Petrarca und Laura von Friedrich Gottlieb Klopstock

Anderen Sterblichen schön, kaum noch gesehn von
mir,
Ging der silberne Mond vorbei
Tränend wandt' ich von ihm mein melancholisches
Müdes Auge dem Dunklen zu.
Dreimal schlug mir mein Herz; dreimal erbebtest du,
Tochter des ewigen Hauchs, in mir,
Seele, zur Liebe gemacht; dreimal erschreckte dich
Deiner Einsamkeit bang Gefühl.
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Hätte die dich gesehn, welcher du zittertest,
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Der du seufzend, Unsterbliche,
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Tränen weintest, wie sie wehmutsvoll Edlere
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Weinen: wäre vielleicht sie nicht
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Durch die Tränen gerührt, hätte vielleicht sie nicht
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Eine Träne mit dir geweint!
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Aber süßere Ruh deckte mit Fittigen
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Ihres friedsamen Schlummers sie,
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Und ihr göttliches Herz, über mein Herz erhöht,
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Hub gelinder des Mädchens Brust.
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Mich nur flohe die Ruh, und mein Gespiele sonst,
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Mein geselliger sanfter Schlaf,
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Ging dem Auge vorbei und dem getrübteren,
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Ihm zu wachen und bangen Blick.
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Tief in die Dämmerung hin sah es und suchte dich,
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Seiner Tränen Genossin, auf,
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Dich, des nächtlichen Hains Sängerin, Nachtigall!
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Doch du sangest mir jetzo nicht.
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Dein mitweinender Ton, dein melancholisch Ach,
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Selbst die Linderung fehlte mir.
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Endlich schlummere, ich ein, und ein Unsterblicher
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Schloß mitleidig das Auge mir.
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Hast du mich weinen gesehn, o du Unsterblicher,
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Der mitleidig mein Auge schloß,
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O, so sammle sie ein, sammle die heiligen
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Tränen in goldene Schalen ein,
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Bring sie, Himmlischer, dann zu den Unsterblichen,
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Denen zärtlich ihr Herz auch schlug:
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Zu der göttlichen Rowe oder zur Radikin,
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Die im Frühlinge sanft entschlief,
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Oder zu Doris hinauf, die noch ihr Haller weint,
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Wenn er die jüngere Doris sieht,
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Daß dann eine vielleicht, hat sie mein Schmerz
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bewegt,
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Aus den hohen Versammlungen
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Niedersteige, das Herz jener, die inniger
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Mein unsterblicher Geist verlangt,
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Zu erweichen und sie zu den Empfindungen
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Gleicher Zärtlichkeit einzuweihn!
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Also dacht ich und schlief. Und der Unsterbliche
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Gab mitleidig mir einen Traum.
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Laura sah ich im Traum, bei ihr den fühlenden,
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Liedervollen Petrarca stehn.
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Sie war jugendlich schön, nicht, wie das leichte Volk
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Rosenwangichter Mädchen ist,
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Die gedankenlos blühn, nur im Vorübergehn
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Von der Natur und im Scherz gemacht,
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Leer an Empfindung und Geist, leer des allmächtigen
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Triumphierenden Götterblicks.
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Laura war jugendlich schön, ihre Bewegungen
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Sprachen alle die Göttlichkeit
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Ihres Herzens, und wert, wert der Unsterblichkeit,
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Trat sie hoch im Triumph daher,
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Schön wie ein festlicher Tag, frei wie die heitre Luft,
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Voller Einfalt, wie du, Natur.
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An ihr klopfendes Herz legte Petrarca sich.
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Also sagte der Glückliche:
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»Ach, dein klopfendes Herz, was vor Empfindungen
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Schlägts mir in den bewegten Geist!
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Jeder wallende Hauch deiner beseelten Brust
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Hebt mich zu den Unsterblichen!
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Ach, wie ruh ich so süß! laß mich! die Seele faßt
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Deiner Liebe Gewalt nicht mehr!
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Laura, Laura! mein Geist hebt sich, voll hoher Lust,
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Auf die Hügel der Seligen!
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Auf die Hügel der Ruh, wo's von Entzückungen
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Taumelnd schwebt um mein trunknes Haupt!
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Singet, Söhne des Lichts, meiner Empfindungen
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Unaussprechliche süße Lust!
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Singt sie! ich weine sie nur, ja, die Unsterblichkeit
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Wein' ich froh von der Liebe durch!«
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»Mein Petrarca!« Sie sprachs; aber nun redeten
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Frohe Seufzer und Tränen nur.
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Ach, wie fließt ihr so sanft unter Umarmungen,
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Ewigkeiten voll Ruh, vorbei!
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Daß wir dort uns geliebt, ach, wie belohnt uns dies
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Unsrer Namen Unsterblichkeit
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Auf der unteren Welt! Unserer Zärtlichkeit
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Folgt dort Enkel und Enkelin.
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Enkel, die ihr uns folgt, euch soll die goldne Zeit
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Lächelnd Blumen und Kränze streun!
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Ihr sollt glücklicher sein, als es die Herrscher sind,
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Mehr als siegende Könige!
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Euch gehorche das Spiel, das von der Leier tönt,
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Singet, würdig der Ewigkeit,
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Würdig der, die euch liebt; gebt sie den folgenden
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Späten Tagen zum Muster hin!
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Enkelinnen, die ihr Lauras Empfindung habt,
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Euch verfließe die goldne Zeit,
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Wie ein ewiger Mau, wie ein gefeirter Tag,
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Unter süßen Umarmungen!
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Ihr sollt glücklicher sein, als des Eroberers
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Braut, die Tochter des Siegenden!
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Euch nur singe das Spiel, das von der Leier tönt,
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Seid unsterblich, wie Laura ist!

Details zum Gedicht „Petrarca und Laura“

Anzahl Strophen
1
Anzahl Verse
104
Anzahl Wörter
636
Entstehungsjahr
1724 - 1803
Epoche
Empfindsamkeit

Gedicht-Analyse

Das Gedicht „Petrarca und Laura“ stammt aus der Feder des Autors bzw. Lyrikers Friedrich Gottlieb Klopstock. Geboren wurde Klopstock im Jahr 1724 in Quedlinburg. In der Zeit von 1740 bis 1803 ist das Gedicht entstanden. Von der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her lässt sich das Gedicht der Epoche Empfindsamkeit zuordnen. Bei Klopstock handelt es sich um einen typischen Vertreter der genannten Epoche. Das vorliegende Gedicht umfasst 636 Wörter. Es baut sich aus nur einer Strophe auf und besteht aus 104 Versen. Weitere Werke des Dichters Friedrich Gottlieb Klopstock sind „Das Wiedersehn“, „An die nachkommenden Freunde“ und „Das verlängerte Leben“. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „Petrarca und Laura“ weitere 65 Gedichte vor.

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