Anno 1829 von Heinrich Heine

Daß ich bequem verbluten kann,
Gebt mir ein edles, weites Feld!
Oh, laßt mich nicht ersticken hier
In dieser engen Krämerwelt!
 
Sie essen gut, sie trinken gut,
Erfreun sich ihres Maulwurfglücks,
Und ihre Großmut ist so groß
Als wie das Loch der Armenbüchs'.
 
Zigarren tragen sie im Maul
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Und in der Hosentasch' die Händ';
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Auch die Verdauungskraft ist gut
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Wer sie nur selbst verdauen könnt!
 
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Sie handeln mit den Spezerei'n
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Der ganzen Welt, doch in der Luft,
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Trotz allen Würzen, riecht man stets
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Den faulen Schellfischseelenduft.
 
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Oh, daß ich große Laster säh,
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Verbrechen, blutig, kolossal
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Nur diese satte Tugend nicht,
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Und zahlungsfähige Moral!
 
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Ihr Wolken droben, nehmt mich mit,
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Gleichviel nach welchem fernen Ort!
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Nach Lappland oder Afrika,
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Und sei's nach Pommern - fort! nur fort!
 
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Oh, nehmt mich mit - sie hören nicht
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Die Wolken droben sind so klug!
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Vorüberreisend dieser Stadt,
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Ängstlich beschleun'gen sie den Flug.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (24.9 KB)

Details zum Gedicht „Anno 1829“

Anzahl Strophen
7
Anzahl Verse
28
Anzahl Wörter
148
Entstehungsjahr
1797 - 1856
Epoche
Junges Deutschland & Vormärz

Gedicht-Analyse

Das vorgelegte Gedicht stammt von Heinrich Heine, einem bedeutenden deutschen Dichter der Romantik. Ein Hinweis darauf ist der Titel „Anno 1829“, der darauf hindeutet, dass das Gedicht im gleichen Jahr geschrieben wurde. Damit fällt es in ein Zeitalter großer gesellschaftlicher Umbrüche, was sich in seiner kritischen Auseinandersetzung mit der Gesellschaft widerspiegelt.

Der erste Eindruck vermittelt einen Eindruck von Isolation, Entfremdung und Unzufriedenheit. Das lyrische Ich scheint sich in der Gesellschaft, die es umgibt, unwohl zu fühlen und drückt den Wunsch aus, dieser zu entkommen.

Inhaltlich geht es in dem Gedicht um Kritik am Bürgertum und dessen materialistischer und engstirniger Einstellung. Das lyrische Ich sieht sich fremd in einer Welt, die es als „Krämerwelt“ bezeichnet – eine Welt, die nur auf Profit ausgerichtet ist. Die Ironie und der Spott gegenüber der sogenannten „zahlungsfähigen Moral“ deutet auf den Konflikt des lyrischen Ichs mit einer Gesellschaft hin, deren menschliche Werte durch geldliche Werte ersetzt wurden. Das lyrische Ich sehnt sich nach Freiheit und Unabhängigkeit und will „bequem verbluten“ auf einem „edlen, weiten Feld“, fernab der erstickenden Gesellschaft.

In Anbetracht der Form und Sprache des Gedichts handelt es sich um sieben Strophen zu je vier Versen, was relativ klassisch ist. Auffällig ist der Gebrauch von bildhafter, metaphorischer Sprache, wie z. B. „Maulwurfglück“ oder „faulen Schellfischseelenduft“, wodurch der abwertende Blick auf das Bürgertum hervorgehoben wird. Es zeigt sich eine ironisch-satirische Sprache, die die Kritik am Bürgertum unterstreicht. Der Einsatz des Ausrufes „fort! nur fort!“ im letzten Vers drückt die verzweifelte und drängende Sehnsucht des lyrischen Ichs nach Flucht und Freiheit aus.

Zusammenfassend handelt es sich bei Heines „Anno 1829“ um eine scharfe Kritik an der materialistischen, engstirnigen Bürgergesellschaft seiner Zeit. Mit bildhafter, ironischer Sprache drückt das lyrische Ich seine Entfremdung und seinen Wunsch nach Entfliehung dieser Welt aus. Die kritische Haltung gegenüber dem Bürgertum passt zu der politischen Einstellung Heines, der als kritischer Geist und Verfechter der Freiheit bekannt war.

Weitere Informationen

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Anno 1829“ des Autors Heinrich Heine. 1797 wurde Heine in Düsseldorf geboren. Zwischen den Jahren 1813 und 1856 ist das Gedicht entstanden. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her kann der Text der Epoche Junges Deutschland & Vormärz zugeordnet werden. Der Schriftsteller Heine ist ein typischer Vertreter der genannten Epoche. Das Gedicht besteht aus 28 Versen mit insgesamt 7 Strophen und umfasst dabei 148 Worte. Der Dichter Heinrich Heine ist auch der Autor für Gedichte wie „Ach, wenn ich nur der Schemel wär’“, „Ahnung“ und „Allnächtlich im Traume seh’ ich dich“. Zum Autor des Gedichtes „Anno 1829“ haben wir auf abi-pur.de weitere 535 Gedichte veröffentlicht.

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