Heimkehr von Joseph von Eichendorff

Heimwärts kam ich spät gezogen
Nach dem väterlichen Haus,
Die Gedanken weit geflogen
Über Berg und Tal voraus.
»Nur noch hier aus diesem Walde!«
Sprach ich, streichelt sanft mein Roß,
»Goldnen Haber kriegst du balde,
Ruhn wir aus auf lichtem Schloß.«
 
»Doch warum auf diesen Wegen
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Sieht's so still und einsam aus?
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Kommt denn keiner mir entgegen,
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Bin ich nicht mehr Sohn vom Haus?
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Kein' Hoboe hör ich schallen,
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Keine bunte Truppe mehr
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Seh ich froh den Burgpfad wallen
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Damals ging es lust'ger her.«
 
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Über die vergoldten Zinnen
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Trat der Monden eben vor,
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»Holla ho! ist niemand drinnen?
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Fest verriegelt ist das Tor.
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Wer will in der Nacht mich weisen,
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Von des Vaters Hof und Haus!«
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Mit dem Schwert hau ich die Eisen,
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Und das Tor springt rasselnd auf.
 
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Doch was seh ich! wüst, verfallen
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Zimmer, Hof und Bogen sind,
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Einsam meine Tritte hallen,
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Durch die Fenster pfeift der Wind.
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Alle Ahnenbilder lagen
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Glanzlos in den Schutt verwühlt,
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Und die Zither drauf, zerschlagen,
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Auf der ich als Kind gespielt.
 
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Und ich nahm die alte Zither,
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Trat ans Fenster voller Gras,
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Wo so ofte hinterm Gitter
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Sonst die Mutter bei mir saß:
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Gern mit Märlein mich erbaute,
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Daß ich still saß, Abendrot,
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Strom und Wälder fromm beschaute
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»Mutter, bist du auch schon tot?«
 
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So war ich in' Hof gekommen
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Was ich da auf einmal sah,
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Hat den Atem mir benommen,
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Bleibt mir bis zum Tode nah
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Aufrecht saßen meine Ahnen,
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Und kein Laut im Hofe ging,
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Eingehüllt in ihre Fahnen,
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Da im ewig stillen Ring.
 
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Und den Vater unter ihnen
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Sah ich sitzen an der Wand,
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Streng und steinern seine Mienen,
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Doch in tiefster Brust bekannt;
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Und in den gefaltnen Händen
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Hielt er ernst ein blankes Schwert,
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Tät die Blicke niemals wenden,
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Ewig auf den Stahl gekehrt.
 
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Da rief ich aus tiefsten Schmerzen:
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»Vater, sprich ein einzig Wort,
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Wälz den Fels von deinem Herzen,
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Starre nicht so ewig fort!
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Was das Schwert mit seinem Scheinen
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Rede, was dein Schauen will;
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Denn mir graust durch Mark und Beine,
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Wie du so entsetzlich still.«
 
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Morgenleuchten kam geflogen,
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Und der Vater ward so bleich,
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Adler hoch darüber zogen
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Durch das klare Himmelreich,
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Und der Väter stiller Orden
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Sank zur Ruh in Ewigkeit,
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Steine, wie es lichte worden,
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Standen da im Hof zerstreut.
 
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Nur der Degen blieb da droben
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Einsam liegen überm Grab;
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»Sei denn Hab und Gut zerstoben,
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Wenn ich dich, du Schwert, nur hab!«
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Und ich faßt es. - Leute wühlten
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Übern Berg, hinab, hinauf,
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Ob sie für verrückt mich hielten
80 
Mir ging hell die Sonne auf.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (30 KB)

Details zum Gedicht „Heimkehr“

Anzahl Strophen
10
Anzahl Verse
80
Anzahl Wörter
424
Entstehungsjahr
1810
Epoche
Romantik

Gedicht-Analyse

Joseph von Eichendorff ist der Autor des Gedichtes „Heimkehr“. Im Jahr 1788 wurde Eichendorff geboren. 1810 ist das Gedicht entstanden. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her kann der Text der Epoche Romantik zugeordnet werden. Eichendorff ist ein typischer Vertreter der genannten Epoche.

Die Romantik ist eine Epoche der Kunstgeschichte, die vom Ende des 18. Jahrhunderts bis ins späte 19. Jahrhundert hinein die Literatur, Musik, Kunst und Philosophie prägte. Auf die Literatur beschränkt betrachtet reichen die Auswirkungen der Romantik lediglich bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hinein. Die Romantik wird in Frühromantik (bis 1804), Hochromantik (bis 1815) und Spätromantik (bis 1848) unterschieden. Die Welt, die sich durch die beginnende Industrialisierung und Verstädterung mehr und mehr veränderte, verunsicherte die Menschen. Die Französische Revolution in den Jahren 1789 bis 1799 hatte ebenfalls bedeutende Auswirkungen auf die Romantik. Weltflucht, Hinwendung zur Natur, Verklärung des Mittelalters (damalige Kunst und Architektur wurde nun wieder geschätzt), Rückzug in Fantasie- und Traumwelten, Betonung des Individuums und romantische Ironie sind typische Merkmale der Romantik. Die Themen der Romantik zeigen sich in verschiedenen Motiven und Symbolen. So gilt beispielsweise die Blaue Blume als das zentrale Motiv der Romantik. Sie symbolisiert Sehnsucht und Liebe und verbindet Natur, Mensch und Geist. Die Nacht hat ebenfalls eine besondere Bedeutung in der Romantik. Sie ist der Schauplatz für zahlreiche weitere Motive dieser Epoche: Tod, Vergänglichkeit und nicht alltägliche, obskure Phänomene. Im ebenfalls in dieser Epoche zu findenden Spiegelmotiv zeigt sich die Hinwendung der Romantik zum Unheimlichen. Die äußere Form von romantischer Literatur ist dabei völlig offen. Kein festgesetztes Schema grenzt die Literatur ein. Dies steht ganz im Gegensatz zu den strengen Normen der Klassik. In der Romantik entstehen erstmals Sammlungen so genannter Volkspoesie. Bekannte Beispiele dafür sind Grimms Märchen und die Liedersammlung Des Knaben Wunderhorn. Doch bereits unmittelbar nach Erscheinen der Werke wurde die literarische Bearbeitung (Schönung) durch die Autoren kritisiert, die damit ihre Rolle als Chronisten weit hinter sich ließen.

Das Gedicht besteht aus 80 Versen mit insgesamt 10 Strophen und umfasst dabei 424 Worte. Weitere Werke des Dichters Joseph von Eichendorff sind „Antwort“, „Auch ein Gedicht?“ und „Der Isegrimm“. Zum Autor des Gedichtes „Heimkehr“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 391 Gedichte vor.

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