Das Gesicht von Richard Dehmel

Er saß und konnte nicht los
aus dieser drückenden Qual.
Immer wieder
sank es über ihn,
wie ein magnetischer Ring um die Stirn,
und lähmte seine Hand,
seit Wochen nun schon,
seitdem er wieder gesund war,
immer wenn er malen wollte,
10 
immer die eine, große, unerfüllte Lust,
11 
das Ziel der hundert frohen
12 
Mühen und Entwürfe,
13 
das Bild, das Bild:
14 
ihr Gesicht –
15 
was er auch Neues vornehmen mochte.
 
16 
Er hörte sie im Nebenraum hantieren,
17 
durch den Teppich hindurch.
18 
So verhalten klang es,
19 
so fremd.
20 
Und die Brandflecken auf dem Teppich! –
21 
Er fühlte seine starken
22 
Schultern zucken,
23 
ohne daß er’s wehren konnte.
24 
Er sah müde und verächtlich
25 
in die Landschaft auf der Staffelei,
26 
und warf den Pinsel weg,
27 
und sah scheu nach der Wand drüben,
28 
nach dem Menschenbilde da.
 
29 
Da hing es und wartete,
30 
das letzte von den vielen;
31 
das sie noch gerettet hatte aus dem Brande,
32 
im letzten Augenblick,
33 
aus den fliegenden Flammen.
34 
Es war wie ein Bann:
35 
diese ungelöste Aufgabe,
36 
dies Gesicht.
 
37 
Oh gewiß – es war ja fertig,
38 
war ja ein Bild,
39 
ein Bild, wie nur Er es malen konnte:
40 
dies Weib da, mit der Narzisse
41 
in den streng gefalteten Händen.
42 
Sie duftete fast,
43 
die vorgebeugte
44 
makellose
45 
leuchtende Blüte
46 
mit dem purpurgelben Krönchen
47 
auf dem weißen Stern,
48 
die berauschende Blüte,
49 
vor den jungen, nackten, vollen Brüsten.
50 
Und darüber so stumm
51 
ihr gewährender Mund;
52 
und darüber die blauen
53 
drohenden Augen,
54 
groß und dunkel ins Weite gerichtet;
55 
und darüber ihre Haarglut,
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matt und schwer und rot wie Kupfergold,
57 
grünlich umschattet
58 
vom spitzen, glänzenden Laubwerk
59 
des alten Myrtenbaumes
60 
mit den kleinen,
61 
schimmernd springenden Knospen.
62 
Ja, seine Freunde hatten gescholten,
63 
daß er’s der Welt nicht zeigen wollte;
64 
damals.
 
65 
Aber das war es ja:
66 
auch jetzt nicht!
67 
und nie, niemals,
68 
bis er das Eine gefunden,
69 
das noch drin fehlte,
70 
Ihm nur sichtbar,
71 
das nur Er vermißte in seinen Bildern,
72 
das letzte Rätsel ihres Gesichtes:
73 
Das, warum er sie liebte.
 
74 
Oh, und nun war’s unmöglich,
75 
war es zerstört
76 
dies stille lebendige Rätsel,
77 
von den Flammen gefressen
78 
das Geheimnis ihrer Züge,
79 
von Narben zerrissen
80 
dieser stolze Hals,
81 
diese seltenen Lippen;
82 
und um seinetwillen.
83 
Und er hatte doch gewußt,
84 
mit seiner ganzen Kraft gewußt,
85 
daß es endlich ihm glücken würde,
86 
daß er’s ihr ablauschen würde
87 
und auf die Leinewand zwingen,
88 
dies lockende Wunder;
89 
nicht aus den Augen,
90 
nicht aus den Mundwinkeln,
91 
da saß es nicht,
92 
in keiner Einzelheit,
93 
auch in der Stimmung nicht –
94 
das hatte er Alles
95 
versucht und getroffen.
96 
Es war ein Ausdruck, ein Ausdruck;
97 
und er war ihm so nahe gewesen,
98 
in seinem letzten Bilde,
99 
dem an der Wand da drüben,
100 
dem einzigen übrigen.
101 
Und jetzt, jetzt –?
102 
er preßte die Finger ineinander,
103 
er hätte sie blutig drücken mögen.
 
104 
Und Alles, weil er sie liebte;
105 
grade weil.
106 
Und weil er so stark war.
107 
Ob es wol Strafen gab?
108 
Strafen der Kraft?
109 
aus sich selbst?
110 
Der gebrochene Fuß! –
111 
Ob Liebe Sünde war?
112 
Nicht überhaupt,
113 
aber für Ihn:
114 
Sünde gegen die Kunst,
115 
Uebermannung!
116 
Denn es war ja nicht gleich so gewesen;
117 
was ging ihn ihre Seele an.
118 
Aber allmählich –
119 
oh, das war’s ja aber,
120 
das Heilige,
121 
auch für den Künstler,
122 
Das, was ihm die Augen geöffnet hatte,
123 
das Allerheiligste der Form:
124 
die verschlossene Seele,
125 
die Gegenseitigkeit alles Lebendigen! –
126 
Und so war’s denn geworden:
127 
das Modell zum Weibe,
128 
der Leib zum Wesen,
129 
und immer gegenseitiger
130 
dem Künstler ihre Schönheit,
131 
und immer gegenseitiger
132 
dem Menschen ihr Geschlecht.
133 
Nein, er wollte es nicht;
134 
nur mit den Augen wollt’er sie haben,
135 
ihre Augen,
136 
die nachtblau dunklen, schwimmenden Blumen,
137 
ihr quellentiefes, stilles Gesicht,
138 
Alles! –
139 
Und doch:
140 
wie er sie dann erkannte,
141 
diese Gestalt,
142 
Blick für Blick,
143 
und Ahnung um Ahnung sicherer wurde,
144 
fester im Bilde,
145 
und sich alles ihr entgegenspannte
146 
in seinen Sinnen,
147 
und ihre Innigkeit mit seiner Sehnsucht wuchs:
148 
es war ja Natur, Natur!
149 
war das Ohnmacht?
150 
jener Augenblick,
151 
nach jenem letzten Bilde,
152 
als er sie am Handgelenk heranriß,
153 
noch zitternd vor schaffendem Entzücken,
154 
und ihr den neuen Ausdruck zeigte,
155 
der sie fast enträtselte,
156 
diese verlangende Keuschheit,
157 
und dann sie ansah,
158 
schwül und durstig,
159 
das Eine Letzte suchend,
160 
und sie’s nicht aushielt länger
161 
und an ihm niederwankte,
162 
so warm und schwer,
163 
und er an ihr:
164 
oh Versunkenheit! –
165 
Und dann, dann:
166 
es war zu hart,
167 
zu widersinnig hart:
168 
wie er sie hochgerissen hatte mit tollen Armen,
169 
schreiend vor Lust und doppeltem Ueberglück,
170 
und mit ihr über den Schemel sprang:
171 
dieser tückische Knöchelbruch, –
172 
um den er damals noch lachen konnte
173 
in seiner schwelgenden Liebe,
174 
damals.
 
175 
Er lauschte.
176 
Was sie wol dachte jetzt.
177 
An ihn nur.
178 
Das fühlte er.
179 
Das war das Schwere,
180 
der magnetische Ring.
 
181 
Wie still sie wieder saß;
182 
daß er sie nur nicht merken möchte,
183 
da in der kleinen Kammer,
184 
hinter dem Teppich;
185 
nichts rührte sich;
186 
so war’s nun Tag für Tag.
187 
Und Abends die Angst,
188 
die heimlich Angst,
189 
mit der sie sich im Dunkeln hielt,
190 
im Halblicht,
191 
oder ihr Gesicht verhüllte,
192 
daß er es nur nicht sehen möchte;
193 
daß er sie nur vergessen möchte,
194 
ihre tote Schönheit,
195 
das Bild ihrer Seele,
196 
diese quälende Unmöglichkeit.
197 
Ja: die Angst in der Luft,
198 
das war’s,
199 
das machte ihn zunichte,
200 
diese Liebe.
 
201 
Ja, und war denn das noch Liebe?
202 
dieser lähmende Zwang!
203 
War nicht Alles blos Erinnerung.
204 
Nicht einmal Nachts,
205 
nicht anrühren konnt’er sie mehr,
206 
ohne daß es wieder vor ihm stand,
207 
das ganze furchtbar rote Schauspiel,
208 
und ihm heiß und kalt die Sinne benahm.
209 
Wie sie ihn geweckt,
210 
ihn herausgehoben hatte
211 
mit seinem kranken, dick verschienten Fuß
212 
aus dem qualmenden Bett,
213 
hinter ihr her schon die leckenden Flammen,
214 
durch die Thür
215 
und hinab die dreizehn dunklen Treppenstufen –
216 
oh, sie war stark,
217 
fast so stark wie Er!
218 
und dann zurückgestürzt war
219 
und sich nicht halten ließ,
220 
wieder hinauf,
221 
um das Bild noch zu retten,
222 
das eine wenigstens,
223 
hinein in das glühende Viereck oben
224 
mit den langen, offenen Flechten,
225 
die im Feuerschein flossen wie blutige Seide –
226 
dies Flimmern!
227 
Und auf Einmal der Schrei,
228 
dieser lange, zerreißende Schrei,
229 
und das polternde Bild,
230 
herunter zu ihm,
231 
und oben sie,
232 
groß,
233 
in entsetzlicher Pracht,
234 
mit den greifenden Armen,
235 
die roten Haare zu bläulichen Funken zerflatternd,
236 
eine sprühende Glorie;
237 
züngelnde Flügel
238 
um den keuchenden Busen;
239 
und die grauenhaft flackernden Augen!
240 
Und Er
241 
hilflos da unten sich krümmend!
242 
Und noch Einmal der Schrei,
243 
der heiße, tierische Schrei,
244 
und sein eigener Schrei:
245 
wie sie wieder sich dreht,
246 
eine brennende Garbe,
247 
noch Einmal hinein –
248 
daß ihn die Sinne verlassen,
249 
bis die Leute ihn wecken
250 
und sie neben ihm liegt,
251 
in den Teppich gewickelt,
252 
nach dem sie zurückgerannt
253 
in letzter, gräßlicher Besonnenheit,
254 
den lodernden Schmerz zu ersticken,
255 
das tapfere, starke Geschöpf –
256 
seine Retterin!
 
257 
Ob sich das wol malen ließe:
258 
feurige Flügel?
259 
Nein Narrheit;
260 
so wenig wie der Sonnenstrahl,
261 
der da auf der Palette blitzte.
262 
Ach, das Sonnenlicht!
263 
wie ihr Haar drin schillerte früher,
264 
so glatt und wogend;
265 
ob es wol wiederwachsen würde?
266 
Aber was nützte das!
267 
Ihr Gesicht,
268 
das war das Unersetzliche;
269 
die Erinnerung,
270 
die ihn zu ihr zog
271 
und von ihr stieß.
 
272 
Er stierte zu Boden.
273 
Wenn sie doch gestorben wäre,
274 
ja, gestorben,
275 
nicht blos für Ihn.
276 
Dann würd’er zu ihr beten können,
277 
sein ganzes Leben lang,
278 
ruhig,
279 
traurig,
280 
wie als Kind zur Jungfrau Maria.
281 
Nein, Maria Magdalena
282 
hatte er immer gemeint,
283 
immer wenn er Sonntags knieen mußte:
284 
seitdem er sich heimlich die Bibel gekauft,
285 
bis die Mutter sie fand und ihn schlug, –
286 
Magdalena,
287 
die fühlende Sünderin.
 
288 
Ach, was sollte dies Grübeln.
289 
Sie lebte ja,
290 
lebte und liebte ihn,
291 
und war gesund,
292 
gesund wie Er.
293 
O das schöne, blühende Wort!
294 
Oh, ihre quälende Häßlichkeit!
295 
ihre mahnende Nähe!
296 
die Lust und der Abscheu!
297 
Ohnmacht!
 
298 
Er sah wieder auf,
299 
nach dem Teppich,
300 
nach dem Narzissenbild.
301 
Wenn er’s verkaufen würde.
302 
Ob er dann vielleicht Ruhe hätte.
303 
Wozu auch diese Versessenheit,
304 
ohne Sinn und Verstand,
305 
auf das eine einzige Bischen Seele.
306 
Wozu denn überhaupt
307 
der ganze pedantische Tiefsinn.
308 
Warum war’s ihm nicht genug
309 
an dem farbigen Witz, wie den Andern;
310 
an der Lichtflunkerei,
311 
über die er sonst spottete.
312 
Es war doch so einfach:
313 
was Neues probiren! –
314 
Aber sie, sie blieb ja.
315 
Und wenn er das Bild in Stücke zerschnitte,
316 
die Erinnerung blieb,
317 
solange sie selbst blieb;
318 
und mit ihr der Zwang.
319 
Und die Erinnerung
320 
ließ sich nicht malen.
 
321 
Freiheit! – Ja:
322 
das war das Ungesunde,
323 
das war unsittlich:
324 
diese widernatürliche
325 
dumpfe Gemeinschaft,
326 
Knechtschaft,
327 
Leibeigenschaft!
 
328 
Er starrte auf die Palette,
329 
ein Wolkenschatten wischte den Lichtstrahl aus;
330 
wenn er ihr Schminke gäbe –
331 
ihn ekelte.
332 
Und die Form
333 
bliebe ja dennoch zerstört,
334 
die Seele im Gesicht.
335 
Und ihre Scham! ihr Stolz!
336 
dann
337 
würde sie
338 
gehen!
339 
Aber das wollte er doch?
340 
Dann das Bild auf die Ausstellung,
341 
weg damit,
342 
eine Reise;
343 
Gletschersonne!
344 
Ein, zwei Jahre würd’es schon noch reichen,
345 
das Geld für das Bild
346 
und der Rest seiner Erbschaft;
347 
er würde blos arbeiten.
348 
Und er hatte ja genug gelernt an ihr!
349 
er wollt’es den Andern schon zeigen,
350 
warum er so lange im Stillen gesessen! –
351 
Und sie?
352 
Sie war ja klug genug,
353 
die Höhere Tochter;
354 
sie konnte ja Unterricht geben,
355 
oder als Buchhalterin –
356 
oder er würde ihr selber was schicken.
357 
Nein: das würde sie nicht nehmen.
358 
Und:
359 
und wenn die Leute sie nicht haben wollten:
360 
mit ihrem entstellten Gesicht! –
361 
Oh, dies Gewissen!
362 
Warum hatte er dies Gewissen!
363 
Ja: für die Kunst, da war’s gut.
364 
Aber fürs Leben:
365 
fürs Leben brauchte man doch kein Gewissen! –
366 
Nicht, weil er sie verführt hatte;
367 
nein!
368 
eher sie ihn.
369 
Oder weil sie eine Verstoßene war –
370 
eine Verstoßene?
371 
um seinetwillen!
372 
Nein: das war ja aus ihr selbst gekommen.
373 
Warum war sie denn wiedergekommen,
374 
noch eh er von Liebe was ahnte;
375 
und immer wieder,
376 
bis sie bleiben mußte.
377 
Das war ihr Verhängnis!
378 
ja, ihr eigenes Verhängnis:
379 
ihr Wille! –
380 
Weil sein Ernst sie lockte;
381 
was die Eltern auch sagen mochten.
382 
Weil sie seinen reinen Willen fühlte.
383 
Aber:
384 
aber war er denn rein?
385 
Ja –
386 
bis er ihn verlor,
387 
in jenem Augenblick,
388 
den Willen zur Form.
389 
Nein, schon vorher:
390 
bis er die Seele sah.
391 
Aber das war ja die Form,
392 
die verschlossene Seele;
393 
was Er gesucht hatte,
394 
was sie empfunden hatte,
395 
warum sie ihm vertraute,
396 
ihm, dem Künstler.
397 
Nein, auch dem Menschen!
398 
dem Menschen, der über sich stand,
399 
über Sich und Natur,
400 
über Seele und Leben.
401 
Und doch nicht!
402 
es war ja das Selbe,
403 
die selben Sinne,
404 
die selbe Natur:
405 
die Kraft des Künstlers, des Menschen.
406 
Ja: da hing es:
407 
jener Augenblick,
408 
jenes Bild:
409 
seine Kunst, sein Wille,
410 
sein Leben, ihr Leben,
411 
Das war Alles das Selbe,
412 
das folternde, drohende Selbe!
413 
denn sein Leben,
414 
das, das war er ihr schuldig,
415 
ihr, seiner Retterin!
416 
sein Leben,
417 
seine Kunst,
418 
seine Arbeit,
419 
seinen Zweck und Glauben!
 
420 
Er fuhr zusammen,
421 
ein neuer Wolkenschatten
422 
huschte durch die Stille.
423 
Er preßte die Augen zu;
424 
er wollt’es schon gar nicht mehr sehen,
425 
das fordernde, drohende Bild;
426 
er haßte es schon!
427 
Er drückte die Fäuste in die Augen,
428 
daß sie flimmerten.
429 
Er sah es nur mächtiger,
430 
im sprühenden Glanz,
431 
und sah sie, sie,
432 
wie sie jetzt war,
433 
mit dem schiefen, gestaltlosen Mund,
434 
mit dem haarlosen Kopf,
435 
mit den Narben um Nase und Kinn,
436 
mit dem blanken, striemenroten Hals.
437 
Er stöhnte laut auf,
438 
daß ihn graute
439 
vor der hohlen, einsamen Stimme.
 
440 
Da:
441 
das war doch seine Stimme nicht?
442 
Zagend, suchend
443 
kam es durch den großen Raum:
444 
„Riefest du?“
445 
weich und schwer,
446 
wie der Teppich, den er schwanken hörte.
 
447 
Er sah nicht auf.
448 
Er fühlte, wie sie fragend stand.
449 
Nur nicht jetzt ihr Gesicht!
450 
Er wollte sprechen.
451 
Da kam sie.
 
452 
Er wollte den Kopf schütteln;
453 
aber ihre Hand auf seiner Schulter,
454 
ihr Warten!
455 
Es war nicht möglich,
456 
es zwang ihn hoch,
457 
er mußte sie ansehn,
458 
ansehn,
459 
am weißen Morgenkleid hinauf,
460 
ihren Hals,
461 
und –
462 
Rot,
463 
und ein brausendes Schwarz,
464 
Seele,
465 
der Blick,
466 
ihr Gesicht,
467 
es war Uebergewalt,
468 
da stand sie,
469 
hoch,
470 
starr,
471 
erbebend:
472 
„Ich
473 
werde
474 
gehen“ –
475 
und wollte sich wenden.
476 
Und Er
477 
sah sie an,
478 
an,
479 
und seine Augen wurden immer weiter,
480 
daß sie nicht loskonnte,
481 
immer durstiger,
482 
und seine Finger tasteten und griffen,
483 
es zu fassen,
484 
zu halten,
485 
das unerkannte
486 
letzte
487 
Eine,
488 
das selige Wunder,
489 
Das, was ihn zu ihr in die Kniee riß,
490 
warum er sie umklammerte,
491 
weinend,
492 
„Offenbarung“ stammelnd:
493 
ihre große Sittlichkeit,
494 
die Schönheit ihrer Erschütterung!
 
495 
Und nun,
496 
weich,
497 
weich, schwer und leise,
498 
sank auch sie herab an ihm,
499 
Knie an Knie,
500 
kindermild,
501 
anders wie damals;
502 
und er küßte die gestaltlosen Lippen
503 
und schlang die Hände um den haarlosen Kopf
504 
und hielt sie von sich,
505 
schauend – schauend – nein:
506 
Das lag nicht in den Augen,
507 
nicht in den Mundwinkeln,
508 
in keiner Einzelheit:
509 
das würde ihn zur Andacht zwingen,
510 
und wenn sie ganz verschleiert vor ihm läge:
511 
diese strömende Hohheit,
512 
diese heilige, siegende Demut.
 
513 
Und er mußte es sagen,
514 
lachend,
515 
das Ueberflüssige –
516 
„Ich liebe dich“.
 
517 
Und wie sie sich erhoben von den Knieen,
518 
in ihrer Klarheit,
519 
und der breite Sonnenstrahl
520 
auf der Palette blitzte,
521 
nach der Wand hinüber,
522 
nach dem Myrtenbilde,
523 
da stieg es vor ihm auf,
524 
neu und mächtig:
525 
„Weißt du, wie ich dich malen werde?
526 
Blut und Nacht,
527 
Sterne,
528 
nur Auge und Bewegung:
529 
Magdalena,
530 
der Welt den Gekreuzigten zeigend“.
 
531 
„In den liebenden Armen“,
532 
sagte sie dunkel.
 
533 
Ein Wolkenschatten …

Details zum Gedicht „Das Gesicht“

Anzahl Strophen
25
Anzahl Verse
533
Anzahl Wörter
2154
Entstehungsjahr
1893
Epoche
Moderne

Gedicht-Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Das Gesicht“ des Autors Richard Dehmel. Dehmel wurde im Jahr 1863 in Wendisch-Hermsdorf, Mark Brandenburg geboren. Das Gedicht ist im Jahr 1893 entstanden. Erschienen ist der Text in München. Auf Grund der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. der Lebensdaten des Autors kann der Text der Epoche Moderne zugeordnet werden. Bei dem Schriftsteller Dehmel handelt es sich um einen typischen Vertreter der genannten Epoche. Das Gedicht besteht aus 533 Versen mit insgesamt 25 Strophen und umfasst dabei 2154 Worte. Weitere bekannte Gedichte des Autors Richard Dehmel sind „Bastard“, „Bitte“ und „Büßende Liebe“. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „Das Gesicht“ weitere 490 Gedichte vor.

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Weitere Gedichte des Autors Richard Dehmel (Infos zum Autor)

Zum Autor Richard Dehmel sind auf abi-pur.de 490 Dokumente veröffentlicht. Alle Gedichte finden sich auf der Übersichtsseite des Autors.