Die Einsame von Joseph von Eichendorff

1
Wenn morgens das fröhliche Licht bricht ein,
Tret ich zum offenen Fensterlein,
Draußen gehn lau die Lüft auf den Auen,
Singen die Lerchen schon hoch im Blauen,
Rauschen am Fenster die Bäume gar munter,
Ziehn die Brüder in den Wald hinunter;
Und bei dem Sange und Hörnerklange
Wird mir immer so bange, bange.
 
10 
Wüßt ich nur immer, wo du jetzo bist,
11 
Würd mir schon wohler auf kurze Frist.
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Könntest du mich nur über die Berge sehen
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Dein gedenkend im Garten gehen:
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Dort rauschen die Brunnen jetzt alle so eigen,
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Die Blumen vor Trauern im Wind sich neigen.
16 
Ach! von den Vöglein über die Tale
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Sei mir gegrüßt vieltausend Male!
 
18 
Du sagtest gar oft: »Wie süß und rein
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Sind deine blauen Äugelein!«
20 
Jetzo müssen sie immerfort weinen,
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Da sie nicht finden mehr, was sie meinen;
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Wird auch der rote Mund erblassen,
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Seit du mich, süßer Buhle, verlassen.
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Eh du wohl denkst, kann das Blatt sich wenden,
25 
Geht alles gar bald zu seinem Ende.
 
26 
2
27 
Die Welt ruht still im Hafen,
28 
Mein Liebchen, gute Nacht!
29 
Wann Wald und Berge schlafen,
30 
Treu' Liebe einsam wacht.
 
31 
Ich bin so wach und lustig,
32 
Die Seele ist so licht,
33 
Und eh ich liebt, da wußt ich
34 
Von solcher Freude nicht.
 
35 
Ich fühl mich so befreiet
36 
Von eitlem Trieb und Streit,
37 
Nichts mehr das Herz zerstreuet
38 
In seiner Fröhlichkeit.
 
39 
Mir ist, als müßt ich singen
40 
So recht aus tiefster Lust
41 
Von wunderbaren Dingen,
42 
Was niemand sonst bewußt.
 
43 
O könnt ich alles sagen!
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O wär ich recht geschickt!
45 
So muß ich still ertragen,
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Was mich so hoch beglückt.
 
47 
3
48 
Wär's dunkel, ich läg im Walde,
49 
Im Walde rauscht's so sacht,
50 
Mit ihrem Sternenmantel
51 
Bedecket mich da die Nacht,
52 
Da kommen die Bächlein gegangen:
53 
Ob ich schon schlafen tu?
54 
Ich schlaf nicht, ich hör noch lange
55 
Den Nachtigallen zu,
56 
Wenn die Wipfel über mir schwanken,
57 
Es klinget die ganze Nacht,
58 
Das sind im Herzen die Gedanken,
59 
Die singen, wenn niemand wacht.
 
60 
4
61 
Im beschränkten Kreis der Hügel,
62 
Auf des stillen Weihers Spiegel
63 
Scheue, fromme Silberschwäne
64 
Fassend in des Rosses Mähne
65 
Mit dem Liebsten kühn im Bügel
66 
Blöde Bande - mut'ge Flügel
67 
Sind getrennter Lieb Gedanken!
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (29.2 KB)

Details zum Gedicht „Die Einsame“

Anzahl Strophen
10
Anzahl Verse
67
Anzahl Wörter
353
Entstehungsjahr
1788 - 1857
Epoche
Romantik

Gedicht-Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Die Einsame“ des Autors Joseph von Eichendorff. Geboren wurde Eichendorff im Jahr 1788 . Im Zeitraum zwischen 1804 und 1857 ist das Gedicht entstanden. Von der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her lässt sich das Gedicht der Epoche Romantik zuordnen. Bei Eichendorff handelt es sich um einen typischen Vertreter der genannten Epoche.

Die Romantik ist eine kulturgeschichtliche Epoche, die vom Ende des 18. Jahrhunderts bis spät in das 19. Jahrhundert hineinreichte. Insbesondere auf den Gebieten der Literatur, Musik oder der bildenden Kunst hatte diese Epoche umfangreiche Auswirkungen. Die Romantik kann in drei Phasen aufgegliedert werden: Frühromantik (bis 1804), Hochromantik (bis 1815) und Spätromantik (bis 1848). Die Welt, die sich durch die einsetzende Industrialisierung und Verstädterung mehr und mehr veränderte, verunsicherte die Menschen. Die Französische Revolution in den Jahren 1789 bis 1799 hatte ebenfalls bedeutende Auswirkungen auf die Romantik. Als Merkmale der Literatur der Romantik sind die Verklärung des Mittelalters, die Weltflucht, die Hinwendung zur Natur, die Betonung subjektiver Gefühle und des Individuums, der Rückzug in Fantasie- und Traumwelten oder die Faszination des Unheimlichen zu benennen. Wichtige Symbole der Romantik sind die Blaue Blume oder das Spiegel- und Nachtmotiv. Die äußere Form von romantischer Literatur ist dabei völlig offen. Kein festgesetztes Schema grenzt die Literatur ein. Dies steht ganz im Gegensatz zu den strengen Normen der Klassik. In der Romantik entstehen erstmals Sammlungen so genannter Volkspoesie. Bekannte Beispiele dafür sind Grimms Märchen und die Liedersammlung Des Knaben Wunderhorn. Doch bereits unmittelbar nach Erscheinen wurde die literarische Bearbeitung (Schönung) durch die Autoren kritisiert, die damit ihre Rolle als Chronisten weit hinter sich ließen.

Das Gedicht besteht aus 67 Versen mit insgesamt 10 Strophen und umfasst dabei 353 Worte. Weitere bekannte Gedichte des Autors Joseph von Eichendorff sind „Der Isegrimm“, „Der verliebte Reisende“ und „Die Heimat“. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „Die Einsame“ weitere 391 Gedichte vor.

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