verrieten die vertraulichen Gestalten
143 
Den Talisman, wodurch sie euch entzückt.
144 
Die wunderwirkenden Gesetze,
145 
Des Reizes ausgeforschte Schätze
146 
Verknüpfte der erfindende Verstand
147 
In leichtem Bund in Werken eurer Hand.
148 
Der Obeliske stieg, die Pyramide,
149 
Die Herme stand, die Säule sprang empor,
150 
Des Waldes Melodie floß aus dem Haberrohr,
151 
Und Siegestaten lebten in dem Liede.
 
152 
Die Auswahl einer Blumenflur,
153 
Mit weiser Wahl in einen Strauß gebunden,
154 
So trat die erste Kunst aus der Natur;
155 
Jetzt wurden Sträuße schon in einen Kranz
156 
gewunden,
157 
Und eine zweite höhre Kunst erstand
158 
Aus Schöpfungen der Menschenhand.
159 
Das Kind der Schönheit, sich allein genug,
160 
Vollendet schon aus eurer Hand gegangen,
161 
Verliert die Krone, die es trug,
162 
Sobald es Wirklichkeit empfangen.
163 
Die Säule muß, dem Gleichmaß untertan,
164 
An ihre Schwestern nachbarlich sich schließen,
165 
Der Held im Heldenheer zerfließen,
166 
Des Mäoniden Harfe stimmt voran.
 
167 
Bald drängten sich die staunenden Barbaren
168 
Zu diesen neuen Schöpfungen heran.
169 
Seht, riefen die erfreuten Scharen,
170 
Seht an, das hat der Mensch getan!
171 
In lustigen, geselligeren Paaren
172 
Riß sie des Sängers Leier nach,
173 
Der von Titanen sang und Riesenschlachten,
174 
Und Löwentötern, die, so lang der Sänger sprach,
175 
Aus seinen Hörern Helden machten.
176 
Zum erstenmal genießt der Geist,
177 
Erquickt von ruhigeren Freuden,
178 
Die aus der Ferne nur ihn weiden,
179 
Die seine Gier nicht in sein Wesen reißt,
180 
Die im Genusse nicht verscheiden.
 
181 
Jetzt wand sich von dem Sinnenschlafe
182 
Die freie schöne Seele los,
183 
Durch euch entfesselt, sprang der Sklave
184 
Der Sorge in der Freude Schoß.
185 
Jetzt fiel der Tierheit dumpfe Schranke,
186 
Und Menschheit trat auf die entwölkte Stirn,
187 
Und der erhabne Fremdling, der Gedanke
188 
Sprang aus dem staunenden Gehirn.
189 
Jetzt stand der Mensch, und wies den Sternen
190 
Das königliche Angesicht,
191 
Schon dankte in erhabnen Fernen
192 
Sein sprechend Aug dem Sonnenlicht.
193 
Das Lächeln blühte auf der Wange,
194 
Der Stimme seelenvolles Spiel
195 
Entfaltete sich zum Gesange,
196 
Im feuchten Auge schwamm Gefühl,
197 
Und Scherz mit Huld in anmutsvollem Bunde
198 
Entquollen dem beseelten Munde.
 
199 
Begraben in des Wurmes Triebe,
200 
Umschlungen von des Sinnes Lust,
201 
Erkanntet ihr in seiner Brust
202 
Den edlen Keim der Geisterliebe.
203 
Daß von des Sinnes niederm Triebe
204 
Der Liebe beßrer Keim sich schied,
205 
Dankt er dem ersten Hirtenlied.
206 
Geadelt zur Gedankenwürde,
207 
Floß die verschämtere Begierde
208 
Melodisch aus des Sängers Mund.
209 
Sanft glühten die betauten Wangen,
210 
Das überlebende Verlangen
211 
Verkündigte der Seelen Bund.
 
212 
Der Weisen Weisestes, der Milden Milde,
213 
Der Starken Kraft, der Edeln Grazie,
214 
Vermähltet ihr in einem Bilde
215 
Und stelltet es in eine Glorie.
216 
Der Mensch erbebte vor dem Unbekannten,
217 
Er liebte seinen Widerschein;
218 
Und herrliche Heroen brannten,
219 
Dem großen Wesen gleich zu sein.
220 
Den ersten Klang vom Urbild alles Schönen,
221 
Ihr ließet ihn in der Natur ertönen.
 
222 
Der Leidenschaften wilden Drang
223 
Des Glückes regellose Spiele,
224 
Der Pflichten und Instinkte Zwang
225 
Stellt ihr mit prüfendem Gefühle,
226 
Mit strengem Richtscheit nach dem Ziele.
227 
Was die Natur auf ihrem großen Gange
228 
In weiten Fernen auseinander zieht,
229 
Wird auf dem Schauplatz, im Gesange
230 
Der Ordnung leicht gefaßtes Glied.
231 
Vom Eumenidenchor geschrecket,
232 
Zieht sich der Mord, auch nie entdecket,
233 
Das Los des Todes aus dem Lied.
234 
Lang, eh die Weisen ihren Ausspruch wagen,
235 
Löst eine Ilias des Schicksals Rätselfragen
236 
Der jugendlichen Vorwelt auf;
237 
Still wandelte von Thespis' Wagen
238 
Die Vorsicht in den Weltenlauf
 
239 
Doch in den großen Weltenlauf
240 
Ward euer Ebenmaß zu früh getragen.
241 
Als des Geschickes dunkle Hand,
242 
Was sie vor eurem Auge schnürte,
243 
Vor eurem Aug nicht auseinanderband,
244 
Das Leben in die Tiefe schwand,
245 
Eh es den schönen Kreis vollführte
246 
Da führtet ihr aus kühner Eigenmacht
247 
Den Bogen weiter durch der Zukunft Nacht;
248 
Da stürztet ihr euch ohne Beben
249 
In des Avernus schwarzen Ozean
250 
Und trafet das entflohne Leben
251 
Jenseits der Urne wieder an:
252 
Da zeigte sich mit umgestürztem Lichte,
253 
An Kastor angelehnt, ein blühend Polluxbild:
254 
Der Schatten in des Mondes Angesichte,
255 
Eh sich der schöne Silberkreis erfüllt.
 
256 
Doch höher stets, zu immer höhern Höhen
257 
Schwang sich der schallende Genie.
258 
Schon sieht man Schöpfungen aus Schöpfungen
259 
erstehen,
260 
Aus Harmonien Harmonie.
261 
Was hier allein das trunkne Aug entzückt,
262 
Dient unterwürfig dort der höhern Schöne;
263 
Der Reiz, der diese Nymphe schmückt,
264 
Schmilzt sanft in eine göttliche Athene:
265 
Die Kraft, die in des Ringers Muskel schwillt
266 
Muß in des Gottes Schönheit lieblich schweigen;
267 
Das Staunen seiner Zeit, das stolze Jovisbild,
268 
Im Tempel zu Olympia sich neigen.
 
269 
Die Welt, verwandelt durch den Fleiß,
270 
Das Menschenherz, bewegt von neuen Trieben,
271 
Die sich in heißen Kämpfen üben,
272 
Erweitern euren Schöpfungskreis.
273 
Der fortgeschrittne Mensch trägt auf erhobnen
274 
Schwingen
275 
Dankbar die Kunst mit sich empor,
276 
Und neue Schönheitswelten springen
277 
Aus der bereicherten Natur hervor.
278 
Des Wissens Schranken gehen auf,
279 
Der Geist, in euren leichten Siegen
280 
Geübt, mit schnell gezeitigtem Vergnügen
281 
Ein künstlich All von Reizen zu durcheilen,
282 
Stellt der Natur entlegenere Säulen,
283 
Ereilet sie auf ihrem dunkeln Lauf.
284 
Jetzt wägt er sie mit menschlichen Gewichten,
285 
Mißt sie mit Maßen, die sie ihm geliehn;
286 
Verständlicher in seiner Schönheit Pflichten,
287 
Muß sie an seinem Aug vorüberziehn.
288 
In selbstgefällger jugendlicher Freude
289 
Leiht er den Sphären seine Harmonie,
290 
Und preiset er das Weltgebäude,
291 
So prangt es durch die Symmetrie.
 
292 
In allem, was ihn jetzt umlebet,
293 
Spricht ihn das holde Gleichmaß an.
294 
Der Schönheit goldner Gürtel webet
295 
Sich mild in seine Lebensbahn;
296 
Die selige Vollendung schwebet
297 
In euren Werken siegend ihm voran.
298 
Wohin die laute Freude eilet,
299 
Wohin der stille Kummer flieht,
300 
Wo die Betrachtung denkend weilet,
301 
Wo er des Elends Tränen sieht,
302 
Wo tausend Schrecken auf ihn zielen,
303 
Folgt ihm ein Harmonienbach,
304 
Sieht er die Huldgöttinnen spielen
305 
Und ringt in still verfeinerten Gefühlen
306 
Der lieblichen Begleitung nach.
307 
Sanft, wie des Reizes Linien sich winden,
308 
Wie die Erscheinungen um ihn
309 
In weichem Umriß ineinander schwinden,
310 
Flieht seines Lebens leichter Hauch dahin.
311 
Sein Geist zerrinnt im Harmonienmeere,
312 
Das seine Sinne wollustreich umfließt,
313 
Und der hinschmelzende Gedanke schließt
314 
Sich still an die allgegenwärtige Cythere.
315 
Mit dem Geschick in hoher Einigkeit,
316 
Gelassen hingestützt auf Grazien und Musen,
317 
Empfängt er das Geschoß, das ihn bedräut,
318 
Mit freundlich dargebotnem Busen
319 
Vom sanften Bogen der Notwendigkeit.
 
320 
Vertraute Lieblinge der selgen Harmonie,
321 
Erfreuende Begleiter durch das Leben,
322 
Das Edelste, das Teuerste, was sie,
323 
Die Leben gab, zum Leben uns gegeben!
324 
Daß der entjochte Mensch jetzt seine Pflichten denkt,
325 
Die Fessel liebet, die ihn lenkt,
326 
Kein Zufall mehr mit ehrnem Zepter ihm gebeut,
327 
Dies dankt euch - eure Ewigkeit,
328 
Und ein erhabner Lohn in eurem Herzen.
329 
Daß um den Kelch, worin uns Freiheit rinnt,
330 
Der Freude Götter lustig scherzen,
331 
Der holde Traum sich lieblich spinnt,
332 
Dafür seid liebevoll umfangen!
 
333 
Dem prangenden, dem heitern Geist,
334 
Der die Notwendigkeit mit Grazie umzogen,
335 
Der seinen Äther, seinen Sternenbogen
336 
Mit Anmut uns bedienen heißt,
337 
Der, wo er schreckt, noch durch Erhabenheit
338 
entzücket,
339 
Und zum Verheeren selbst sich schmücket,
340 
Dem großen Künstler ahmt ihr nach.
341 
Wie auf dem spiegelhellen Bach
342 
Die bunten Ufer tanzend schweben,
343 
Das Abendrot, das Blütenfeld,
344 
So schimmert auf dem dürftgen Leben
345 
Der Dichtung muntre Schattenwelt.
346 
Ihr führet uns im Brautgewande
347 
Die fürchterliche Unbekannte,
348 
Die unerweichte Parze vor.
349 
Wie eure Urnen die Gebeine,
350 
Deckt ihr mit holdem Zauberscheine
351 
Der Sorgen schauervollen Chor.
352 
Jahrtausende hab ich durcheilet,
353 
Der Vorwelt unabsehlich Reich:
354 
Wie lacht die Menschheit, wo ihr weilet,
355 
Wie traurig liegt sie hinter euch!
 
356 
Die einst mit flüchtigem Gefieder
357 
Voll Kraft aus euren Schöpferhänden stieg,
358 
In eurem Arm fand sie sich wieder,
359 
Als durch der Zeiten stillen Sieg
360 
Des Lebens Blüte von der Wange,
361 
Die Stärke von den Gliedern wich
362 
Und traurig, mit entnervtem Gange,
363 
Der Greis an seinem Stabe schlich.
364 
Da reichtet ihr aus frischer Quelle
365 
Dem Lechzenden die Lebenswelle.
366 
Zweimal verjüngte sich die Zeit,
367 
Zweimal von Samen, die ihr ausgestreut.
 
368 
Vertrieben von Barbarenheeren,
369 
Entrisset ihr den letzten Opferbrand
370 
Des Orients entheiligten Altären
371 
Und brachtet ihn dem Abendland.
372 
Da stieg der schöne Flüchtling aus dem Osten,
373 
Der junge Tag, im Westen neu empor,
374 
Und auf Hesperiens Gefilden sproßten
375 
Verjüngte Blüten Joniens hervor.
376 
Die schönere Natur warf in die Seelen
377 
Sanft spiegelnd einen schönen Widerschein,
378 
Und prangend zog in die geschmückten Seelen
379 
Des Lichtes große Göttin ein.
380 
Da sah man Millionen Ketten fallen,
381 
Und über Sklaven sprach jetzt Menschenrecht,
382 
Wie Brüder friedlich miteinander wallen,
383 
So mild erwuchs das jüngere Geschlecht.
384 
Mit innrer hoher Freudenfülle
385 
Genießt ihr das gegebne Glück
386 
Und tretet in der Demut Hülle
387 
Mit schweigendem Verdienst zurück.
 
388 
Wenn auf des Denkens freigegebnen Bahnen
389 
Der Forscher jetzt mit kühnem Glücke schweift
390 
Und, trunken von siegrufenden Päanen,
391 
Mit rascher Hand schon nach der Krone greift;
392 
Wenn er mit niederm Söldnerslohne
393 
Den edeln Führer zu entlassen glaubt,
394 
Und neben dem geträumten Throne
395 
Der Kunst den ersten Sklavenplatz erlaubt:
396 
Verzeiht ihm - der Vollendung Krone
397 
Schwebt glänzend über eurem Haupt.
398 
Mit euch, des Frühlings erster Pflanze,
399 
Begann die seelenbildende Natur,
400 
Mit euch, dem freudgen Erntekranze,
401 
Schließt die vollendende Natur.
 
402 
Die von dem Ton, dem Stein bescheiden aufgestiegen,
403 
Die schöpferische Kunst, umschließt mit stillen
404 
Siegen
405 
Des Geistes unermeßnes Reich;
406 
Was in des Wissens Land Entdecker nur ersiegen,
407 
Entdecken sie, ersiegen sie für euch.
408 
Der Schätze, die der Denker aufgehäufet,
409 
Wird er in euren Armen erst sich freun,
410 
Wenn seine Wissenschaft, der Schönheit zugereifet,
411 
Zum Kunstwerk wird geadelt sein
412 
Wenn er auf einen Hügel mit euch steiget,
413 
Und seinem Auge sich, in mildem Abendschein,
414 
Das malerische Tal - auf einmal zeiget.
 
415 
Je reicher ihr den schnellen Blick vergnüget,
416 
Je höhre, schönre Ordnungen der Geist
417 
In einem Zauberbund durchflieget,
418 
In einem schwelgenden Genuß umkreist;
419 
Je weiter sich Gedanken und Gefühle
420 
Dem üppigeren Harmonienspiele,
421 
Dem reichern Strom der Schönheit aufgetan
422 
Je schönre Glieder aus dem Weltenplan,
423 
Die jetzt verstümmelt seine Schöpfung schänden,
424 
Sieht er die hohen Formen dann vollenden,
425 
Je schönre Rätsel treten aus der Nacht,
426 
Je reicher wird die Welt, die er umschließet,
427 
Je breiter strömt das Meer, mit dem er fließet,
428 
Je schwächer wird des Schicksals blinde Macht,
429 
Je höher streben seine Triebe,
430 
Je kleiner wird er selbst, je größer seine Liebe.
 
431 
So führt ihn, in verborgnem Lauf,
432 
Durch immer reinre Formen, reinre Töne,
433 
Durch immer höhre Höhn und immer schönre Schöne
434 
Der Dichtung Blumenleiter still hinauf
435 
Zuletzt, am reifen Ziel der Zeiten,
436 
Noch eine glückliche Begeisterung,
437 
Des jüngsten Menschenalters Dichterschwung,
438 
Und - in der Wahrheit Arme wird er gleiten.
 
439 
Sie selbst, die sanfte Cypria,
440 
Umleuchtet von der Feuerkrone
441 
Steht dann vor ihrem mündgen Sohne
442 
Entschleiert - als Urania;
443 
So schneller nur von ihm erhaschet,
444 
Je schöner er von ihr geflohn!
445 
So süß, so selig überraschet
446 
Stand einst Ulyssens edler Sohn,
447 
Da seiner Jugend himmlischer Gefährte
448 
Zu Jovis Tochter sich verklärte.
 
449 
Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben,
450 
Bewahret sie!
451 
Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben!
452 
Der Dichtung heilige Magie
453 
Dient einem weisen Weltenplane,
454 
Still lenke sie zum Ozeane
455 
Der großen Harmonie!
 
456 
Von ihrer Zeit verstoßen, flüchte
457 
Die ernste Wahrheit zum Gedichte
458 
Und finde Schutz in der Kamönen Chor.
459 
In ihres Glanzes höchster Fülle,
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Furchtbarer in des Reizes Hülle,
461 
Erstehe sie in dem Gesange
462 
Und räche sich mit Siegesklange
463 
An des Verfolgers feigem Ohr.
 
464 
Der freisten Mutter freie Söhne,
465 
Schwingt euch mit festem Angesicht
466 
Zum Strahlensitz der höchsten Schöne,
467 
Um andre Kronen buhlet nicht.
468 
Die Schwester, die euch hier verschwunden,
469 
Holt ihr im Schoß der Mutter ein;
470 
Was schöne Seelen schön empfunden,
471 
Muß trefflich und vollkommen sein.
472 
Erhebet euch mit kühnem Flügel
473 
Hoch über euren Zeitenlauf;
474 
Fern dämmre schon in euerm Spiegel
475 
Das kommende Jahrhundert auf
476 
Auf tausendfach verschlungnen Wegen
477 
Der reichen Mannigfaltigkeit
478 
Kommt dann umarmend euch entgegen
479 
Am Thron der hohen Einigkeit.
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Wie sich in sieben milden Strahlen
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Der weiße Schimmer lieblich bricht,
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Wie sieben Regenbogenstrahlen
483 
Zerrinnen in das weiße Licht:
484 
So spielt in tausendfacher Klarheit
485 
Bezaubernd um den trunknen Blick,
486 
So fließt in einer; Bund der Wahrheit,
487 
In einen Strom des Lichts zurück!

Details zum Gedicht „Die Künstler“

Anzahl Strophen
33
Anzahl Verse
487
Anzahl Wörter
2716
Entstehungsjahr
1759 - 1805
Epoche
Sturm & Drang,
Klassik

Gedicht-Analyse

Das Gedicht „Die Künstler“ stammt aus der Feder des Autors bzw. Lyrikers Friedrich Schiller. Der Autor Friedrich Schiller wurde 1759 in Marbach am Neckar, Württemberg geboren. Zwischen den Jahren 1775 und 1805 ist das Gedicht entstanden. Das Gedicht lässt sich an Hand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her den Epochen Sturm & Drang oder Klassik zuordnen. Schiller ist ein typischer Vertreter der genannten Epochen.

Als Sturm und Drang (auch Genieperiode oder Geniezeit) bezeichnet man eine Literaturepoche, die auf die Jahre 1765 bis 1790 datiert werden kann. Sie knüpfte an die Empfindsamkeit an und ging später in die Klassik über. Die wesentlichen Merkmale des Sturm und Drang lassen sich als ein Rebellieren oder Auflehnen gegen die Epoche der Aufklärung zusammenfassen. Das literarische und philosophische Leben in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und die Literatur sollten dadurch maßgeblich beeinflusst werden. Die Vertreter des Sturm und Drang waren häufig junge Autoren im Alter zwischen zwanzig und dreißig Jahren, die sich gegen die vorherrschende Strömung der Aufklärung wandten. In den Gedichten wurde darauf geachtet eine geeignete Sprache zu finden, um die subjektiven Empfindungen des lyrischen Ichs zum Ausdruck zu bringen. Die alten Werke vorheriger Epochen wurden geschätzt und dienten als Inspiration. Dennoch wurde eine eigene Jugendkultur und Jugendsprache mit kraftvollen Ausdrücken, Ausrufen, Wiederholungen und Halbsätzen geschaffen. Die Epoche des Sturm und Drang endete mit der Hinwendung Schillers und Goethes zur Weimarer Klassik.

Die Weimarer Klassik ist eine Literaturepoche, die insbesondere von den Dichtern Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller geprägt wurde. Die Italienreise Goethes im Jahr 1786 markiert den Anfang der Epoche. Das Todesjahr von Goethe, 1832, markiert das Ende der Weimarer Klassik. In der Epoche sind Einflüsse der Französischen Revolution festzustellen. Das Zentrum der Weimarer Klassik lag in Weimar. Oft wird die Epoche auch nur als Klassik bezeichnet. Toleranz, Menschlichkeit und Übereinstimmung von Mensch und Natur, von Individuum und Gesellschaft sind die Ideale der Klassik. Im Zentrum des klassischen Kunstkonzepts steht das Streben nach harmonischem Ausgleich der Gegensätze. In der Gestaltung wurde das Wesentliche, Gültige, Gesetzmäßige sowie die Harmonie und der Ausgleich gesucht. Im Gegensatz zum Sturm und Drang, wo die Sprache oft roh und derb ist, bleibt die Sprache in der Klassik den sich selbst gesetzten Regeln treu. Goethe, Schiller, Wieland und Herder können als die Hauptvertreter der Weimarer Klassik bezeichnet werden. Aber nur Schiller und Goethe inspirierten und motivierten einander durch enge Zusammenarbeit und wechselseitige Kritik.

Das 2716 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 487 Versen mit insgesamt 33 Strophen. Weitere Werke des Dichters Friedrich Schiller sind „An den Frühling“, „An die Gesetzgeber“ und „An die Parzen“. Zum Autor des Gedichtes „Die Künstler“ haben wir auf abi-pur.de weitere 220 Gedichte veröffentlicht.

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