An die Natur von Johann Christian Friedrich Hölderlin

Da ich noch um deinen Schleier spielte,
Noch an dir, wie eine Blüte hing,
Noch dein Herz in jedem Laute fühlte,
Der mein zährtlichbebend Herz umfing,
Da ich noch mit Glauben und mit Sehnen
Reich, wie du, vor deinem Bilde stand,
Eine Stelle noch für meine Tränen,
Eine Welt für meine Liebe fand,
 
Da zur Sonne noch mein Herz sich wandte,
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Als vernähme seine Töne sie,
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Und die Sterne seine Brüder nannte
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Und den Frühling Gottes Melodie,
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Da im Hauche, der den Hain bewegte,
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Noch dein Geist, dein Geist der Freude
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sich In des Herzens stiller Welle regte
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Da umfingen goldne Tage mich.
 
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Wenn im Tale, wo die Quell mich kühlte,
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Wo der jugendlichen Sträuche Grün
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Um die stillen Felsenwände spielte
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Und der Aether durch die Zweige schien,
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Wenn ich da, von Blüten übergossen,
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Still und trunken ihren Othem trank
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Und zu mir, von Licht und Glanz umflossen,
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Aus den Höhn die goldne Wolke sank
 
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Wenn ich fern auf nackter Heide wallte,
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Wo aus dämmernder Geklüfte Schoß
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Der Titanensang der Ströme schallte
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Und die Nacht der Wolken mich umschloß,
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Wenn der Sturm mit seinen Wetterwogen
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Mir vorüber durch die Berge fuhr
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Und des Himmels Flammen mich umflogen,
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Da erschienst du, Seele der Natur!
 
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Oft verlor ich da mit trunknen Tränen
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Liebend, wie nach langer Irre sich
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In den Ozean die Ströme sehnen,
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Schöne Welt! in deiner Fülle mich;
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Ach! da stürzt ich mit den Wesen allen
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Freudig aus der Einsamkeit der Zeit,
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Wie ein Pilger in des Vaters Hallen,
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In die Arme der Unendlichkeit.
 
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Seid gesegnet, goldne Kinderträume,
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Ihr verbargt des Lebens Armut mir,
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Ihr erzogt des Herzens gute Keime,
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Was ich nie erringe, schenktet ihr!
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O Natur! an deiner Schönheit Lichte,
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Ohne Müh und Zwang entfalteten
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Sich der Liebe königliche Früchte,
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Wie die Ernten in Arkadien.
 
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Tot ist nun, die mich erzog und stillte,
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Tot ist nun die jugendliche Welt,
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Diese Brust, die einst ein Himmel füllte,
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Tot und dürftig, wie ein Stoppelfeld;
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Ach! es singt der Frühling meinen Sorgen
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Noch, wie einst, ein freundlich tröstend Lied,
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Aber hin ist meines Lebens Morgen,
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Meines Herzens Frühling ist verblüht.
 
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Ewig muß die liebste Liebe darben,
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Was wir liebten, ist ein Schatten nur
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Da der Jugend goldne Träume starben,
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Starb für mich die freundliche Natur;
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Das erfuhrst du nicht in frohen Tagen,
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Daß so ferne dir die Heimat liegt,
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Armes Herz, du wirst sie nie erfragen,
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Wenn dir nicht ein Traum von ihr genügt.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (29.1 KB)

Details zum Gedicht „An die Natur“

Anzahl Strophen
8
Anzahl Verse
64
Anzahl Wörter
403
Entstehungsjahr
1795
Epoche
Klassik

Gedicht-Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „An die Natur“ des Autors Johann Christian Friedrich Hölderlin. Geboren wurde Hölderlin im Jahr 1770 in Lauffen am Neckar. Die Entstehungszeit des Gedichtes geht auf das Jahr 1795 zurück. Das Gedicht lässt sich an Hand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her der Epoche Klassik zuordnen. Bitte überprüfe unbedingt die Richtigkeit der Angaben zur Epoche bei Verwendung. Die Zuordnung der Epoche ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen. Das 403 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 64 Versen mit insgesamt 8 Strophen. Die Gedichte „Dem Genius der Kühnheit“, „Der Gott der Jugend“ und „Der Winkel von Hahrdt“ sind weitere Werke des Autors Johann Christian Friedrich Hölderlin. Zum Autor des Gedichtes „An die Natur“ haben wir auf abi-pur.de weitere 181 Gedichte veröffentlicht.

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