Der Pilger von Joseph von Eichendorff

1
Man setzt uns auf die Schwelle,
Wir wissen nicht, woher?
Da glüht der Morgen helle,
Hinaus verlangt uns sehr.
Der Erde Klang und Bilder,
Tiefblaue Frühlingslust,
Verlockend wild und wilder,
Bewegen da die Brust.
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Bald wird es rings so schwüle,
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Die Welt eratmet kaum,
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Berg', Schloß und Wälder kühle
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Stehn lautlos wie im Traum,
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Und ein geheimes Grausen
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Beschleichet unsern Sinn:
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Wir sehnen uns nach Hause
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Und wissen nicht, wohin?
 
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Dein Wille, Herr, geschehe!
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Verdunkelt schweigt das Land,
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Im Zug der Wetter sehe
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Ich schauernd deine Hand.
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O mit uns Sündern gehe
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Erbarmend ins Gericht!
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Ich beug im tiefsten Wehe
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Zum Staub mein Angesicht,
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Dein Wille, Herr, geschehe!
 
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3
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Schlag mit den flamm'gen Flügeln!
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Wenn Blitz aus Blitz sich reißt:
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Steht wie in Rossesbügeln
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So ritterlich mein Geist.
 
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Waldesrauschen, Wetterblicken
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Macht recht die Seele los,
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Da grüßt sie mit Entzücken,
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Was wahrhaft, ernst und groß.
 
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Es schiffen die Gedanken
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Fern wie auf weitem Meer,
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Wie auch die Wogen schwanken:
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Die Segel schwellen mehr.
 
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Herr Gott, es wacht dein Wille,
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Ob Tag und Lust verwehn,
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Mein Herz wird mir so stille
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Und wird nicht untergehn.
 
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So laß herein nun brechen
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Die Brandung, wie sie will,
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Du darfst ein Wort nur sprechen,
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So wird der Abgrund still;
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Und bricht die letzte Brücke,
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Zu dir, der treulich steht,
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Hebt über Not und Glücke
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Mich einsam das Gebet.
 
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Wie ein todeswunder Streiter,
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Der den Weg verloren hat,
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Schwank ich nun und kann nicht weiter,
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Von dem Leben sterbensmatt.
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Nacht schon decket alle Müden
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Und so still ist's um mich her,
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Herr, auch mir gib endlich Frieden,
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Denn ich wünsch und hoff nichts mehr.
 
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6
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Wie oft wollt mich die Welt ermüden,
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Ich beugt aufs Schwert mein Angesicht
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Und bat dich frevelhaft um Frieden
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Du wußtest's besser, gabst ihn nicht.
 
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Ich sah in Nacht das Land vergehen,
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In Blitzen du die Wetter brachst,
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Da konnt ich schauernd erst verstehen,
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Was du zu mir Erschrocknem sprachst:
 
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»Meine Lieder sind nicht deine Lieder
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Leg ab den falschen Schmuck der Zeit
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Und nimm das Kreuz, dann komme wieder
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In deines Herzens Einsamkeit.«
 
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Und alle Bilder ferne treten,
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Und tief noch rauschet kaum die Rund
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Wie geht ein wunderbares Beten
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Mir leuchtend durch der Seele Grund!
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (29.8 KB)

Details zum Gedicht „Der Pilger“

Anzahl Strophen
12
Anzahl Verse
79
Anzahl Wörter
365
Entstehungsjahr
1788 - 1857
Epoche
Romantik

Gedicht-Analyse

Der Autor des Gedichtes „Der Pilger“ ist Joseph von Eichendorff. Im Jahr 1788 wurde Eichendorff geboren. Im Zeitraum zwischen 1804 und 1857 ist das Gedicht entstanden. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her kann der Text der Epoche Romantik zugeordnet werden. Der Schriftsteller Eichendorff ist ein typischer Vertreter der genannten Epoche.

Vom Ende des 18. Jahrhunderts bis in das 19. Jahrhundert hinein dauerte die kulturgeschichtliche Epoche der Romantik an. Ihre Auswirkungen waren in der Literatur, der Kunst aber auch der Musik und Philosophie spürbar. Die Romantik wird in Frühromantik (bis 1804), Hochromantik (bis 1815) und Spätromantik (bis 1848) unterschieden. Die Welt, die sich durch die einsetzende Industrialisierung und Verstädterung mehr und mehr veränderte, verunsicherte die Menschen. Die Französische Revolution in den Jahren 1789 bis 1799 hatte ebenfalls Auswirkungen auf die Romantik. In der Romantik gilt das Mittelalter als das Ideal und wird verherrlicht. Die Kunst und Architektur der Zeit des Mittelalters werden geschätzt, gepflegt und gesammelt. Missstände dieser Zeit bleiben außen vor und scheinen bei den Schriftstellern in Vergessenheit geraten zu sein. So ist die Verklärung des Mittelalters ein zentrales Merkmal der Romantik. Des Weiteren sind die Weltflucht, die Hinwendung zur Natur und die romantische Ironie weitere zentrale Merkmale dieser Epoche. Die grundsätzlichen Themen waren Seele, Gefühle, Individualität und Leidenschaft. In der Literatur wurden diese Themen unter anderem durch Motive der Sehnsucht, Todessehnsucht, Fernweh oder Einsamkeit in der Fremde ausgedrückt. Die äußere Form von romantischer Dichtung ist völlig offen. Kein starres Schema grenzt die Literatur ein. Dies steht ganz im Gegensatz zu den strengen Normen der Klassik. In der Romantik entstehen erstmals Sammlungen so genannter Volkspoesie. Bekannte Beispiele dafür sind Grimms Märchen und die Liedersammlung Des Knaben Wunderhorn. Doch bereits unmittelbar nach Erscheinen wurde die literarische Bearbeitung (Schönung) durch die Autoren kritisiert, die damit ihre Rolle als Chronisten weit hinter sich ließen.

Das vorliegende Gedicht umfasst 365 Wörter. Es baut sich aus 12 Strophen auf und besteht aus 79 Versen. Weitere Werke des Dichters Joseph von Eichendorff sind „Mondnacht“, „Morgengebet“ und „Ostern“. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „Der Pilger“ weitere 391 Gedichte vor.

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