Am 18. Oktober 1816 von Ludwig Uhland

Wenn heut ein Geist herniederstiege,
zugleich ein Sänger und ein Held,
ein solcher, der im heil'gen Kriege
gefallen auf dem Siegesfeld,
der sänge wohl auf deutscher Erde
ein scharfes Lied, wie Schwertesstreich,
nicht so, wie ich es künden werde,
nein, himmelskräftig, donnergleich:
 
"Ihr Fürsten! seid zuerst befraget:
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Vergaßt ihr jenen Tag der Schlacht,
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an dem ihr auf den Knien laget
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und huldigtet der höhern Macht?
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Wenn eure Schmach die Völker lösten,
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wenn ihre Treue sie erprobt,
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so ist's an euch, nicht zu vertrösten,
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zu leisten jetzt, was ihr gelobt.
 
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Ihr Völker, die ihr viel gelitten,
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vergaßt auch ihr den schwülen Tag?
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Das Herrlichste, was ihr erstritten,
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wie kommt's, daß es nicht frommen mag?
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Zermalmt habt ihr die fremden Horden
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doch innen hat sich nichts gehellt,
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und Freie seid ihr nicht geworden,
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wenn ihr das Recht nicht festgestellt
 
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Ihr Fürstenrät' und Hofmarschälle
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mit trübem Stern auf kalter Brust,
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die ihr vom Kampf um Leipzigs Wälle
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wohl gar bis heute nichts gewußt,
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vernehmt! an diesem heut'gen Tage
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hielt Gott der Herr ein groß Gericht.
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Ihr aber hört nicht, was ich sage,
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ihr glaubt an Geisterstimmen nicht.
 
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Was ich gesollt, hab' ich gesungen,
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und wieder schwing' ich mich empor;
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was meinem Blick sich aufgedrungen,
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verkünd' ich dort dem sel'gen Chor:
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Nicht rühmen kann ich, nicht verdammen,
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untröstlich ist's noch allerwärts:
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Doch sah ich manches Auge flammen,
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und klopfen hört' ich manches Herz."
Arbeitsblatt zum Gedicht
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Details zum Gedicht „Am 18. Oktober 1816“

Anzahl Strophen
5
Anzahl Verse
40
Anzahl Wörter
229
Entstehungsjahr
1787 - 1862
Epoche
Romantik

Gedicht-Analyse

Das Gedicht „Am 18. Oktober 1816“ stammt aus der Feder des Autors bzw. Lyrikers Ludwig Uhland. Geboren wurde Uhland im Jahr 1787 in Tübingen. Das Gedicht ist in der Zeit von 1803 bis 1862 entstanden. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her kann der Text der Epoche Romantik zugeordnet werden. Uhland ist ein typischer Vertreter der genannten Epoche.

Die Romantik war eine Epoche der europäischen Literatur, Kunst und Kultur. Sie begann gegen Ende des 18. Jahrhunderts und dauerte in der Literatur bis etwa zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Literatur der Romantik (ca. 1795–1848) lässt sich in Frühromantik (bis 1804), Hochromantik (bis 1815) und Spätromantik (bis 1848) aufgliedern. Die Literaturepoche der Romantik entstand in Folge politischer Krisen und gesellschaftlicher Umbrüche. In ganz Europa fand ein Übergang von der feudalen zur bürgerlichen Gesellschaft statt. Gleichzeitig bildete sich ein bürgerliches Selbstbewusstsein heraus. Industrialisierung und technologischer Fortschritt sind prägend für diese Zeit. Wesentliche Motive in der Lyrik der Romantik sind die Ferne und Sehnsucht sowie das Gefühl der Heimatlosigkeit. Andere Motive sind das Fernweh, die Todessehnsucht oder das Nachtmotiv. So symbolisierte die Nacht nicht nur die Dunkelheit, sondern auch das Geheimnisvolle, Mysteriöse und galt als Ursprung der Liebe. Merkmale der Romantik sind die Hinwendung zur Natur, die Weltflucht oder der Rückzug in Traumwelten. Insbesondere ist aber auch die Idealisierung des Mittelalters aufzuzeigen. Kunst und Architektur des Mittelalters wurden von den Vertretern der Romantik wieder geschätzt. Die Stilepoche kennzeichnet sich vor allem durch offene Formen in Gedichten und Texten. Phantasie ist für Romantiker das Maß aller Dinge. Die Trennung zwischen Wissenschaft und Poesie, zwischen Wirklichkeit und Traum soll durchbrochen werden. Die Schriftsteller der Romantik streben eine Verschmelzung von Kunst und Literatur an. Ihr Ziel ist es letztlich, alle Lebensbereiche zu poetisieren.

Das Gedicht besteht aus 40 Versen mit insgesamt 5 Strophen und umfasst dabei 229 Worte. Die Gedichte „Waldlied“, „Trinklied“ und „Die Ulme zu Hirsau“ sind weitere Werke des Autors Ludwig Uhland. Zum Autor des Gedichtes „Am 18. Oktober 1816“ haben wir auf abi-pur.de weitere 57 Gedichte veröffentlicht.

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