Gesang des Deutschen von Johann Christian Friedrich Hölderlin

O heilig Herz der Völker, o Vaterland!
Allduldend, gleich der schweigenden Mutter Erd,
Und allverkannt, wenn schon aus deiner
Tiefe die Fremden ihr Bestes haben!
 
Sie ernten den Gedanken, den Geist von dir,
Sie pflücken gern die Traube, doch höhnen sie
Dich, ungestalte Rebe! daß du
Schwankend den Boden und wild umirrest.
 
Du Land des hohen ernsteren Genius!
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Du Land der Liebe! bin ich der deine schon,
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Oft zürnt ich weinend, daß du immer
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Blöde die eigene Seele leugnest.
 
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Doch magst du manches Schöne nicht bergen mir,
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Oft stand ich überschauend das holde Grün,
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Den weiten Garten hoch in deinen
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Lüften auf hellem Gebirg und sah dich.
 
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An deinen Strömen ging ich und dachte dich,
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Indes die Töne schüchtern die Nachtigall
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Auf schwanker Weide sang, und still auf
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Dämmerndem Grunde die Welle weilte.
 
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Und an den Ufern sah ich die Städte blühn,
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Die Edlen, wo der Fleiß in der Werkstatt schweigt,
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Die Wissenschaft, wo deine Sonne
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Milde dem Künstler zum Ernste leuchtet.
 
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Kennst du Minervas Kinder? sie wählten sich
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Den Ölbaum früh zum Lieblinge; kennst du sie?
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Noch lebt, noch waltet der Athener
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Seele, die sinnende, still bei Menschen,
 
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Wenn Platons frommer Garten auch schon nicht mehr
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Am alten Strome grünt und der dürftge Mann
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Die Heldenasche pflügt, und scheu der
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Vogel der Nacht auf der Säule trauert.
 
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O heilger Wald! o Attika! traf Er doch
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Mit seinem furchtbarn Strahle dich auch, so bald,
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Und eilten sie, die dich belebt, die
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Flammen entbunden zum Aether über?
 
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Doch, wie der Frühling, wandelt der Genius
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Von Land zu Land. Und wir? ist denn Einer auch
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Von unsern Jünglingen, der nicht ein
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Ahnden, ein Rätsel der Brust, verschwiege?
 
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Den deutschen Frauen danket! sie haben uns
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Der Götterbilder freundlichen Geist bewahrt,
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Und täglich sühnt der holde klare
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Friede das böse Gewirre wieder.
 
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Wo sind jetzt Dichter, denen der Gott es gab,
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Wie unsern Alten, freudig und fromm zu sein,
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Wo Weise, wie die unsre sind? die
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Kalten und Kühnen, die Unbestechbarn!
 
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Nun! sei gegrüßt in deinem Adel, mein Vaterland,
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Mit neuem Namen, reifeste Frucht der Zeit!
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Du letzte und du erste aller
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Musen, Urania, sei gegrüßt mir!
 
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Noch säumst und schweigst du, sinnest ein freudig
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Werk,
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Das von dir zeuge, sinnest ein neu Gebild,
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Das einzig, wie du selber, das aus
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Liebe geboren und gut, wie du, sei
 
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Wo ist dein Delos, wo dein Olympia,
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Daß wir uns alle finden am höchsten Fest?
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Doch wie errät der Sohn, was du den
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Deinen, Unsterbliche, längst bereitest?
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (30.6 KB)

Details zum Gedicht „Gesang des Deutschen“

Anzahl Strophen
15
Anzahl Verse
61
Anzahl Wörter
411
Entstehungsjahr
1770 - 1843
Epoche
Aufklärung,
Empfindsamkeit,
Sturm & Drang

Gedicht-Analyse

Der Autor des Gedichtes „Gesang des Deutschen“ ist Johann Christian Friedrich Hölderlin. 1770 wurde Hölderlin in Lauffen am Neckar geboren. Die Entstehungszeit des Gedichtes liegt zwischen den Jahren 1786 und 1843. Eine Zuordnung des Gedichtes zu den Epochen Aufklärung, Empfindsamkeit, Sturm & Drang, Klassik, Romantik, Biedermeier oder Junges Deutschland & Vormärz kann auf Grund der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. der Lebensdaten des Autors vorgenommen werden. Bitte überprüfe unbedingt die Richtigkeit der Angaben zur Epoche bei Verwendung. Die Zuordnung der Epochen ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen. Das Gedicht besteht aus 61 Versen mit insgesamt 15 Strophen und umfasst dabei 411 Worte. Weitere Werke des Dichters Johann Christian Friedrich Hölderlin sind „Abbitte“, „Abendphantasie“ und „An Ihren Genius“. Zum Autor des Gedichtes „Gesang des Deutschen“ haben wir auf abi-pur.de weitere 181 Gedichte veröffentlicht.

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