Das Gesicht der Wahrheit von Otto Ernst

„Wenn Menschen schweigen,
 
werden die Steine schreien.“
 
Seit wenig Tagen geh’ ich fromm und froh
Durchs Treiben dieser Welt; denn eine Mär
Kam mir von irgendwo und irgendwann,
Die mir das Herz mit jungem Glauben füllt. –
 
Gefangen hatten ihn die Häscher nun,
Den Herben, Wilden, Stolzen, dem der Spott
Wie ätzend Gift vom Munde floß – doch war’s
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Ein heilsam Gift – dem die Begeisterung,
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Wie Donnerflammen aus dem Krater, prasselnd
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Von heißer Lippe sprang. Doch ging er leicht
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Und stolz in seinen Fesseln; denn ihn trug
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Geheime göttliche Allgegenwart.
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Allgegenwärtig fühlt’ er seinen Gott,
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Wo er auch ging und stand, den neuen Gott!
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Und so vermaß er sich verwegner Hoffnung:
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Auch seine Richter müsse ja berühren
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Die Nähe dieses Gottes und die Kraft
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Und Reinheit seines Atems.
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Denn er war
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Ein Mann an Stolz und Trotz, ein Kind an Hoffnung.
 
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Die Richter aber thronten rings auf Stühlen
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Von Eisen, und die Stühle hießen Ordnung
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Und Religion und Sitte und Gewohnheit.
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In diesen Stühlen ruhten breit und fest
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Die Fundamente des gemeinen Wohles.
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Wenn aber vor der Glut der neuen Lehre
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Die wackern Stühle schmolzen, so gerieten
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Die Fundamente des gemeinen Wohles
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In glühende Bedrängnis. Und so bliesen
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Die Richter denn mit hoheitsvollen Backen
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Den Hauch der prallen Sonne sich vom Leibe
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Und saßen tot auf ihren toten Stühlen.
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Und sprachen dann: „Er soll am Pranger stehen
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Auf off’nem Markt, vor allem Volk, nachdem man
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Zuvor die Ohren ihm vom Kopf geschnitten.“
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Auf den Tribünen hatte rings das Volk
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Gelauscht, und als der Richter Weisheit nun
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In jenem Spruch sich froh und stolz befestigt,
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Zerstreute schwatzend, lachend sich die Menge,
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In Ehr’ und Zucht des Gaudiums gewärtig,
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Das ihr der heil’ge Sonntag bringen werde. –
 
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Hoch aus dem surrenden und plappernden
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Und gurgelnden und schnatternden Gebrodel
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Der Menge, die den weiten Markt erfüllte,
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Stieg schwarz und grausenhaft der Prangerkasten,
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Der den Verdammten noch dem Blick verbarg,
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Und schwärzer gähnte drin das Loch, in dem
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Des armen Sünders Kopf erscheinen sollte.
 
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Mit faulen Äpfeln, Eiern und noch manchem
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In stiller Emsigkeit gehäuftem Unrat
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Höchst sorgsam ausgerüstet, harrt die Menge,
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Harrt stundenlang. Denn neben ihrem Zorn,
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Dem Löwen, ruht das Eselein Geduld.
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Auf hoher Balustrade leuchten Rat
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Und Älteste der Stadt, des schönen Wetters
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Und der im tiefsten Herzen sanft empfund’nen
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Weltordnung froh –
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den armen Sünder packte
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Ein wilder Schauder vor dem nahen Greuel.
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An beide Ohren preßt er bang die Hände –
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Nah ist hier keiner, der ihn retten möchte.
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Denn jeder haßt ihn – könnte wohl ihn lieben,
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Doch haßt ihn. Und ihm ist, als trennt’ ihn doch
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Von diesen allen nur ein dünner Vorhang –
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Er klagt sich an, daß er das rechte Wort,
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Das eine, kurze, klare Wort nicht fand,
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Das alle, alle überzeugen mußte –
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Ja, wenn er jetzt – ! Allein nun war’s zu spät.
 
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Und tief im Kopfe hub ein Singen an
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Von lauen Jugendtagen. Warum blieb er
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Nicht still am warmen Herde seiner Heimat?
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Und sanft und fest in seiner Mutter Schoß
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Fühlt er sein Haupt gedrückt – und auf der Wange
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Fühlt’ er die rauhe, warme, gute Hand:
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Mein Junge bist du – mein – mein guter Junge ––
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Der Henker winkt. –
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Die Augen fest geschlossen,
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Des Hagels von Geschossen schon gewärtig,
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Zwängt er den Kopf durchs enge Loch des Prangers;
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Im Hirne braust und wirbelt wilde Scham ––
 
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Da stößt ein süßer Schreck ihm tief ins Herz,
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Und seliges Erschauern rinnt ihm kalt
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Vom Wirbel bis zur Zeh’. Und fühlt sogleich,
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Daß alle, alle, die dort unten stehen,
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Derselbe große, stille Strom durchrinnt.
 
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Und schlägt die Augen auf – und sieht das Volk,
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Das hängt mit einem Blick an seinem Antlitz
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Und starrt hinauf und schweigt. Und starrt – und schweigt.
 
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Und sieht um seinen Mund, den Blut benetzt,
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Ein zuckend Lächeln, sieht die dunklen Haare
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In feuchten Strähnen an den Wangen kleben,
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Und aus den Haaren, an den Wangen nieder
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Rinnt Blut, rinnt Blut – so stumm und so geschäftig,
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Das warme Blut – und hilflos starrt der Kopf
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Hervor aus schwarzer Wand, und hilflos irren
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Die Blicke hin und her: Wo seid ihr, Hände?
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Was helft ihr nicht? O wischtet ihr mir nur
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Das Blut vom Mund! – Und klagend glänzt das Auge.
 
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Und vor dem hilflos armen Kopf erbleicht
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Der Rat der Stadt, und ganz geheim ins Ohr
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Schreit gellend, jauchzend ihm die Totenstille …
 
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Da schwirrt vom Markt ein Lerchenstimmlein auf,
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Und sieh, ein Kind, ein Mägdlein, steigt behende
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Zum Schandgerüst empor und trägt ein Kränzlein
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Von Löwenzahn, den es am Rain gepflückt.
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Und streckt den Kranz empor und langt und langt
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Und kann es nicht erreichen. Und ein Greis
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Folgt ihm geschäftig, hebt das Kind empor,
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Und in die nassen, wirren Haare drückt es
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Mit leiser Hand den weichen, goldnen Kranz. ––
 
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Seit wenig Tagen geh ich fromm und froh
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Durchs Treiben dieser Welt; denn eine Mär
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Kam mir von irgendwo und irgendwann,
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Die mir das Herz mit jungem Glauben füllt. ––

Details zum Gedicht „Das Gesicht der Wahrheit“

Autor
Otto Ernst
Anzahl Strophen
14
Anzahl Verse
116
Anzahl Wörter
808
Entstehungsjahr
1907
Epoche
Moderne

Gedicht-Analyse

Der Autor des Gedichtes „Das Gesicht der Wahrheit“ ist Otto Ernst. 1862 wurde Ernst in Ottensen bei Hamburg geboren. Die Entstehungszeit des Gedichtes geht auf das Jahr 1907 zurück. Erscheinungsort des Textes ist Leipzig. Die Entstehungszeit des Gedichtes bzw. die Lebensdaten des Autoren lassen eine Zuordnung zur Epoche Moderne zu. Prüfe bitte vor Verwendung die Angaben zur Epoche auf Richtigkeit. Die Zuordnung der Epoche ist auf zeitlicher Ebene geschehen. Da sich Literaturepochen zeitlich überschneiden, ist eine reine zeitliche Zuordnung häufig mit Fehlern behaftet. Das vorliegende Gedicht umfasst 808 Wörter. Es baut sich aus 14 Strophen auf und besteht aus 116 Versen. Der Dichter Otto Ernst ist auch der Autor für Gedichte wie „Aus einer Nacht“, „Ausflug“ und „Blühendes Glück“. Zum Autoren des Gedichtes „Das Gesicht der Wahrheit“ haben wir auf abi-pur.de weitere 63 Gedichte veröffentlicht.

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