Jugendandacht von Joseph von Eichendorff

1
Daß des verlornen Himmels es gedächte,
Schlagen ans Herz des Frühlings linde Wellen,
Wie ew'ger Wonnen schüchternes Vermuten.
Geheimer Glanz der lauen Sommernächte,
Du grüner Wald, verführend Lied der Quellen,
Des Morgens Pracht, stillblühnde Abendgluten,
Ihr fragt: wo Schmerz und Lust so lange ruhten,
Die süß das Herz verdunkeln und es hellen?
10 
Wie tut ihr zaubrisch auf die alten Wunden,
11 
Daß losgebunden in das Licht sie bluten!
12 
O sel'ge Zeit entfloßner Himmelbläue,
13 
Der ersten Andacht solch inbrünst'ger Liebe,
14 
Die ewig wollte knien vor der Einen!
15 
Demütig in der Glorie des Maien
16 
Hob sie den Schleier oft, laß offen bliebe
17 
Der Augen Himmel, in das Land zu scheinen.
18 
Und stand ich still, und mußt ich herzlich weinen;
19 
In ihrem Blick gereinigt alle Triebe:
20 
Da war nur Wonne, was ich mußte klagen,
21 
Im Angesicht der Stillen, Ewigreinen
22 
Kein Schmerz, als solcher Liebe Lieb ertragen!
 
23 
2
24 
Wie in einer Blume himmelblauen
25 
Grund, wo schlummernd träumen stille Regenbogen,
26 
Ist mein Leben ein unendlich Schauen,
27 
Klar durchs ganze Herz ein süßes Bild gezogen.
 
28 
Stille saß ich, sah die Jahre fliegen,
29 
Bin im Innersten dein treues Kind geblieben;
30 
Aus dem duft'gen Kelche aufgestiegen,
31 
Ach! wann lohnst du endlich auch mein treues
32 
Lieben!
 
33 
3
34 
Was wollen mir vertraun die blauen Weiten,
35 
Des Landes Glanz, die Wirrung süßer Lieder,
36 
Mir ist so wohl, so bang! Seid ihr es wieder
37 
Der frommen Kindheit stille Blumenzeiten?
 
38 
Wohl weiß ich's - dieser Farben heimlich Spreiten
39 
Deckt einer Jungfrau strahlend reine Glieder;
40 
Es wogt der große Schleier auf und nieder,
41 
Sie schlummert drunten fort seit Ewigkeiten.
 
42 
Mir ist in solchen linden, blauen Tagen,
43 
Als müßten alle Farben auferstehen,
44 
Aus blauer Fern sie endlich zu mir gehen.
 
45 
So wart ich still, schau in den Frühling milde,
46 
Das ganze Herz weint nach dem süßen Bilde,
47 
Vor Freud, vor Schmerz? - ich weiß es nicht zu
48 
sagen.
 
49 
4
50 
Viel Lenze waren lange schon vergangen,
51 
Vorüber zogen wunderbare Lieder,
52 
Die Sterne gingen ewig auf und nieder,
53 
Die selbst vor großer Sehnsucht golden klangen.
 
54 
Und wie so tausend Stimmen ferne sangen,
55 
Als riefen mich von hinnen sel'ge Brüder,
56 
Fühlt ich die alten Schmerzen immer wieder,
57 
Seit deine Blicke, Jungfrau, mich bezwangen.
 
58 
Da war's, als ob sich still dein Auge hübe,
59 
Langst sehnsuchtsvoll nach mir mit offnen Armen,
60 
Fühlst selbst den Schmerz, den du mir süß
61 
gegeben.
 
62 
Umfangen fühl ich innigst mich erwarmen,
63 
Berührt mit goldnen Strahlen mich das Leben,
64 
Ach! daß ich ewig dir am Herzen bliebe!
 
65 
5
66 
Wann Lenzesstrahlen golden niederrinnen,
67 
Sieht man die Scharen losgebunden ziehen,
68 
Im Waldrevier, dem neu der Schmuck geliehen,
69 
Die lust'ge Jagd nach Lieb und Scherz beginnen.
 
70 
Den Sänger will der Frühling gar umspinnen,
71 
Er, der Geliebteste, darf nicht entfliehen,
72 
Fühlt rings ein Lied durch alle Farben ziehen,
73 
Das ihn so lockend nimmer läßt von hinnen.
 
74 
Gefangen so, sitzt er viel sel'ge Jahre;
75 
Des Einsamen spottet des Pöbels Scherzen,
76 
Der aller Glorie möchte Lieb entkleiden.
 
77 
Doch er grüßt fröhlich alle, wie sie fahren,
78 
Und mutig sagt er zu den süßen Schmerzen:
79 
»Gern sterb ich bald, wollt ihr von mir je
80 
scheiden!«
 
81 
6
82 
Wann frisch die buntgewirkten Schleier wallen,
83 
Weit in das Land die Lerchen mich verführen,
84 
Da kann ich's tief im Herzen wieder spüren,
85 
Wie mich die Eine liebt und ruft vor allen.
 
86 
Wenn Nachtigalln aus grünen Hallen schallen,
87 
Wen möchten nicht die tiefen Töne rühren;
88 
Wen nicht das süße Herzeleid verführen,
89 
Im Liebesschlagen tot vom Baum zu fallen?
 
90 
So sag auch ich bei jedem Frühlingsglanze:
91 
Du süße Laute! laß uns beide sterben,
92 
Beklagt vom Widerhallen zarter Töne,
 
93 
Kann unser Lied auch nie den Lohn erwerben,
94 
Daß hier mit eignem, frischem Blumenkranze
95 
Uns endlich kröne nun die Wunderschöne!
 
96 
7
97 
Der Schäfer spricht, wenn er frühmorgens weidet:
98 
»Dort drüben wohnt sie hinter Berg' und Flüssen!«
99 
Doch seine Wunden deckt sie gern mit Küssen,
100 
Wann lauschend Licht am stillen Abend scheidet.
 
101 
Ob neu der Morgenschmuck die Erde kleidet,
102 
Ob Nachtigallen Nacht und Stern' begrüßen,
103 
Stets fern und nah bleibt meine Lieb der Süßen,
104 
Die in dem Lenz mich ewig sucht und meidet.
 
105 
Doch hör ich wunderbare Stimmen sprechen:
106 
»Die Perlen, die du treu geweint im Schmerze,
107 
Sie wird sie sorglich all zusammenbinden,
 
108 
Mit eigner Kette so dich süß umwinden,
109 
Hinaufziehn dich an Mund und blühend Herze
110 
Was Himmel schloß, mag nicht der Himmel
111 
brechen.«
 
112 
8
113 
Wenn du am Felsenhange standst alleine,
114 
Unten im Walde Vögel seltsam sangen
115 
Und Hörner aus der Ferne irrend klangen,
116 
Als ob die Heimat drüben nach dir weine,
 
117 
War's niemals da, als rief die Eine, Deine?
118 
Lockt dich kein Weh, kein brünstiges Verlangen
119 
Nach andrer Zeit, die lange schon vergangen,
120 
Auf ewig einzugehn in grüne Scheine?
 
121 
Gebirge dunkelblau steigt aus der Ferne,
122 
Und von den Gipfeln führt des Bundes Bogen
123 
Als Brücke weit in unbekannte Lande.
 
124 
Geheimnisvoll gehn oben goldne Sterne,
125 
Unten erbraust viel Land in dunklen Wogen
126 
Was zögerst du am unbekannten Rande?
127 
9
128 
Es wendet zürnend sich von mir die Eine,
129 
Versenkt die Ferne mit den Wunderlichtern.
130 
Es stockt der Tanz - ich stehe plötzlich nüchtern,
131 
Musik läßt treulos mich so ganz alleine.
 
132 
Da spricht der Abgrund dunkel: Bist nun meine;
133 
Zieht mich hinab an bleiernen Gewichtern,
134 
Sieht stumm mich an aus steinernen Gesichtern,
135 
Das Herz wird selber zum kristallnen Steine.
 
136 
Dann ist's, als ob es dürstend Schmerzen sauge
137 
Aus lang vergeßner Zeit Erinnerungen,
138 
Und kann sich rühren nicht, von Frost bezwungen.
 
139 
Versteinert schweigen muß der Wehmut Welle,
140 
Wie willig auch, schmölz ihn ein wärmend Auge,
141 
Kristall zerfließen wollt als Tränenquelle.
 
142 
10
143 
Durchs Leben schleichen feindlich fremde Stunden,
144 
Wo Ängsten aus der Brust hinunterlauschen,
145 
Verworrne Worte mit dem Abgrund tauschen,
146 
Drin bodenlose Nacht nur ward erfunden.
 
147 
Wohl ist des Dichters Seele stumm verbunden
148 
Mit Mächten, die am Volk vorüberrauschen;
149 
Sehnsucht muß wachsen an der Tiefe Rauschen
150 
Nach hellerm Licht und nach des Himmels
151 
Kunden.
 
152 
O Herr! du kennst allein den treuen Willen,
153 
Befrei ihn von der Kerkerluft des Bösen,
154 
Laß nicht die eigne Brust mich feig zerschlagen!
 
155 
Und wie ich schreibe hier, den Schmerz zu stillen,
156 
Fühl ich den Engel schon die Riegel lösen,
157 
Und kann vor Glanze nicht mehr weiterklagen.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (40.2 KB)

Details zum Gedicht „Jugendandacht“

Anzahl Strophen
34
Anzahl Verse
157
Anzahl Wörter
985
Entstehungsjahr
1788 - 1857
Epoche
Romantik

Gedicht-Analyse

Der Autor des Gedichtes „Jugendandacht“ ist Joseph von Eichendorff. Der Autor Joseph von Eichendorff wurde 1788 geboren. Zwischen den Jahren 1804 und 1857 ist das Gedicht entstanden. Von der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her lässt sich das Gedicht der Epoche Romantik zuordnen. Eichendorff ist ein typischer Vertreter der genannten Epoche.

Als Romantik wird die Epoche der Kunstgeschichte bezeichnet, deren Ausprägungen sich sowohl in der Literatur, Kunst und Musik als auch in der Philosophie niederschlugen. Die Epoche der Romantik lässt sich vom Ende des 18. Jahrhunderts bis ins späte 19. Jahrhundert verorten. Die literarische Romantik kann darauf aufbauend etwa auf die Jahre 1795 bis 1848 datiert werden. Die Literaturepoche der Romantik (ca. 1795–1848) lässt sich in Frühromantik (bis 1804), Hochromantik (bis 1815) und Spätromantik (bis 1848) aufgliedern. Die Welt, die sich durch die beginnende Verstädterung und Industrialisierung mehr und mehr veränderte, verunsicherte die Menschen. Die Französische Revolution in den Jahren 1789 bis 1799 hatte ebenfalls Auswirkungen auf die Romantik. Als Merkmale der Romantik sind die Weltflucht, die Verklärung des Mittelalters, die Hinwendung zur Natur, die Betonung subjektiver Gefühle und des Individuums, der Rückzug in Fantasie- und Traumwelten oder die Faszination des Unheimlichen zu benennen. Bedeutende Symbole der Romantik sind die Blaue Blume oder das Spiegel- und Nachtmotiv. Strebte die Klassik nach harmonischer Vollendung und Klarheit der Gedanken, so ist die Romantik von einer an den Barock erinnernden Maß- und Regellosigkeit geprägt. Die Romantik begreift die schöpferische Phantasie des Künstlers als unendlich. Dabei baut sie zwar auf die Errungenschaften der Klassik auf. Deren Ziele und Regeln möchte sie aber hinter sich lassen.

Das vorliegende Gedicht umfasst 985 Wörter. Es baut sich aus 34 Strophen auf und besteht aus 157 Versen. Der Dichter Joseph von Eichendorff ist auch der Autor für Gedichte wie „In Danzig“, „Kurze Fahrt“ und „Lied“. Zum Autor des Gedichtes „Jugendandacht“ haben wir auf abi-pur.de weitere 391 Gedichte veröffentlicht.

+ Wie analysiere ich ein Gedicht?

Daten werden aufbereitet

Fertige Biographien und Interpretationen, Analysen oder Zusammenfassungen zu Werken des Autors Joseph von Eichendorff

Wir haben in unserem Hausaufgaben- und Referate-Archiv weitere Informationen zu Joseph von Eichendorff und seinem Gedicht „Jugendandacht“ zusammengestellt. Diese Dokumente könnten Dich interessieren.

Weitere Gedichte des Autors Joseph von Eichendorff (Infos zum Autor)

Zum Autor Joseph von Eichendorff sind auf abi-pur.de 391 Dokumente veröffentlicht. Alle Gedichte finden sich auf der Übersichtsseite des Autors.