Der blinde Sänger von Johann Christian Friedrich Hölderlin

Elysen ainon achos ap' ommatôn Arês
Sophokles
 
Wo bist du, Jugendliches! das immer mich
Zur Stunde weckt des Morgens, wo bist du, Licht!
Das Herz ist wach, doch bannt und halt in
Heiligem Zauber die Nacht mich immer.
 
Sonst lauscht ich um die Dämmerung gern, sonst harrt
Ich gerne dein am Hügel, und nie umsonst!
Nie täuschten mich, du Holdes, deine
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Boten, die Lüfte, denn immer kamst du,
 
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Kamst allbeseligend den gewohnten Pfad
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Herein in deiner Schöne, wo bist du, Licht!
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Das Herz ist wieder wach, doch bannt und
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Hemmt die unendliche Nacht mich immer.
 
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Mir grünten sonst die Lauben; es leuchteten
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Die Blumen, wie die eigenen Augen, mir;
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Nicht ferne war das Angesicht der
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Meinen und leuchtete mir und droben
 
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Und um die Wälder sah ich die Fittige
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Des Himmels wandern, da ich ein Jüngling war;
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Nun sitz ich still allein, von einer
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Stunde zur anderen, und Gestalten
 
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Aus Lieb und Leid der helleren Tage schafft
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Zur eignen Freude nun mein Gedanke sich,
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Und ferne lausch ich hin, ob nicht ein
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Freundlicher Retter vielleicht mir komme.
 
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Dann hör ich oft die Stimme des Donnerers
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Am Mittag, wenn der eherne nahe kommt,
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Wenn ihm das Haus bebt und der Boden
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Unter ihm dröhnt und der Berg es nachhallt.
 
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Den Retter hör ich dann in der Nacht, ich hör
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Ihn tötend, den Befreier, belebend ihn,
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Den Donnerer vom Untergang zum
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Orient eilen und ihm nach tönt ihr,
 
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Ihm nach, ihr meine Saiten! es lebt mit ihm
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Mein Lied und wie die Quelle dem Strome folgt,
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Wohin er denkt, so muß ich fort und
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Folge dem Sicheren auf der Irrbahn.
 
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Wohin? wohin? ich höre dich da und dort,
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Du Herrlicher! und rings um die Erde tönts.
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Wo endest du? und was, was ist es
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Über den Wolken und o wie wird mir?
 
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Tag! Tag! du über stürzenden Wolken! sei
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Willkommen mir! es blühet mein Auge dir.
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O Jugendlicht! o Glück! das alte
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Wieder! doch geistiger rinnst du nieder,
 
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Du goldner Quell aus heiligem Kelch! und du,
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Du grüner Boden, friedliche Wieg! und du,
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Haus meiner Väter! und ihr Lieben,
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Die mir begegneten einst, o nahet,
 
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O kommt, daß euer, euer die Freude sei,
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Ihr alle, daß euch segne der Sehende!
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O nimmt, daß ichs ertrage, mir das
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Leben, das Göttliche mir vom Herzen.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (28.9 KB)

Details zum Gedicht „Der blinde Sänger“

Anzahl Strophen
14
Anzahl Verse
54
Anzahl Wörter
381
Entstehungsjahr
1770 - 1843
Epoche
Aufklärung,
Empfindsamkeit,
Sturm & Drang

Gedicht-Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Der blinde Sänger“ des Autors Johann Christian Friedrich Hölderlin. Geboren wurde Hölderlin im Jahr 1770 in Lauffen am Neckar. Im Zeitraum zwischen 1786 und 1843 ist das Gedicht entstanden. Das Gedicht lässt sich an Hand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her den Epochen Aufklärung, Empfindsamkeit, Sturm & Drang, Klassik, Romantik, Biedermeier oder Junges Deutschland & Vormärz zuordnen. Die Zuordnung der Epochen ist ausschließlich auf zeitlicher Basis geschehen. Bitte überprüfe unbedingt die Richtigkeit der Angaben bei Verwendung. Das 381 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 54 Versen mit insgesamt 14 Strophen. Weitere bekannte Gedichte des Autors Johann Christian Friedrich Hölderlin sind „An die Deutschen“, „An die Parzen“ und „An die jungen Dichter“. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „Der blinde Sänger“ weitere 181 Gedichte vor.

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