Nachruf an meinen Bruder von Joseph von Eichendorff

Ach, daß auch wir schliefen!
Die blühenden Tiefen,
Die Ströme, die Auen
So heimlich aufschauen,
Als ob sie all riefen:
»Dein Bruder ist tot!
Unter Rosen rot
Ach, daß wir auch schliefen!«
 
»Hast doch keine Schwingen,
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Durch Wolken zu dringen!
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Mußt immerfort schauen
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Die Ströme, die Auen
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Die werden dir singen
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Von ihm Tag und Nacht,
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Mit Wahnsinnesmacht
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Die Seele umschlingen.«
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So singt, wie Sirenen,
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Von hellblauen, schönen
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Vergangenen Zeiten,
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Der Abend vom weiten
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Versinkt dann im Tönen,
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Erst Busen, dann Mund,
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Im blühenden Grund.
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O schweiget Sirenen!
 
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O wecket nicht wieder!
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Denn zaubrische Lieder
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Gebunden hier träumen
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Auf Feldern und Bäumen,
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Und ziehen mich nieder
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So müde vor Weh
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Zu tiefstillem See
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O weckt nicht die Lieder!
 
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Du kanntest die Wellen
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Des Sees, sie schwellen
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In magischen Ringen.
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Ein wehmütig Singen
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Tief unter den Quellen
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Im Schlummer dort hält
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Verzaubert die Welt.
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Wohl kennst du die Wellen.
 
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Kühl wird's auf den Gängen,
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Vor alten Gesängen
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Möcht's Herz mir zerspringen.
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So will ich denn singen!
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Schmerz fliegt ja auf Klängen
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Zu himmlischer Lust,
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Und still wird die Brust
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Auf kühl grünen Gängen.
 
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Laß fahren die Träume!
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Der Mond scheint durch Bäume,
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Die Wälder nur rauschen,
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Die Täler still lauschen,
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Wie einsam die Räume!
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Ach, niemand ist mein!
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Herz, wie so allein!
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Laß fahren die Träume!
 
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Der Herr wird dich führen.
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Tief kann ich ja spüren
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Der Sterne still Walten.
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Der Erde Gestalten
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Kaum hörbar sich rühren.
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Durch Nacht und durch Graus
63 
Gen Morgen, nach Haus
64 
Ja, Gott wird mich führen.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (27.8 KB)

Details zum Gedicht „Nachruf an meinen Bruder“

Anzahl Strophen
7
Anzahl Verse
64
Anzahl Wörter
250
Entstehungsjahr
1788 - 1857
Epoche
Romantik

Gedicht-Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Nachruf an meinen Bruder“ des Autors Joseph von Eichendorff. Eichendorff wurde im Jahr 1788 geboren. Im Zeitraum zwischen 1804 und 1857 ist das Gedicht entstanden. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her kann der Text der Epoche Romantik zugeordnet werden. Eichendorff ist ein typischer Vertreter der genannten Epoche.

Die Romantik war eine Epoche der europäischen Literatur, Kunst und Kultur. Sie begann gegen Ende des 18. Jahrhunderts und dauerte in der Literatur bis etwa zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Literatur der Romantik (ca. 1795–1848) lässt sich in Frühromantik (bis 1804), Hochromantik (bis 1815) und Spätromantik (bis 1848) aufgliedern. Zu großen gesellschaftlichen Umbrüchen führte die Industrialisierung. Die neue Maschinenwelt förderte Verstädterung und Landflucht. Die zuvor empfundene Geborgenheit war für die Schriftsteller der Romantik in Auflösung begriffen. Weltflucht, Hinwendung zur Natur, Verklärung des Mittelalters (damalige Kunst und Architektur wurde nun wieder geschätzt), Rückzug in Fantasie- und Traumwelten, Betonung des Individuums und romantische Ironie sind typische Merkmale der Romantik. Die Themen der Romantik zeigen sich in verschiedenen Motiven und Symbolen. Beispielsweise gilt die Blaue Blume als das zentrale Motiv der romantischen Literatur. Sie symbolisiert Sehnsucht und Liebe und verbindet Natur, Mensch und Geist. Die Nacht hat ebenfalls eine besondere Bedeutung in der Literatur der Romantik. Sie ist der Schauplatz für zahlreiche weitere Motive dieser Epoche: Tod, Vergänglichkeit und nicht alltägliche, obskure Phänomene. Im ebenfalls in dieser Epoche zu findenden Spiegelmotiv zeigt sich die Hinwendung der Romantik zum Unheimlichen. Strebte die Klassik nach harmonischer Vollendung und Klarheit der Gedanken, so ist die Romantik von einer an den Barock erinnernden Maß- und Regellosigkeit geprägt. Die Romantik begreift die schöpferische Phantasie des Künstlers als unendlich. Dabei baut sie zwar auf die Errungenschaften der Klassik auf. Deren Ziele und Regeln möchte sie aber hinter sich lassen.

Das Gedicht besteht aus 64 Versen mit insgesamt 7 Strophen und umfasst dabei 250 Worte. Weitere bekannte Gedichte des Autors Joseph von Eichendorff sind „Der Isegrimm“, „Der verliebte Reisende“ und „Die Heimat“. Zum Autor des Gedichtes „Nachruf an meinen Bruder“ haben wir auf abi-pur.de weitere 391 Gedichte veröffentlicht.

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