Aus sonnigen Tagen (1869) von Heinrich Seidel

Blumen, die einst duftend glühten
Saiten, die einst voll erklangen
Und die Blumen, sie verblühten
Und die Saiten, sie zersprangen.
 
Heimlich ist's im trauten Zimmer
Bei der Lampe sanftem Scheine,
Wenn da draussen Wintersturm tobt.
Horchend auf sein wildes Brausen,
Auf das Heulen im Kamine,
10 
Auf den Regen, der an's Glas schlägt,
11 
Auf sein Rauschen und sein klingend
12 
Tropfen in der Wasserrinne,
13 
Drück' ich tiefer mich behaglich
14 
In den sichern, wohlvertrauten,
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Altersbraunen Lehnstuhl. - Träumend
16 
Blaue Wölkchen von mir blasend,
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Denk' ich gern dann hellen Frühlings,
18 
Denk' ich gern des lichten Sommers,
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Denk' ich gern der längst entschwundnen
20 
Sonnbeglänzten Jugendzeiten.
21 
Wie ein Hauch aus wunderschönen
22 
Unerreichbar fernen Gärten
23 
Wehts mich an, ein märchenhafter
24 
Duft verlornen Paradieses.
25 
Und Erinnrung um Erinnrung
26 
Steigt empor und schwebt vorüber;
27 
Schaut mich an mit sanften blauen
28 
Träumerischen Sehnsuchtsaugen,
29 
Schaut mich an und schwebt vorüber.
 
30 
Sonnenschein und Waldesrauschen
31 
Und mir ist, als hört' ich jenes
32 
Silbern fröhliche Gelächter,
33 
Das mir einst das Herz bewegte
34 
Sonn'ge Tage - milde leuchtet
35 
Ihr in der Erinnrung Mondlicht.
 
36 
Waren beide fast noch Kinder:
37 
Du ein schlankes, zierlich leichtes,
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Lieblich Mädchen - schelmisch ernsthaft,
39 
Eine frische Blüthenknospe
40 
Sich im Sonnenschein entfaltend
41 
Ich ein langgewachsner, blasser,
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Sonderbarer, stiller Träumer,
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Bald voll trotz'gen Uebermuthes,
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Bald voll Weichheit, zaghaft schüchtern,
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Mir und Anderen ein Räthsel.
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Aber wir verstanden uns, wenn
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Wir im Wald am Lieblingsplätzchen
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Auf dem moosbewachsnen Steine
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Zwischen Gras und Blumen sassen,
50 
Und ich Märchen dir erzählte,
51 
Bunte, wunderbare Märchen:
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Von den kleinen grauen Zwergen,
53 
Die in Felsenspalten nisten
54 
Und von zierlich leichten Elfen,
55 
Die in Blumenkelchen wohnen.
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Oder, wenn von hohem Berge
57 
Wir in weite Lande schauten,
58 
Ueber Wiesen, Berg und Wälder
59 
Luft'ge Reisepläne spannen
60 
Damals wähnten hinter jedem
61 
Berg ein wunderschönes Thal wir
62 
Und gar herrlich war die schöne
63 
Welt, die wir nicht kannten. - Damals!
 
64 
Nimmer gab es schönren Frühling,
65 
Nimmer segensreichren Sommer,
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Nimmer süssre Frucht im Herbste,
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Nie im Winter trautren Abend,
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Als seit jenem schönen Tage,
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Da das blondgelockte Bäschen
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Eintrat in das stille Pfarrhaus.
71 
Damals freilich warst du traurig
72 
In dem schwarzen Trauerkleidchen,
73 
Traurig um die liebe Mutter,
74 
Die du eben erst verloren
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Jugendschmerz, du Frühlingswolke,
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Die - ein Schatten - über's Thal huscht
77 
Und die Sonne leuchtet wieder!
 
78 
Und du wurdest unsres stillen
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Hauses lichte Frühlingssonne.
80 
Lächelnd klopft' der ernste, strenge
81 
Vater deine rothe Wange,
82 
Kamst du wild dahergesprungen,
83 
Dass die Locken dir im Winde
84 
Flatterten. "Du kleine Hummel!"
85 
Sprach er liebreich. Meine Mutter;
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Deine Mutter nun, erfreute
87 
Sich der holden kleinen Tochter.
88 
Ich, der einsam aufgewachsen,
89 
Träume und Gedanken hegend,
90 
Liebte dich wie eine Schwester,
91 
Du Gefährtin meiner Tage.
92 
Ach vermöcht ich dieser schönen
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Zeiten Klang und Duft und Farbe
94 
Diesem Liede einzuhauchen:
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Wunderbare Klänge würden's,
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Sehnsuchtsvolle Sangakkorde
97 
Von den Wonnen meiner Jugend,
98 
Von des Lebens Frühlingsschönheit,
99 
Von dem Duft verklungner Tage.
 
100 
Eines Tag's muss ich gedenken:
101 
Schöner leuchtet er vor allen,
102 
Wie im Blumenstrauss die Rose,
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Wie der Mond scheint zwischen Sternen.
104 
Sommer war's - ein Sommersonntag
105 
Rings im glühnden Sonnendufte
106 
Lag die Welt - blassblau verschwommen
107 
Zogen fern die Hügelketten.
108 
Doch im Wald, wo wir selbander
109 
Jenen Felsenweg erstiegen,
110 
Kühl und schattig war's; der Sonne
111 
Lichter flirrten auf den Steinen.
112 
Nebenher, dem Weg entgegen
113 
Kam das Bächlein angesprungen
114 
Neckisch zwischen moos'gen Trümmern
115 
Sich verkriechend; - schelmisch blitzt es
116 
Dann hervor - in hundert Wellchen
117 
Sprudelt's über unsern Pfad hin,
118 
Plätschert lustig dann zur Seite
119 
Gurgelnd in den Felsenritzen.
120 
Farrenkraut grüngolden glänzte,
121 
Helle Wassertropfen tragend
122 
Auf dem zierlichen Gefieder,
123 
Und es standen dort im wirren
124 
Feuchtbemoosten Steingetrümmer
125 
Rothe Himbeer'n süss und duftig.
126 
Sassen dort und pflückten scherzend;
127 
Und ich war beim raschen Pflücken
128 
Froh der lieblichen Berührung
129 
Deiner Hände, wenn im Haschen
130 
Nach den schönsten Früchten Beide
131 
Wir nach einer Beere griffen
132 
Und du drohtest dann so schelmisch
133 
Lächelnd mir mit deinem Finger.
 
134 
Weiter stiegen wir zum Gipfel,
135 
Weiter zu dem Lieblingsplätzchen,
136 
Zu der Lichtung auf der Höhe,
137 
Wo man tief hinab ins stille
138 
Wipfelmeer des Waldthals schaute.
139 
War es doch zum letzten Male,
140 
Und für mich ein Gang zum Abschied;
141 
Denn hinaus in's Leben sollt' ich,
142 
Dort den alten Kampf zu kämpfen.
143 
Und wir sassen nun im Schatten,
144 
Niederschauend auf das Waldthal
145 
Und auf jene fernen dunklen
146 
Waldeshöhen, die in mattem
147 
Blauem Dämmerdufte lagen.
148 
Alles still - kein Blatt im Walde
149 
Regt sich - nur ein fernes Hallen
150 
Schallt zuweilen durch das Waldthal,
151 
Und in uns'rer Füsse Spuren
152 
Leise knisternd steht das Gras auf.
153 
Schwüle schwebt mit schweren Schwingen
154 
Ueber Berg und Thal, wie jene
155 
Weihe, die in weiten Kreisen
156 
Unter weissen Wolken hinschwimmt
157 
Und zuweilen aus der Höhe
158 
Beutegierig schrillend aufschreit.
159 
Beide waren wir verstummet,
160 
Gleich, als drückt' auch uns die Schwüle.
161 
Deinen zarten Fingern folgt' ich,
162 
Wie du zierlich bunte Blumen
163 
Zu des Kranzes Ründung bandest,
164 
Wie du dann in deine Locken
165 
Jenen Blumenreif gewunden.
166 
Schmetterlinge, schmeichlerische
167 
Blumengaukler, schwebten lautlos
168 
Ueber dir und um dich; einer
169 
Senkte sich auf deines Kleides
170 
Spitzenrand, der sich bei'm Athmen
171 
Leise hob und senkte - wähnen
172 
Mocht' er wohl, auf einer Blume
173 
Säss' er - faltet seine Flügel,
174 
Breitet, plättet sie behaglich.
175 
Wie ein Märchen überkommt's mich!
176 
Sassest du nicht dort im lichten
177 
Kleid wie eine Fee des Waldes?
178 
Müsste jetzo nicht das weisse
179 
Rehlein mit der gold'nen Krone
180 
Aus dem Walde zierlich treten
181 
Und zu seiner Königin hinknien?
182 
Müsste nicht die wilde Weihe
183 
Hast'gen Flug's sich niedersenken,
184 
Friedlich ihren Kopf zu legen
185 
In den Schooss dir, ihrer Herrin?
186 
Müssten nicht der kleinen Vögel
187 
Bunte Schaaren dich umfiattern,
188 
Singen, wie du winkest, oder
189 
Schweigen, deinem Wink gehorsam?
190 
Doch du lachtest mir in's Antlitz:
191 
"Ei was siehst du so verwundert,
192 
"Schaust mich an mit grossen Augen?
193 
"Aber horch! - es donnert! - Hörst du?"
194 
Und es klang wie ein Gemurmel
195 
Ferner dumpfer Riesenstimmen
196 
In den Bergen leise grollend.
197 
Langsam stieg das schwere, dunkle,
198 
Drohende Gewölk am Himmel,
199 
Und zuweilen - wie ein Athmen
200 
Aus beklommner Brust - ein Windhauch
201 
Wogte durch die Waldesmassen.
202 
Ferne waren wir der Wohnung;
203 
Doch im Wald am Felsenvorsprung,
204 
Wo man in das enge Thal schaut,
205 
Drin das Dörfchen friedlich ruhet,
206 
Bot ein grauer, trümmerhafter,
207 
Alter Wartthurm uns ein Obdach.
208 
Dorthin eilten wir geschwinde
209 
Zwischen mächt'gem Felsgetrümmer,
210 
Unter dunklen, riesenhaften,
211 
Alten Fichten, die des Berges
212 
Scheitel kränzen. Mächt'ge Stämme
213 
Hatte einst der Sturm entwurzelt;
214 
Diese hatten niederkrachend
215 
Schwächre mit sich umgerissen;
216 
Lagen dort und streckten mächt'gen
217 
Krallen gleich die Wurzeln aufwärts.
218 
Manche trugen fest umklammert
219 
Felsenblöcke, wie im Krampfe
220 
Angepackt um nicht zu stürzen,
221 
Durch der Stämme wildes Wirrsal,
222 
Durch das rauhe Felsgeklüfte
223 
Eilten wir. Ich führend, stützend,
224 
Half dir hier den Fels erklimmen,
225 
Fing dich hier mit meinen Armen
226 
Horch! da geht ein mächtig Rauschen
227 
Weitersausend durch die Zweige,
228 
Und gewaltig rollt der Donner
229 
Wiederhallend in den Gründen.
230 
Doch es leuchtet schon der Himmel
231 
Durch der grauen Stämme Ragen,
232 
Und als schwer die ersten Tropfen
233 
Einzeln aus den dunklen Wolken
234 
Niederfielen, waren dort wir,
235 
Wo der Felsenthurm emporragt,
236 
Aus der hohen Fensteröffnung
237 
War ein Strauch hervorgewachsen;
238 
Den erfassend stiegen beide
239 
Wir empor, denn ganz verschüttet
240 
Und verwachsen war der Eingang.
241 
Sassen dann im Fensterbogen,
242 
Schauten freudig athmend nieder
243 
Auf das Thal zu unsren Füssen,
244 
Auf das freundlich stille Dörfchen,
245 
Das im Regenschleier dalag.
246 
Mächtig brauste nun der Sturmwind,
247 
Niederprasselte der Regen,
248 
Zuckt der Feuerblick des Blitzes,
249 
Und des Donners urgewalt'ge
250 
Riesenstimme rollte dröhnend,
251 
Krachend, über unser Haupt bin.
252 
Doch wir sassen friedlich sicher,
253 
Und du schautest mir in's Auge
254 
Still und ruhig, da ich fragte:
255 
"Hast du Furcht auch?" Warst nicht furchtsam.
256 
Aber näher rückt der Wolken
257 
Feuerkampf, und Blitz auf Blitzen
258 
Fährt im Zickzack hin und wieder.
259 
Scharfes Krachen - dumpfes Rollen!
260 
Blitz und Schlag in kurzem Zeitraum!
261 
Doch du sahest still, die Hände
262 
Friedlich auf dem Schooss gefaltet,
263 
In den grausen Kampf der Wolken.
264 
Da - wie eine blendend helle
265 
Weisse Feuerkugel - plötzlich
266 
Blitz und Krach - in einen mächt'gen
267 
Alten Fichtenbaum am Abhang
268 
Stürzt es schmetternd vor uns nieder!
269 
Bebend zucktest du zusammen,
270 
Drängtest dich an meine Seite,
271 
Dass ich schnell den Arm um deine
272 
Schlanke zitternde ,Gestalt schlang,
273 
Dass dein Köpfchen still an meine
274 
Brust sank, dass die blonden Locken
275 
Ueber meine Schultern fielen.
 
276 
Doch die Wuth der Elemente
277 
Schien erschöpft nun. Schwächre Schläge
278 
Hallten wieder in den Gründen,
279 
Bis es endlich fast verstummte,
280 
Und es klang wie ein Gemurmel
281 
Ferner dumpfer Riesenstimmen
282 
In den Bergen leise grollend.
283 
Leiser strömte nun der Regen,
284 
Heller wurde es im Westen
285 
Vor uns, bis die gold'ne Sonne
286 
Siegreich vortrat aus den Wolken,
287 
Durch den Regen, der vertropfte,
288 
Sendend ihre Friedensstrahlen.
289 
Und du hobst den Kopf, der immer
290 
Noch an meinem Busen ruhte,
291 
Schautest freundlich mir in's Auge,
292 
Dass mein Herz vor Liebe bebte.
293 
Und ich beugte mich hernieder
294 
Leise küssend deine Lippen.
295 
Doch du schautest fast verwundert,
296 
Sprachst kein Wort und wurdest roth nur,
 
297 
Löstest dich aus meinen Armen,
298 
Rücktest weiter, schautest sinnend
299 
Stille in das Thal hernieder.
300 
Und ich wagte nicht zu sprechen,
301 
Wagte nicht dich anzurühren
302 
Schüchtern ist die junge Liebe.
 
303 
Alles war nun still geworden.
304 
Nur zuweilen von den Zweigen
305 
Tropft es langsam, und im Thale
306 
Rauscht der Bach, vom starken Regen
307 
Angeschwollen, durch die Stille.
308 
Schweigend stiegen wir hernieder,
309 
Waren viel zu voll die Herzen.
310 
Doch der Weg war nun ein Bette
311 
Brausend stürzender Gewässer,
312 
Und wir mussten an dem Abhang
313 
Niederklettern in den Thalgrund.
314 
Und mit sel'gem Beben fühlt' ich
315 
Jenen sanften Druck der Hände,
316 
Wenn von Felsen ich zu Felsen
317 
Dich beim Abwärtssteigen stützte.
318 
Schweigend stiegen wir hernieder,
319 
Waren viel zu voll die Herzen.
 
320 
Scheiden, deine grimmen Qualen
321 
Gab der andre Tag zu kosten.
322 
Leeren musst' ich jenen schmerzlich
323 
Bittren Becher bjs zum Grunde.
324 
Meines Vaters stumm verhaltner
325 
Gram, der lieben Mutter Thränen
326 
Ach es war der erste herbe
327 
Grosse Schmerz der jungen Seele.
328 
Thränen sah ich auch in deinen
329 
Schönen Augen, und als Beide
330 
Wir einmal allein im Zimmer,
331 
Standest du mit einmal vor mir,
332 
Botest mit geschlossnen Augen
333 
Flüchtig mir den Mund zum Kusse,
334 
Eiltest schnell dann aus dem Zimmer,
335 
Dich verbergend bis zur Abfahrt.
336 
Und hinaus in's bunte Leben
337 
Rollt' ich - Abschied war's für immer.
 
338 
Niemals sah ich je dich wieder,
339 
Niemals lachte mir dein Auge,
340 
Niemals hört' ich deine sanfte
341 
Liebevolle Stimme wieder.
342 
Ferne war ich lange Jahre,
343 
Dein gedenkend voller Liebe
344 
Dein gedenkend voller Sehnsucht.
345 
Doch du warst ein fröhlich junges
346 
Kind von leichtbewegtem Herzen,
347 
Und es war wohl nimmer Liebe,
348 
Da du mich so bald vergessen,
349 
Jenem Manne zu gehören,
350 
Der um deine Hand geworben,
351 
Der mit dir ist fortgezogen.
 
352 
Heimlich ist's im trauten Zimmer
353 
Bei der Lampe sanftem Scheine,
354 
Wenn da draussen Wintersturm tobt.
355 
Horchend - auf sein wildes Brausen,
356 
Auf das Heulen im Kamine,
357 
Auf den Regen, der an's Glas schlägt,
358 
Auf sein Rauschen und sein klingend
359 
Tropfen in der Wasserrinne,
360 
Drück ich tiefer mich behaglich
361 
In den sichren, wohlvertrauten,
362 
Altersbraunen Lehnstuhl. - Träumend
363 
Blaue Wölkchen von mir blasend,
364 
Denk' ich gern dann hellen Frühlings,
365 
Denk' ich gern des lichten Sommers,
366 
Denk' ich gern der längst entschwundnen
367 
Sonnbeglänzten Jugendzeiten.
368 
Wie ein Hauch aus wunderschönen
369 
Unerreichbar fernen Gärten
370 
Weht's mich an - ein märchenhafter
371 
Duft verlornen Paradieses.

Details zum Gedicht „Aus sonnigen Tagen (1869)“

Anzahl Strophen
14
Anzahl Verse
371
Anzahl Wörter
1813
Entstehungsjahr
1842 - 1906
Epoche
Realismus,
Naturalismus,
Moderne

Gedicht-Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Aus sonnigen Tagen (1869)“ des Autors Heinrich Seidel. Der Autor Heinrich Seidel wurde 1842 in Perlin (Mecklenburg-Schwerin) geboren. Zwischen den Jahren 1858 und 1906 ist das Gedicht entstanden. Eine Zuordnung des Gedichtes zu den Epochen Realismus, Naturalismus oder Moderne kann auf Grund der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. der Lebensdaten des Autors vorgenommen werden. Bitte überprüfe unbedingt die Richtigkeit der Angaben zur Epoche bei Verwendung. Die Zuordnung der Epochen ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen. Das vorliegende Gedicht umfasst 1813 Wörter. Es baut sich aus 14 Strophen auf und besteht aus 371 Versen. Die Gedichte „Die Musik der armen Leute“, „Der Zug des Todes“ und „Der Tod Moltkes“ sind weitere Werke des Autors Heinrich Seidel. Zum Autor des Gedichtes „Aus sonnigen Tagen (1869)“ haben wir auf abi-pur.de weitere 216 Gedichte veröffentlicht.

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