Wehmut von Joseph von Eichendorff

1
Ich kann wohl manchmal singen,
Als ob ich fröhlich sei,
Doch heimlich Tränen dringen,
Da wird das Herz mir frei.
 
So lassen Nachtigallen,
Spielt draußen Frühlingsluft,
Der Sehnsucht Lied erschallen
Aus ihres Käfigs Gruft.
 
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Da lauschen alle Herzen,
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Und alles ist erfreut,
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Doch keiner fühlt die Schmerzen,
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Im Lied das tiefe Leid.
 
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2
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Sage mir mein Herz, was willst du?
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Unstet schweift dein bunter Will;
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Manches andre Herz wohl stillst du,
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Nur du selbst wirst niemals still.
 
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»Eben, wenn ich munter singe,
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Um die Angst mir zu zerstreun,
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Ruh und Frieden manchen bringe,
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Daß sich viele still erfreun:
 
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Faßt mich erst recht tief Verlangen
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Nach viel andrer, beßrer Lust,
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Die die Töne nicht erlangen
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Ach, wer sprengt die müde Brust?«
 
27 
3
28 
Es waren zwei junge Grafen
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Verliebt bis in den Tod,
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Die konnten nicht ruhn, noch schlafen
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Bis an den Morgen rot.
 
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O trau den zwei Gesellen,
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Mein Liebchen, nimmermehr,
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Die gehn wie Wind und Wellen,
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Gott weiß: wohin, woher.
 
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Wir grüßen Land und Sterne
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Mit wunderbarem Klang
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Und wer uns spürt von ferne,
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Dem wird so wohl und bang.
 
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Wir haben wohl hienieden
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Kein Haus an keinem Ort,
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Es reisen die Gedanken
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Zur Heimat ewig fort.
 
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Wie eines Stromes Dringen
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Geht unser Lebenslauf,
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Gesanges Macht und Ringen
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Tut helle Augen auf.
 
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Und Ufer, Wolkenflügel,
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Die Liebe hoch und mild
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Es wird in diesem Spiegel
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Die ganze Welt zum Bild.
 
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Dich rührt die frische Helle,
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Das Rauschen heimlich kühl,
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Das lockt dich zu der Welle,
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Weil's draußen leer und schwül.
 
56 
Doch wolle nie dir halten
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Der Bilder Wunderfest,
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Tot wird ihr freies Walten,
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Hältst du es weltlich fest.
 
60 
Kein Bett darf er hier finden.
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Wohl in den Tälern schön
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Siehst du sein Gold sich winden,
63 
Dann plötzlich meerwärts drehn.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (28.7 KB)

Details zum Gedicht „Wehmut“

Anzahl Strophen
15
Anzahl Verse
63
Anzahl Wörter
287
Entstehungsjahr
1788 - 1857
Epoche
Romantik

Gedicht-Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Wehmut“ des Autors Joseph von Eichendorff. Eichendorff wurde im Jahr 1788 geboren. In der Zeit von 1804 bis 1857 ist das Gedicht entstanden. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her kann der Text der Epoche Romantik zugeordnet werden. Bei Eichendorff handelt es sich um einen typischen Vertreter der genannten Epoche.

Die Romantik ist eine Epoche der Kunstgeschichte, die vom Ende des 18. Jahrhunderts bis ins späte 19. Jahrhundert hinein die Literatur, Musik, Kunst und Philosophie prägte. Auf die Literatur beschränkt betrachtet reichen die Auswirkungen der Romantik lediglich bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hinein. Die Romantik wird in Frühromantik (bis 1804), Hochromantik (bis 1815) und Spätromantik (bis 1848) unterschieden. Die Welt, die sich durch die beginnende Industrialisierung und Verstädterung mehr und mehr veränderte, verunsicherte die Menschen. Die Französische Revolution in den Jahren 1789 bis 1799 hatte ebenfalls Auswirkungen auf die Romantik. Als Merkmale der Literatur der Romantik sind die Weltflucht, die Verklärung des Mittelalters, die Hinwendung zur Natur, die Betonung subjektiver Gefühle und des Individuums, der Rückzug in Fantasie- und Traumwelten oder die Faszination des Unheimlichen zu benennen. Bedeutende Symbole der Romantik sind die Blaue Blume oder das Spiegel- und Nachtmotiv. Die äußere Form von romantischer Dichtung ist dabei völlig offen. Kein starres Schema grenzt die Literatur ein. Dies steht ganz im Gegensatz zu den strengen Normen der Klassik. In der Romantik entstehen erstmals Sammlungen so genannter Volkspoesie. Bekannte Beispiele dafür sind Grimms Märchen und die Liedersammlung Des Knaben Wunderhorn. Doch bereits unmittelbar nach Erscheinen wurde die literarische Bearbeitung (Schönung) durch die Autoren kritisiert, die damit ihre Rolle als Chronisten weit hinter sich ließen.

Das Gedicht besteht aus 63 Versen mit insgesamt 15 Strophen und umfasst dabei 287 Worte. Weitere bekannte Gedichte des Autors Joseph von Eichendorff sind „In Danzig“, „Kurze Fahrt“ und „Lied“. Zum Autor des Gedichtes „Wehmut“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 391 Gedichte vor.

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