Der armen Schönheit Lebenslauf von Joseph von Eichendorff

Die arme Schönheit irrt auf Erden,
So lieblich Wetter draußen ist,
Möcht gern recht viel gesehen werden,
Weil jeder sie so freundlich grüßt.
 
Und wer die arme Schönheit schauet,
Sich wie auf großes Glück besinnt,
Die Seele fühlt sich recht erbauet,
Wie wenn der Frühling neu beginnt.
 
Da sieht sie viele schöne Knaben,
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Die reiten unten durch den Wind,
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Möcht manchen gern im Arme haben,
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Hüt dich, hüt dich, du armes Kind!
 
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Da ziehn manch redliche Gesellen,
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Die sagen: »Hast nicht Geld, noch Haus,
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Wir fürchten deine Augen helle,
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Wir haben nichts zum Hochzeitsschmaus.«
 
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Von andern tut sie sich wegdrehen,
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Weil keiner ihr so wohl gefällt,
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Die müssen traurig weitergehen,
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Und zögen gern ans End der Welt.
 
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Da sagt sie: »Was hilft mir mein Sehen,
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Ich wünscht, ich wäre lieber blind,
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Da alle furchtsam von mir gehen,
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Weil gar so schön mein' Augen sind.«
 
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Nun sitzt sie hoch auf lichtem Schlosse,
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In schöne Kleider putzt sie sich,
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Die Fenster glühn, sie winkt vom Schlosse,
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Die Sonne sinkt, das blendet dich.
 
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Die Augen, die so furchtsam waren,
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Die haben jetzt so freien Lauf,
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Fort ist das Kränzlein aus den Haaren,
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Und hohe Federn stehn darauf.
 
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Das Kränzlein ist herausgerissen,
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Ganz ohne Scheu sie mich anlacht;
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Geh du vorbei: sie wird dich grüßen,
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Winkt dir zu einer schönen Nacht.
 
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Da sieht sie die Gesellen wieder,
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Die fahren unten auf dem Fluß,
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Es singen laut die lust'gen Brüder,
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So furchtbar schallt des einen Gruß:
 
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»Was bist du für 'ne schöne Leiche!
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So wüste ist mir meine Brust,
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Wie bist du nun so arm, du Reiche,
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Ich hab an dir nicht weiter Lust!«
 
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Der Wilde hat ihr so gefallen,
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Laut schrie sie auf bei seinem Gruß,
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Vom Schloß möcht sie herunterfallen,
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Und unten ruhn im kühlen Fluß.
 
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Sie blieb nicht länger mehr da oben,
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Weil alles anders worden war,
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Vor Schmerz ist ihr das Herz erhoben,
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Da ward's so kalt, doch himmlisch klar.
 
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Da legt sie ab die goldnen Spangen,
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Den falschen Putz und Ziererei,
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Aus dem verstockten Herzen drangen
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Die alten Tränen wieder frei.
 
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Kein Stern wollt nicht die Nacht erhellen,
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Da mußte die Verliebte gehn,
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Wie rauscht der Fluß! die Hunde bellen,
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Die Fenster fern erleuchtet stehn.
 
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Nun bist du frei von deinen Sünden,
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Die Lieb zog triumphierend ein,
63 
Du wirst noch hohe Gnade finden,
64 
Die Seele geht in Hafen ein.
 
65 
Der Liebste war ein Jäger worden,
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Der Morgen schien so rosenrot,
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Da blies er lustig auf dem Horne,
68 
Blies immerfort in seiner Not.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (29.7 KB)

Details zum Gedicht „Der armen Schönheit Lebenslauf“

Anzahl Strophen
17
Anzahl Verse
68
Anzahl Wörter
412
Entstehungsjahr
1788 - 1857
Epoche
Romantik

Gedicht-Analyse

Joseph von Eichendorff ist der Autor des Gedichtes „Der armen Schönheit Lebenslauf“. Eichendorff wurde im Jahr 1788 geboren. Die Entstehungszeit des Gedichtes liegt zwischen den Jahren 1804 und 1857. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her kann der Text der Epoche Romantik zugeordnet werden. Bei Eichendorff handelt es sich um einen typischen Vertreter der genannten Epoche.

Vom Ende des 18. Jahrhunderts bis in das 19. Jahrhundert hinein dauerte die kulturgeschichtliche Epoche der Romantik an. Ihre Auswirkungen waren in der Literatur, der Kunst aber auch der Musik und Philosophie spürbar. Die Literaturepoche wird in Frühromantik (bis 1804), Hochromantik (bis 1815) und Spätromantik (bis 1848) unterschieden. Zu großen gesellschaftlichen Umbrüchen führte die Industrialisierung. Die neue Maschinenwelt förderte Verstädterung und Landflucht. Die zuvor empfundene Geborgenheit war für die Romantiker in Auflösung begriffen. Bedeutende Motive in der Lyrik der Romantik sind die Ferne und Sehnsucht sowie das Gefühl der Heimatlosigkeit. Weitere Motive sind das Fernweh, die Todessehnsucht oder das Nachtmotiv. So symbolisierte die Nacht nicht nur die Dunkelheit, sondern auch das Geheimnisvolle, Mysteriöse und galt als Quelle der Liebe. Typische Merkmale der Romantik sind die Hinwendung zur Natur, die Weltflucht oder der Rückzug in Traumwelten. Insbesondere ist aber auch die Idealisierung des Mittelalters aufzuzeigen. Kunst und Architektur des Mittelalters wurden von den Romantikern wieder geschätzt. Strebte die Klassik nach harmonischer Vollendung und Klarheit der Gedanken, so ist die Romantik von einer an den Barock erinnernden Maß- und Regellosigkeit geprägt. Die Romantik begreift die schöpferische Phantasie des Künstlers als unendlich. Dabei baut sie zwar auf die Errungenschaften der Klassik auf. Deren Ziele und Regeln möchte sie aber hinter sich lassen.

Das Gedicht besteht aus 68 Versen mit insgesamt 17 Strophen und umfasst dabei 412 Worte. Der Dichter Joseph von Eichendorff ist auch der Autor für Gedichte wie „Antwort“, „Auch ein Gedicht?“ und „Der Isegrimm“. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „Der armen Schönheit Lebenslauf“ weitere 391 Gedichte vor.

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