Rettung von Joseph von Eichendorff

Ich spielt, ein frohes Kind, im Morgenscheine,
Der Frühling schlug die Augen auf so helle,
Hinunter reisten Ström und Wolken schnelle,
Ich streckt die Arme nach ins Blaue, Reine.
 
Noch wußt ich's selbst nicht, was das alles meine:
Die Lerch, der Wald, der Lüfte blaue Welle,
Und träumend stand ich an des Frühlings Schwelle,
Von fern rief's immerfort: Ich bin die Deine!
 
Da kam ein alter Mann gegangen,
10 
Mit hohlen Augen und bleichen Wangen,
11 
Er schlich gebogen und schien so krank;
12 
Ich grüßt ihn schön, doch für den Dank
13 
Faßt' er mich tückisch schnell von hinten,
14 
Schlang um die Arme mir dreifache Binden,
15 
Und wie ich rang und um Hülfe rief,
16 
Geschwind noch ein andrer zum Alten lief,
17 
Und von allen Seiten kamen Menschen gelaufen,
18 
Ein dunkelverworrner, trübseliger Haufen.
19 
Die drängten mich gar tückisch in ihre Mitte,
20 
Führten durchs Land mich mit eiligem Schritte.
21 
Wie wandt ich sehnend mich oft zurücke!
22 
Die Heimat schickte mir Abschiedsblicke;
23 
Die Büsche langten nach mir mit grünen Armen,
24 
Es schrien alle Vöglein recht zum Erbarmen.
25 
Doch die Alten hörten nicht die fernen Lieder,
26 
Sumsten düstere Worte nur hin und wieder,
27 
Führten mich endlich in ein altes Haus,
28 
Da wogt' es unten in Nacht und Graus,
29 
Da war ein Hämmern, ein Schachern und Rumoren,
30 
Als hätte das Chaos noch nicht ausgegoren.
31 
Hier hielt der Alte würdig und breit:
32 
»Mein Sohn«, sprach er zu mir, »das ist die
33 
Nützlichkeit!
34 
Die haben wir so zum gemeinen Besten erfunden.
35 
Das betrachte hübsch fleißig und sei gescheit.«
36 
So ließen sie mich Armen allein und gebunden.
 
37 
Da schaut ich weinend aus meinem Kerker
38 
Hinaus in das Leben durch düstern Erker,
39 
Und unten sah ich den Lenz sich breiten,
40 
Blühende Träume über die Berge schreiten,
41 
Drüber die blauen, unendlichen Weiten.
42 
Durchs farbige Land auf blauen Flüssen
43 
Zogen bunte Schifflein, die wollten mich grüßen.
44 
Vorüber kamen die Wolken gezogen,
45 
Vorüber singende Vöglein geflogen;
46 
Es wollt der große Zug mich mit fassen,
47 
Ach, Menschen, wann werd't ihr mich wieder
48 
hinunterlassen!
49 
Und im dunkelgrünen Walde munter
50 
Schallte die Jagd hinauf und hinunter,
51 
Eine Jungfrau zu Roß und blitzende Reiter
52 
Über die Berge immer weiter und weiter
53 
Rief Waldhorn immerfort dazwischen:
54 
Mir nach in den Wald, den frischen!
 
55 
Ach! weiß denn niemand, niemand um mein Trauern?
56 
Wie alle Fernen mir prophetisch singen
57 
Von meinem künft'gen wundervollen Leben!
 
58 
Von innen fühlt ich blaue Schwingen ringen,
59 
Die Hände konnt ich innigst betend heben
60 
Da sprengt' ein großer Klang so Band wie Mauern.
 
61 
Da ward ich im innersten Herzen so munter,
62 
Schwindelten alle Sinne in den Lenz hinunter,
63 
Weit waren kleinliche Mühen und Sorgen,
64 
Ich sprang hinaus in den farbigen Morgen.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (29.5 KB)

Details zum Gedicht „Rettung“

Anzahl Strophen
7
Anzahl Verse
64
Anzahl Wörter
433
Entstehungsjahr
1788 - 1857
Epoche
Romantik

Gedicht-Analyse

Das Gedicht „Rettung“ stammt aus der Feder des Autors bzw. Lyrikers Joseph von Eichendorff. Im Jahr 1788 wurde Eichendorff geboren. Das Gedicht ist in der Zeit von 1804 bis 1857 entstanden. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her kann der Text der Epoche Romantik zugeordnet werden. Bei dem Schriftsteller Eichendorff handelt es sich um einen typischen Vertreter der genannten Epoche.

Als Romantik wird die Epoche der Kunstgeschichte bezeichnet, deren Ausprägungen sich sowohl in der Literatur, Kunst und Musik als auch in der Philosophie niederschlugen. Die Epoche der Romantik lässt sich vom Ende des 18. Jahrhunderts bis ins späte 19. Jahrhundert verorten. Die literarische Romantik kann darauf aufbauend etwa auf die Jahre 1795 bis 1848 zeitlich eingeordnet werden. Bis in das Jahr 1804 hinein spricht man in der Literatur von der Frühromantik, bis 1815 von der Hochromantik und bis 1848 von der Spätromantik. Die Gesellschaft des 18. Jahrhunderts galt im Allgemeinen als wissenschaftlich und aufstrebend, was hier vor allem durch die einsetzende Industrialisierung deutlich wird. Die Gesellschaft wurde zunehmend technischer, fortschrittlicher und wissenschaftlicher. Diese Entwicklung war den Schriftstellern der Romantik zuwider. Sie stellten sich in ihren Werken gegen das Streben nach immer mehr Gewinn, Fortschritt und das Nützlichkeitsdenken, das versuchte, alles zu verwerten. In der Literatur der Romantik gilt das Mittelalter als das Ideal und wird verherrlicht. Die Kunst und Architektur der Zeit des Mittelalters werden geschätzt, gepflegt und gesammelt. Übel und Missstände dieser Zeit bleiben unberücksichtigt und scheinen bei den Schriftstellern in Vergessenheit geraten zu sein. So ist die Verklärung des Mittelalters ein zentrales Merkmal der Romantik. Außerdem sind die Weltflucht, die Hinwendung zur Natur und die romantische Ironie weitere zentrale Merkmale dieser Epoche. Die grundsätzlichen Themen waren Seele, Gefühle, Individualität und Leidenschaft. In der Literatur wurden diese Themen unter anderem durch Motive der Sehnsucht, Todessehnsucht, Fernweh oder Einsamkeit in der Fremde ausgedrückt. Die Romantik stellt die Freiheit der Phantasie sowohl über den Inhalt als auch über die Form des Werkes. Eine Konsequenz daraus ist ein Verschwimmen der Grenzen zwischen Lyrik und Epik. Die starren Regeln und Ziele der Klassik werden in der Romantik zurückgelassen. Eine gewisse Maß- und Regellosigkeit in den Werken fällt auf.

Das vorliegende Gedicht umfasst 433 Wörter. Es baut sich aus 7 Strophen auf und besteht aus 64 Versen. Die Gedichte „Der verliebte Reisende“, „Die Heimat“ und „In Danzig“ sind weitere Werke des Autors Joseph von Eichendorff. Zum Autor des Gedichtes „Rettung“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 391 Gedichte vor.

+ Wie analysiere ich ein Gedicht?

Daten werden aufbereitet

Fertige Biographien und Interpretationen, Analysen oder Zusammenfassungen zu Werken des Autors Joseph von Eichendorff

Wir haben in unserem Hausaufgaben- und Referate-Archiv weitere Informationen zu Joseph von Eichendorff und seinem Gedicht „Rettung“ zusammengestellt. Diese Dokumente könnten Dich interessieren.

Weitere Gedichte des Autors Joseph von Eichendorff (Infos zum Autor)

Zum Autor Joseph von Eichendorff sind auf abi-pur.de 391 Dokumente veröffentlicht. Alle Gedichte finden sich auf der Übersichtsseite des Autors.