Die Freunde von Joseph von Eichendorff

1
Wer auf den Wogen schliefe,
Ein sanft gewiegtes Kind,
Kennt nicht des Lebens Tiefe,
Vor süßem Träumen blind.
 
Doch wen die Stürme fassen
Zu wildem Tanz und Fest,
Wen hoch auf dunklen Straßen
Die falsche Welt verläßt:
 
10 
Der lernt sich wacker rühren,
11 
Durch Nacht und Klippen hin
12 
Lernt der das Steuer führen
13 
Mit sichrem, ernstem Sinn.
 
14 
Der ist vom echten Kerne,
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Erprobt zu Lust und Pein,
16 
Der glaubt an Gott und Sterne,
17 
Der soll mein Schiffmann sein!
 
18 
II
 
19 
An L...
 
20 
Vor mir liegen deine Zeilen,
21 
Sind nicht Worte, Schriften nicht,
22 
Pfeile, die verwundend heilen,
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Freundesaugen, treu und schlicht.
 
24 
Niemals konnte so mich rühren
25 
Noch der Liebsten Angesicht,
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Wenn uns Augen süß verführen,
27 
Und die Welt voll Glanz und Licht:
 
28 
Als in Freundesaugen lesen
29 
Meiner eignen Seele Wort,
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Fester Treue männlich Wesen,
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In Betrübnis Trost und Hort.
 
32 
So verschlingen in Gedanken
33 
Sich zwei Stämme wundertreu,
34 
Andre dran sich mutig ranken
35 
Kron an Krone immer neu.
 
36 
Prächt'ger Wald, wo's kühl zu wohnen,
37 
Stille wachsend Baum an Baum,
38 
Mit den brüderlichen Kronen
39 
Rauschend in dem Himmelsraum!
 
40 
III
 
41 
An L...
 
42 
Mit vielem will die Heimat mich erfreuen
43 
Ein heitres Schloß an blaugewundnem Flusse,
44 
Gesell'ge Lust, Mutwill und frohe Muße,
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Der Liebe heitres Spiel, süß zu zerstreuen.
 
46 
Doch wie die Tage freundlich sich erneuen,
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Fehlt doch des Freundes Brust in Tat und Muße,
48 
Der Ernst, der herrlich schwelget im Genusse,
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Des reichen Blicks sich wahr und recht zu freuen.
 
50 
Wo zwei sich treulich nehmen und ergänzen,
51 
Wächst unvermerkt das freud'ge Werk der Musen.
52 
Drum laß mich wieder, Freund, ans Herz dich
53 
drücken!
 
54 
Uns beide will noch schön das Leben schmücken
55 
Mit seinen reichen, heitern, vollen Kränzen,
56 
Der Morgenwind wühlt um den offnen Busen!
 
57 
IV
 
58 
An Fräulein...
 
59 
Schalkhafte Augen reizend aufgeschlagen,
60 
Die Brust empört, die Wünsche zu verschweigen,
61 
Sieht man den leichten Zelter dich besteigen,
62 
Nach Lust und Scherzen durch den Lenz zu jagen.
 
63 
Zu jung, des Lebens Ernste zu entsagen
64 
Kann ich nicht länger spielen nun und schweigen,
65 
Wer Herrlichs fühlt, der muß sich herrlich zeigen,
66 
Mein Ruhen ist ein ewig frisches Wagen.
 
67 
Laß mich, solang noch trunken unsre Augen,
68 
Ein'n blühnden Kranz aus den vergangnen Stunden
69 
Dir heiter um die weiße Stirne winden;
 
70 
Frag nicht dann, was mich deinem Arm entwunden,
71 
Drück fest den Kranz nur in die muntern Augen,
72 
Mein Haupt will auch und soll den seinen finden!
 
73 
V
 
74 
An Fouqué
 
75 
1
76 
Seh ich des Tages wirrendes Beginnen,
77 
Die bunten Bilder fliehn und sich vereinen
78 
Möcht ich das schöne Schattenspiel beweinen,
79 
Denn eitel ist, was jeder will gewinnen.
 
80 
Doch wenn die Straßen leer, einsam die Zinnen
81 
Im Morgenglanze wie Kometen scheinen,
82 
Ein stiller Geist steht auf den dunklen Steinen,
83 
Als wollt er sich auf alte Zeit besinnen:
 
84 
Da nimmt die Seele rüstig sich zusammen,
85 
An Gott gedenkend und an alles Hohe,
86 
Was rings gedeihet auf der Erden Runde.
 
87 
Und aus dem Herzen lang verhaltne Flammen,
88 
Sie brechen fröhlich in des Morgens Lohe,
89 
Da grüß ich, Sänger, dich aus Herzensgrunde!
 
90 
2
91 
Von Seen und Wäldern eine nächt'ge Runde
92 
Sah ich, und Drachen ziehn mit glühnden
93 
Schweifen,
94 
In Eicheswipfeln einen Horst von Greifen,
95 
Das Nordlicht schräge leuchtend überm Grunde.
 
96 
Durch Qualm dann klingend brach die
97 
Morgenstunde,
98 
Da schweiften Ritter blank durch Nebelstreifen,
99 
Durch Winde scharf, die auf der Heide pfeifen,
100 
Ein Harfner sang, lobt' Gott aus Herzensgrunde.
 
101 
Tiefatmend stand ich über diesen Klüften,
102 
Des Lebens Mark rührt' schauernd an das meine,
103 
Wie ein geharn'schter Riese da erhoben.
 
104 
Kein ird'scher Laut mehr reichte durch die Lüfte,
105 
Mir war's, als stände ich mit Gott alleine,
106 
So einsam, weit und sternhell war's da oben.
 
107 
3
108 
In Stein gehaun, zwei Löwen stehen draußen,
109 
Bewachen ewig stumm die heil'ge Pforte.
110 
Wer sich, die Brust voll Weltlust, naht dem Orte,
111 
Den füllt ihr steinern Blicken bald mit Grausen.
 
112 
Dir wächst dein Herz noch bei der Wälder Sausen,
113 
Dich rühren noch die wilden Riesenworte,
114 
Nur Gott vertraund, dem höchsten Schirm und
115 
Horte
116 
So magst du bei den alten Wundern hausen.
 
117 
Ob auch die andern deines Lieds nicht achten,
118 
Der Heldenlust und zarten Liebesblüte,
119 
Gedanken treulos wechselnd mit der Mode:
 
120 
So felsenfester sei dein großes Trachten,
121 
Hau klingend Luft dir, ritterlich Gemüte!
122 
Wir wollen bei dir bleiben bis zum Tode.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (35.6 KB)

Details zum Gedicht „Die Freunde“

Anzahl Strophen
37
Anzahl Verse
122
Anzahl Wörter
684
Entstehungsjahr
1788 - 1857
Epoche
Romantik

Gedicht-Analyse

Der Autor des Gedichtes „Die Freunde“ ist Joseph von Eichendorff. 1788 wurde Eichendorff geboren. In der Zeit von 1804 bis 1857 ist das Gedicht entstanden. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her kann der Text der Epoche Romantik zugeordnet werden. Bei dem Schriftsteller Eichendorff handelt es sich um einen typischen Vertreter der genannten Epoche.

Die Romantik ist eine Epoche der Kunstgeschichte, die vom Ende des 18. Jahrhunderts bis ins späte 19. Jahrhundert hinein die Literatur, Musik, Kunst und Philosophie prägte. Auf die Literatur beschränkt betrachtet reichen die Auswirkungen der Romantik lediglich bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hinein. Die Epoche wird in Frühromantik (bis 1804), Hochromantik (bis 1815) und Spätromantik (bis 1848) unterschieden. Die Zeit der Romantik war für die Menschen in Europa von bedeutenden Umbrüchen geprägt. Die Französische Revolution (beginnend im Jahr 1789) zog weitreichende Folgen für ganz Europa nach sich. Auch der Fortschritt in Technik und Wissenschaft, der den Beginn des industriellen Zeitalters einläutete, verunsicherte die Menschen und prägte die Gesellschaft. Als Merkmale der Romantik sind die Weltflucht, die Verklärung des Mittelalters, die Hinwendung zur Natur, die Betonung subjektiver Gefühle und des Individuums, der Rückzug in Fantasie- und Traumwelten oder die Faszination des Unheimlichen zu benennen. Bedeutende Symbole sind die Blaue Blume oder das Spiegel- und Nachtmotiv. Die Romantik stellt die Freiheit der Phantasie sowohl über die Form als auch über den Inhalt des Werkes. Eine Konsequenz daraus ist ein Verschwimmen der Grenzen zwischen Lyrik und Epik. Die starren Regeln und Ziele der Klassik werden in der Romantik zurückgelassen. Eine gewisse Maß- und Regellosigkeit in den Werken fällt auf.

Das Gedicht besteht aus 122 Versen mit insgesamt 37 Strophen und umfasst dabei 684 Worte. Weitere Werke des Dichters Joseph von Eichendorff sind „Lied“, „Mondnacht“ und „Morgengebet“. Zum Autor des Gedichtes „Die Freunde“ haben wir auf abi-pur.de weitere 391 Gedichte veröffentlicht.

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