Winterfliegen von Heinrich Seidel

Beleuchtet von des Mondes kaltem Strahl
Liegt starr die weisse Welt im Winterfrost.
Wohl ihm, dem heut' ein Freund zur Seite steht
Gleich mir, ein Freund, der eine Klafter Holz
Behaglich bullernd aufgezehrt tagüber,
Und nun in sich befriedigt freundlich ausstrahlt
Den eignen Ueberschuss. Gesegnet sei
Mein alter Ofen, du mein Winterfreund!
Dem, welcher draussen klingt und knirscht, zum Trotz
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Behaglich Dasein schaffst nur du! - und nimmer
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Trägst du es nach, dass in der Sommerszeit
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Verachtet du in deiner Ecke stehst.
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Dann denkst du still: "Schon kommen wird die Zeit
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Da ihr an meine grünglasirten Kacheln,
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Anbetend fast voll Dank die Hände legt.
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Behaglich summt der Kessel mir zur Seite
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Umspielt von bläulich flammendem Geflacker
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Sonst alles still; - nur dass zuweilen drauss'
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Ein Schritt vorüberknirscht in frost'ger Hast
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Und einsam, schneegedämpft ein Wagen rollt
 
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Ein Märchen les' ich gern in solcher Zeit
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Den alten Hoffmann hab' ich aufgeschlagen:
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"Der gold'ne Topf", "die Königsbraut" und auch
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Des "kleinen Zaches" putzige Geschichte,
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Das liest sich gut in solcher Winternacht.
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So lieg' ich nun gemächlich hingestreckt
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Zuweilen schlürfend goldigklaren Trank
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Aus Chinas Flur, dem aus krystallner Flasche
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Zu Ehren Hoffmann's - beigefügt ein Schlückchen
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Des Feuersaftes aus Jamaika.
 
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Wie ich so lese, summt es durch die Luft
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Mit feinem Flügel, summt und lässt sich nieder
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Auf meines Buches Rand. Sieh', eine Fliege!
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Sie streicht die Beinchen sich und putzt die Flügel
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Und krault sich flink den dickgeaugten Kopf
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Spaziert dann weiter aufs Papier. Ich höre
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Das Rascheln ihrer Beinchen in der Stille.
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Gewiss, ihr scheint das Blatt wie eine Wiese
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Mit schwarzem, krausem Gras. Aufsummend nun
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Zur Tasse fliegt sie hin. Ein Tropfen blieb
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Am Rand. Den stumpfen Rüssel senkt sie vor
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Und saugt ihn auf, behutsam und behaglich.
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Welch' winzig Dasein gegen meins, und doch
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Noch auserlesener als meins - fürwahr,
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Denn wen'ge sind, die durch den Winter kommen
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Durch Gunst des Glücks und eine warme Stube.
 
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Was summst du kleine Fliege für ein Lied
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In meiner Einsamkeit? Dein zarter Flügel
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Er trägt mich fort zu jener fernen Zeit,
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Da noch das junge unbewusste Herz
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Voll guten festen Kinderglaubens war,
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Die ungekannte Welt im ahnungsreichen,
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In' seligblauen Hoffnungsdämmer lag.
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Ach ihr, der Kindheit unschuldsvolle Träume,
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Wo seid ihr hin? Wo bist du süsse Thorheit,
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Die einst den Jüngling frohgemuth umsummte?
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Ihr starbt dahin im Sturm der kalten Welt,
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Älltäglichkeit hat euch zu Tod' geregnet
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Und mit der Fliegenklatsche jäh erschlug
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Der blankpolirte Herr euch, der Verstand!
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Ja, wen'ge sind's, die durch den Winter kommen
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Durch Gunst des Glücks und durch ein warmes Herz.
 
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Ach, denk' ich d'ran, es war doch schöne Zeit,
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Und wie ein selig Zaubereiland liegt sie
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Fern - hinter mir - in blauen Duft gebreitet
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Und ist dahin und kehret niemals wieder!
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (29.8 KB)

Details zum Gedicht „Winterfliegen“

Anzahl Strophen
5
Anzahl Verse
66
Anzahl Wörter
455
Entstehungsjahr
1842 - 1906
Epoche
Realismus,
Naturalismus,
Moderne

Gedicht-Analyse

Das Gedicht „Winterfliegen“ stammt aus der Feder des Autors bzw. Lyrikers Heinrich Seidel. Geboren wurde Seidel im Jahr 1842 in Perlin (Mecklenburg-Schwerin). Das Gedicht ist in der Zeit von 1858 bis 1906 entstanden. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her kann der Text den Epochen Realismus, Naturalismus oder Moderne zugeordnet werden. Die Zuordnung der Epochen ist ausschließlich auf zeitlicher Basis geschehen. Bitte überprüfe unbedingt die Richtigkeit der Angaben bei Verwendung. Das Gedicht besteht aus 66 Versen mit insgesamt 5 Strophen und umfasst dabei 455 Worte. Weitere Werke des Dichters Heinrich Seidel sind „Der Tod Moltkes“, „Wälder im Walde“ und „Die Schwalbe“. Auf abi-pur.de liegen zum Autor des Gedichtes „Winterfliegen“ weitere 216 Gedichte vor.

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