Wandersprüche von Joseph von Eichendorff

1
Es geht wohl anders, als du meinst:
Derweil du rot und fröhlich scheinst,
Ist Lenz und Sonnenschein verflogen,
Die liebe Gegend schwarz umzogen;
Und kaum hast du dich ausgeweint,
Lacht alles wieder, die Sonne scheint
Es geht wohl anders, als man meint.
 
2
10 
Herz, in deinen sonnenhellen
11 
Tagen halt nicht karg zurück!
12 
Allwärts fröhliche Gesellen
13 
Trifft der Frohe und sein Glück.
14 
Sinkt der Stern: alleine wandern
15 
Magst du bis ans End der Welt
16 
Bau du nur auf keinen andern
17 
Als auf Gott, der Treue hält.
 
18 
3
19 
Was willst auf dieser Station
20 
So breit dich niederlassen?
21 
Wie bald nicht bläst der Postillion,
22 
Du mußt doch alles lassen.
 
23 
4
24 
Die Lerche grüßt den ersten Strahl,
25 
Daß er die Brust ihr zünde,
26 
Wenn träge Nacht noch überall
27 
Durchschleicht die tiefen Gründe.
 
28 
Und du willst, Menschenkind, der Zeit
29 
Verzagend unterliegen?
30 
Was ist dein kleines Erdenleid?
31 
Du mußt es überfliegen!
 
32 
5
33 
Der Sturm geht lärmend um das Haus,
34 
Ich bin kein Narr und geh hinaus,
35 
Aber bin ich eben draußen,
36 
Will ich mich wacker mit ihm zausen.
37 
6
38 
Ewig muntres Spiel der Wogen!
39 
Viele hast du schon belogen,
40 
Mancher kehrt nicht mehr zurück.
41 
Und doch weckt das Wellenschlagen
42 
Immer wieder frisches Wagen,
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Falsch und lustig wie das Glück.
 
44 
7
45 
Der Wandrer, von der Heimat weit,
46 
Wenn rings die Gründe schweigen,
47 
Der Schiffer in Meereseinsamkeit,
48 
Wenn die Stern aus den Fluten steigen:
 
49 
Die beiden schauern und lesen
50 
In stiller Nacht,
51 
Was sie nicht gedacht,
52 
Da es noch fröhlicher Tag gewesen.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (27.3 KB)

Details zum Gedicht „Wandersprüche“

Anzahl Strophen
8
Anzahl Verse
52
Anzahl Wörter
238
Entstehungsjahr
1788 - 1857
Epoche
Romantik

Gedicht-Analyse

Der Autor des Gedichtes „Wandersprüche“ ist Joseph von Eichendorff. Im Jahr 1788 wurde Eichendorff geboren. Die Entstehungszeit des Gedichtes liegt zwischen den Jahren 1804 und 1857. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her kann der Text der Epoche Romantik zugeordnet werden. Der Schriftsteller Eichendorff ist ein typischer Vertreter der genannten Epoche.

Die Romantik ist eine Epoche der Kulturgeschichte, zeitlich anzusiedeln vom späten 18. Jahrhundert bis tief in das 19. Jahrhundert hinein. Auf die Literatur bezogen: von 1795 bis 1848. Sie hatte umfangreiche Auswirkungen auf Literatur, Kunst, Musik und Philosophie jener Zeit. Die Romantik kann in drei Phasen aufgegliedert werden: Frühromantik (bis 1804), Hochromantik (bis 1815) und Spätromantik (bis 1848). Zu großen gesellschaftlichen Umbrüchen führte die Industrialisierung. Die neue Maschinenwelt förderte Verstädterung und Landflucht. Die zuvor empfundene Geborgenheit war für die Lyriker der Romantik in Auflösung begriffen. In der Literatur der Romantik gilt das Mittelalter als das Ideal und wird verherrlicht. Die Kunst und Architektur der Zeit des Mittelalters werden geschätzt, gepflegt und gesammelt. Übel und Missstände dieser Zeit bleiben unberücksichtigt und scheinen bei den Schriftstellern in Vergessenheit geraten zu sein. So ist gerade die Verklärung des Mittelalters ein zentrales Merkmal der Romantik. Außerdem sind die Weltflucht, die Hinwendung zur Natur und die romantische Ironie weitere zentrale Merkmale dieser Epoche. Die Grundthemen der Epoche waren Seele, Gefühle, Individualität und Leidenschaft. In der Literatur wurden diese Themen unter anderem durch Motive der Sehnsucht, Todessehnsucht, Fernweh oder Einsamkeit in der Fremde ausgedrückt. Die Romantik stellt die Freiheit der Phantasie sowohl über den Inhalt als auch über die Form des Werkes. Eine Konsequenz daraus ist ein Verschwimmen der Grenzen zwischen Lyrik und Epik. Die starren Regeln und Ziele der Klassik werden in der Romantik zurückgelassen. Eine gewisse Maß- und Regellosigkeit in den Werken ist zu beobachten.

Das Gedicht besteht aus 52 Versen mit insgesamt 8 Strophen und umfasst dabei 238 Worte. Die Gedichte „Abschied“, „Antwort“ und „Auch ein Gedicht?“ sind weitere Werke des Autors Joseph von Eichendorff. Zum Autor des Gedichtes „Wandersprüche“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 391 Gedichte vor.

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