Die Verwandlung von Friedrich Gottlieb Klopstock

Als ich unter den Menschen noch war, da war ich ein
Jüngling,
Weiblich und zart von Gefühl,
Ganz zur Empfindung der Liebe geschaffen. So
zärtlich und fühlend
War kein Sterblicher mehr.
Also sah ich ein göttliches Mädchen; so zärtlich und
fühlend
War keine Sterbliche mehr.
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Aber ein unerbittliches Schicksal, ein eisernes
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Schicksal
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Gab mir ein hartes Gesetz,
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Ewig zu schweigen, und einsam zu weinen. So
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zärtlich und elend
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War kein Sterblicher mehr.
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Einst sah ich sie im Haine; da ging ich seitwärts und
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weinte
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Seitwärts ins Einsame hin,
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Tief in den dunkelsten Hain, der den bängsten
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Schmerzen geweiht war,
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Und dem erbebenden Geist.
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Ach, vergebens erschaffne - wenn jene, die die Natur
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dir
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Gleich schuf, ewig dich flieht
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Ach, vergebens unsterbliche Seele! wenn ewig einsam
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Dir die Unsterblichkeit ist.
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Wenn du, da du die Seelen erschufst, zwo Seelen von
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vielen,
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Mütterliche Natur,
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Zärtlicher und sich ähnlich erschufst, und gleichwohl
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sie trenntest,
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Sage, was dachtest du da,
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Mütterliche Natur? Sonst immer weise, mir aber
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Hier nicht weise genug,
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Hier nicht zärtlich genug! nicht mehr die liebende
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Mutter,
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Die du immer sonst warst!
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Ach, wenn dich noch Tränen erweichten! und wenn
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ein vor Wehmut
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Bang erbebendes Herz
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Dich und dein eisernes Schicksal und seine Donner
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versöhnte,
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Wenn du Mutter noch wärst!
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Wenn, wie vormals, dein Ohr, zur Zeit des goldenen
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Alters,
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Stammelnde Seufzer vernähm'!
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Aber du bleibst unerbittlich und ernst. So sei es denn
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ewig!
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Sei's! nicht mehr Mutter, Natur!
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Warum hast du mich nicht, wie diesen Hain hier,
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erschaffen,
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Ruhig und ohne Gefühl?
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Warum nicht, wie den Sänger des Hains? Er fühlt
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sich vielleicht nicht,
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Oder ist es Gefühl,
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Was er tönet; sinds zärtliche Klagen, die seufzend
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sein Mund singt,
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Ach, so wird er gehört!
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Ach, so lieben ihn Sängerinnen! so donnert kein
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Schicksal
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Sie zu trennen daher!
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Ach, so fühlt er kein menschliches Elend! - Auf, laß
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mich wie er sein!
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Nicht mehr Mutter, Natur,
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Schaffe zur Nachtigall mich! doch laß mir die
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menschliche Seele,
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Diese Seele nicht mehr!
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Also sagt, ich, und wurde verwandelt, doch blieb mir
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die Seele
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Und mein zu fühlendes Herz;
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Und, nicht glücklicher, klag' ich noch einsam, und
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weine die Nacht durch
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Und den mir nächtlichen Tag.
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Wenn der Morgen dahertaut, wenn glücklichern
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Vögeln und Menschen
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Du, o Abendstern, winkst,
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Geht, die ich lieb', im Haine daher; dann sing' ich ihr
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Klagen,
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Aber sie höret mich nicht.
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O so höre mich, Jupiter, dann, du, des hohen
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Olympus
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Donnerer, höre du mich:
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Schaffe zum Adler mich um, laß deinen Donner mich
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tragen,
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Daß sein kriegrischer Schall
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Hart und fühllos mich mache, daß in den hohen
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Gewittern
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Zärtlich mein Herz nicht mehr bebt,
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Daß ich die ehernen donnernden Wagen des Zeus nur
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erblicke,
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Aber kein blühend Gesicht,
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Und kein lächelndes Auge, das seelenvoll redt, und
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die Sprache
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Der Unsterblichen spricht.
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Also sang er und wurde zum Adler, und an dem
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Olympus
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Zog sich ein Wetter herauf.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (31.9 KB)

Details zum Gedicht „Die Verwandlung“

Anzahl Strophen
1
Anzahl Verse
97
Anzahl Wörter
479
Entstehungsjahr
1724 - 1803
Epoche
Empfindsamkeit

Gedicht-Analyse

Das Gedicht „Die Verwandlung“ stammt aus der Feder des Autors bzw. Lyrikers Friedrich Gottlieb Klopstock. Geboren wurde Klopstock im Jahr 1724 in Quedlinburg. Zwischen den Jahren 1740 und 1803 ist das Gedicht entstanden. Eine Zuordnung des Gedichtes zur Epoche Empfindsamkeit kann auf Grund der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. der Lebensdaten des Autors vorgenommen werden. Klopstock ist ein typischer Vertreter der genannten Epoche. Das vorliegende Gedicht umfasst 479 Wörter. Es baut sich aus nur einer Strophe auf und besteht aus 97 Versen. Weitere bekannte Gedichte des Autors Friedrich Gottlieb Klopstock sind „Losreißung“, „Die Wahl“ und „Die Waage“. Zum Autor des Gedichtes „Die Verwandlung“ haben wir auf abi-pur.de weitere 65 Gedichte veröffentlicht.

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