Ich wohnte unter vielen vielen Leuten von Clemens Brentano

Ich wohnte unter vielen vielen Leuten
Und sah sie alle tot und stille stehn,
Sie sprachen viel von hohen Lebensfreuden
Und liebten, sich im kleinsten Kreis zu drehn;
So war mein Kommen schon ein ewig Scheiden
Und jeden hab' ich einmal nur gesehn,
Denn nimmer hielt mich's, flüchtiges Geschicke
Trieb wild mich fort, sehnt' ich mich gleich zurücke.
 
Und manchem habe ich die Hand gedrücket,
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Der freundlich meinem Schritt entgegensah,
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Hab' in mir selbst die Kränze all gepflücket,
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Denn keine Blume war, kein Frühling da,
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Und hab' im Flug die Unschuld mit geschmücket,
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War sie verlassen meinem Wege nah;
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Doch ewig ewig trieb mich's schnell zu eilen,
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Konnt' niemals nicht des Werkes Freude teilen.
 
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Rund um mich war die Landschaft wild und öde,
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Kein Morgenrot, kein goldner Abendschein,
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Kein kühler Wind durch dunkle Wipfel wehte,
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Es grüßte mich kein Sänger in dem Hain;
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Auch aus dem Tal schallt keines Hirten Flöte,
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Die Welt schien mir in sich erstarrt zu sein.
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Ich hörte in des Stromes wildem Brausen
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Des eignen Fluges kühne Flügel sausen.
 
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Nur in mir selbst die Tiefe zu ergründen,
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Senkt' ich ins Herz mit Allgewalt den Blick;
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Doch nimmer konnt' es eigne Ruhe finden,
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Kehrt' trübe in die Außenwelt zurück,
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Es sah wie Traum das Leben unten schwinden,
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Las in den Sternen ewiges Geschick,
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Und rings um mich ganz kalte Stimmen sprachen:
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»Das Herz, es will vor Wonne schier verzagen.«
 
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Ich sah sie nicht die großen Süßigkeiten,
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Vom Überfluß der Welt und ihrer Wahl
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Mußt' ich hinweg mit schnellem Fittich gleiten.
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Hinabgedrückt von unerkannter Qual,
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Konnt' nimmer ich den wahren Punkt erbeuten
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Und zählte stumm der Flügelschläge Zahl,
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Von ewigen unfühlbar mächt'gen Wogen
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In weite weite Ferne hingezogen.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (27.2 KB)

Details zum Gedicht „Ich wohnte unter vielen vielen Leuten“

Anzahl Strophen
5
Anzahl Verse
40
Anzahl Wörter
280
Entstehungsjahr
1778 - 1842
Epoche
Romantik

Gedicht-Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Ich wohnte unter vielen vielen Leuten“ des Autors Clemens Brentano. 1778 wurde Brentano in Ehrenbreitstein (Koblenz) geboren. Das Gedicht ist in der Zeit von 1794 bis 1842 entstanden. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her kann der Text der Epoche Romantik zugeordnet werden. Bei dem Schriftsteller Brentano handelt es sich um einen typischen Vertreter der genannten Epoche.

Als Romantik wird die Epoche der Kunstgeschichte bezeichnet, deren Ausprägungen sich sowohl in der Literatur, Kunst und Musik als auch in der Philosophie niederschlugen. Die Epoche der Romantik lässt sich vom Ende des 18. Jahrhunderts bis ins späte 19. Jahrhundert verorten. Die literarische Romantik kann darauf aufbauend etwa auf die Jahre 1795 bis 1848 zeitlich eingeordnet werden. Bis in das Jahr 1804 hinein spricht man in der Literatur von der Frühromantik, bis 1815 von der Hochromantik und bis 1848 von der Spätromantik. Die Literaturepoche der Romantik entstand in Folge politischer Krisen und gesellschaftlicher Umbrüche. Im gesamten Europa fand ein Übergang von der feudalen zur bürgerlichen Gesellschaft statt. Gleichzeitig bildete sich ein bürgerliches Selbstbewusstsein heraus. Industrialisierung und technologischer Fortschritt sind prägend für diese Zeit. Bedeutende Motive in der Lyrik der Romantik sind die Ferne und Sehnsucht sowie das Gefühl der Heimatlosigkeit. Andere Motive sind das Fernweh, die Todessehnsucht oder das Nachtmotiv. So symbolisierte die Nacht nicht nur die Dunkelheit, sondern auch das Mysteriöse, Geheimnisvolle und galt als Quelle der Liebe. Typische Merkmale der Romantik sind die Hinwendung zur Natur, die Weltflucht oder der Rückzug in Traumwelten. Insbesondere ist aber auch die Idealisierung des Mittelalters aufzuzeigen. Architektur und Kunst des Mittelalters wurden von den Romantikern wieder geschätzt. Die Romantik stellt die Freiheit der Phantasie sowohl über den Inhalt als auch über die Form des Werkes. Eine Konsequenz daraus ist ein Verschwimmen der Grenzen zwischen Lyrik und Epik. Die starren Regeln und Ziele der Klassik werden in der Romantik zurückgelassen. Eine gewisse Maß- und Regellosigkeit in den Werken ist zu beobachten.

Das 280 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 40 Versen mit insgesamt 5 Strophen. Die Gedichte „Brautgesang“, „Abschied vom Rhein“ und „O Traum der Wüste, Liebe, endlos Sehnen“ sind weitere Werke des Autors Clemens Brentano. Zum Autor des Gedichtes „Ich wohnte unter vielen vielen Leuten“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 287 Gedichte vor.

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