Still versteckt der Mond sich draußen von Heinrich Heine

Still versteckt der Mond sich draußen
Hinterm grünen Tannenbaum,
Und im Zimmer unsre Lampe
Flackert matt und leuchtet kaum.
 
Aber meine blauen Sterne
Strahlen auf in hellerm Licht,
Und es glühn die Purpurröslein,
Und das liebe Mädchen spricht:
 
»Kleines Völkchen, Wichtelmännchen,
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Stehlen unser Brot und Speck,
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Abends liegt es noch im Kasten,
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Und des Morgens ist es weg.
 
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Kleines Völkchen, unsre Sahne
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Nascht es von der Milch, und läßt
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Unbedeckt die Schüssel stehen,
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Und die Katze säuft den Rest.
 
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Und die Katz' ist eine Hexe,
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Denn sie schleicht, bei Nacht und Sturm,
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Drüben nach dem Geisterberge,
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Nach dem altverfallnen Turm.
 
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Dort hat einst ein Schloß gestanden,
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Voller Lust und Waffenglanz; Blanke Ritter,
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Fraun und Knappen
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Schwangen sich im Fackeltanz.
 
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Da verwünschte Schloß und Leute
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Eine böse Zauberin,
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Nur die Trümmer blieben stehen,
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Und die Eulen nisten drin.
 
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Doch die sel'ge Muhme sagte:
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Wenn man spricht das rechte Wort,
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Nächtlich zu der rechten Stunde,
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Drüben an dem rechten Ort:
 
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So verwandeln sich die Trümmer
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Wieder in ein helles Schloß,
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Und es tanzen wieder lustig
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Ritter, Fraun und Knappentroß;
 
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Und wer jenes Wort gesprochen,
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Dem gehören Schloß und Leut',
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Pauken und Trompeten huld'gen
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Seiner jungen Herrlichkeit.«
 
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Also blühen Märchenbilder
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Aus des Mundes Röselein,
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Und die Augen gießen drüber
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Ihren blauen Sternenschein.
 
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Ihre goldnen Haare wickelt
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Mir die Kleine um die Händ',
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Gibt den Fingern hübsche Namen,
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Lacht und küßt, und schweigt am End'.
 
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Und im stillen Zimmer alles
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Blickt mich an so wohlvertraut;
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Tisch und Schrank, mir ist, als hätt ich
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Sie schon früher mal geschaut.
 
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Freundlich ernsthaft schwatzt die Wanduhr,
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Und die Zither, hörbar kaum,
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Fängt von selber an zu klingen,
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Und ich sitze wie im Traum.
 
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Jetzo ist die rechte Stunde,
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Und es ist der rechte Ort;
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Ja, ich glaube, von den Lippen
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Gleitet mir das rechte Wort.
 
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»Siehst du, Kindchen, wie schon dämmert
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Und erbebt die Mitternacht!
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Bach und Tannen brausen lauter,
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Und der alte Berg erwacht.
 
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Zitherklang und Zwergenlieder
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Tönen aus des Berges Spalt,
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Und es sprieße, wie 'n toller Frühling,
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Draus hervor ein Blumenwald;
 
69 
Blumen, kühne Wunderblumen,
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Blätter, breit und fabelhaft,
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Duftig bunt und hastig regsam,
72 
Wie gedrängt von Leidenschaft.
 
73 
Rosen, wild wie rote Flammen,
74 
Sprühn aus dem Gewühl hervor;
75 
Lilien, wie kristallne Pfeiler,
76 
Schießen himmelhoch empor.
 
77 
Und die Sterne, groß wie Sonnen,
78 
Schaun herab mit Sehnsuchtglut;
79 
In der Lilien Riesenkelche
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Strömet ihre Strahlenflut.
 
81 
Doch wir selber, süßes Kindchen,
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Sind verwandelt noch viel mehr;
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Fackelglanz und Gold und Seide
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Schimmern lustig um uns her.
 
85 
Du, du wurdest zur Prinzessin,
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Diese Hütte ward zum Schloß,
87 
Und da jubeln und da tanzen
88 
Ritter, Fraun und Knappentroß,
 
89 
Aber ich, ich hab erworben
90 
Dich und alles, Schloß und Leut';
91 
Pauken und Trompeten huld'gen
92 
Meiner jungen Herrlichkeit!«
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (31.2 KB)

Details zum Gedicht „Still versteckt der Mond sich draußen“

Anzahl Strophen
23
Anzahl Verse
92
Anzahl Wörter
445
Entstehungsjahr
1797 - 1856
Epoche
Junges Deutschland & Vormärz

Gedicht-Analyse

Das Gedicht „Still versteckt der Mond sich draußen“ stammt aus der Feder des Autors bzw. Lyrikers Heinrich Heine. Geboren wurde Heine im Jahr 1797 in Düsseldorf. Die Entstehungszeit des Gedichtes liegt zwischen den Jahren 1813 und 1856. Das Gedicht lässt sich an Hand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her der Epoche Junges Deutschland & Vormärz zuordnen. Bei Heine handelt es sich um einen typischen Vertreter der genannten Epoche. Das vorliegende Gedicht umfasst 445 Wörter. Es baut sich aus 23 Strophen auf und besteht aus 92 Versen. Die Gedichte „Ach, ich sehne mich nach Thränen“, „Ach, wenn ich nur der Schemel wär’“ und „Ahnung“ sind weitere Werke des Autors Heinrich Heine. Zum Autor des Gedichtes „Still versteckt der Mond sich draußen“ haben wir auf abi-pur.de weitere 529 Gedichte veröffentlicht.

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