Aus einer Sturmnacht von Rainer Maria Rilke

Die Nacht, vom wachsenden Sturme bewegt,
wie wird sie auf einmal weit –,
als bliebe sie sonst zusammengelegt
in die kleinlichen Falten der Zeit.
Wo die Sterne ihr wehren, dort endet sie nicht
und beginnt nicht mitten im Wald
und nicht an meinem Angesicht
und nicht mit deiner Gestalt.
Die Lampen stammeln und wissen nicht:
10 
lügen wir Licht?
11 
Ist die Nacht die einzige Wirklichkeit
12 
seit Jahrtausenden …
 
13 
I
 
14 
In solchen Nächten kannst du in den Gassen
15 
Zukünftigen begegnen, schmalen blassen
16 
Gesichtern die dich nicht erkennen
17 
und dich schweigend vorüberlassen.
18 
Aber wenn sie zu reden begännen,
19 
wärst du ein Langevergangener
20 
wie du da stehst,
21 
langeverwest.
22 
Doch sie bleiben im Schweigen wie Tote,
23 
obwohl sie die Kommenden sind.
24 
Zukunft beginnt noch nicht.
25 
Sie halten nur ihr Gesicht in die Zeit
26 
und können, wie unter Wasser, nicht schauen;
27 
und ertragen sie’s doch eine Weile,
28 
sehn sie wie unter den Wellen: die Eile
29 
von Fischen und das Tauchen von Tauen.
 
30 
II
 
31 
In solchen Nächten gehn die Gefängnisse auf.
32 
Und durch die bösen Träume der Wächter
33 
gehn mit leisem Gelächter
34 
die Verächter ihrer Gewalt.
35 
Wald! Sie kommen zu dir, um in dir zu schlafen,
36 
mit ihren langen Strafen behangen.
37 
Wald!
 
38 
III
 
39 
In solchen Nächten ist auf einmal Feuer
40 
in einer Oper. Wie ein Ungeheuer
41 
beginnt der Riesenraum mit seinen Rängen
42 
Tausende, die sich in ihm drängen,
43 
zu kauen.
44 
Männer und Frauen
45 
staun sich in den Gängen,
46 
und wie sich alle aneinander hängen,
47 
bricht das Gemäuer, und es reißt sie mit.
48 
Und niemand weiß mehr wer ganz unten litt;
49 
während ihm einer schon das Herz zertritt,
50 
sind seine Ohren noch ganz voll von Klängen,
51 
die dazu hingehn …
 
52 
IV
 
53 
In solchen Nächten, wie vor vielen Tagen,
54 
fangen die Herzen in den Sarkophagen
55 
vergangner Fürsten wieder an zu gehn:
56 
und so gewaltig drängt ihr Wiederschlagen
57 
gegen die Kapseln, welche widerstehn,
58 
daß sie die goldnen Schalen weitertragen
59 
durch Dunkel und Damaste, die zerfallen.
60 
Schwarz schwankt der Dom mit allen seinen Hallen.
61 
Die Glocken, die sich in die Thürme krallen,
62 
hängen wie Vögel, bebend stehn die Thüren,
63 
und an den Trägern zittert jedes Glied:
64 
Als trügen seinen gründenden Granit
65 
blinde Schildkröten, die sich rühren.
 
66 
V
 
67 
In solchen Nächten wissen die Unheilbaren:
68 
wir waren …
69 
Und sie denken unter den Kranken
70 
einen einfachen guten Gedanken
71 
weiter, dort, wo er abbrach.
72 
Doch von den Söhnen, die sie gelassen,
73 
geht der jüngste vielleicht in den einsamsten Gassen;
74 
denn gerade diese Nächte
75 
sind ihm als ob er zum ersten Mal dächte:
76 
Lange lag es über ihm bleiern,
77 
aber jetzt wird sich alles entschleiern –,
78 
und, daß er das feiern wird,
79 
fühlt er …
 
80 
VI
 
81 
In solchen Nächten sind alle die Städte gleich,
82 
alle beflaggt.
83 
Und an den Fahnen vom Sturm gepackt
84 
und wie an Haaren hinausgerissen
85 
in irgend ein Land mit ungewissen
86 
Umrissen und Flüssen.
87 
In allen Gärten ist dann ein Teich,
88 
an jedem Teiche dasselbe Haus,
89 
in jedem Hause dasselbe Licht;
90 
und alle Menschen sehn ähnlich aus
91 
und halten die Hände vorm Gesicht.
 
92 
VII
 
93 
In solchen Nächten werden die Sterbenden klar,
94 
greifen sich leise ins wachsende Haar,
95 
dessen Halme aus ihres Schädels Schwäche
96 
in diesen langen Tagen treiben,
97 
als wollten sie über der Oberfläche
98 
des Todes bleiben.
99 
Ihre Gebärde geht durch das Haus
100 
als wenn überall Spiegel hingen;
101 
und sie geben – mit diesem Graben
102 
in ihren Haaren – Kräfte aus,
103 
die sie in Jahren gesammelt haben,
104 
welche vergingen.
 
105 
VIII
 
106 
In solchen Nächten wächst mein Schwesterlein,
107 
das vor mir war und vor mir starb, ganz klein.
108 
Viel solche Nächte waren schon seither:
109 
Sie muß schon schön sein. Bald wird irgendwer
110 
sie frein.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (33.2 KB)

Details zum Gedicht „Aus einer Sturmnacht“

Anzahl Strophen
17
Anzahl Verse
110
Anzahl Wörter
583
Entstehungsjahr
1906
Epoche
Moderne

Gedicht-Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Aus einer Sturmnacht“ des Autors Rainer Maria Rilke. Rilke wurde im Jahr 1875 in Prag geboren. Das Gedicht ist im Jahr 1906 entstanden. Erschienen ist der Text in Berlin / Leipzig, Stuttgart. Das Gedicht lässt sich an Hand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her der Epoche Moderne zuordnen. Der Schriftsteller Rilke ist ein typischer Vertreter der genannten Epoche. Das Gedicht besteht aus 110 Versen mit insgesamt 17 Strophen und umfasst dabei 583 Worte. Rainer Maria Rilke ist auch der Autor für Gedichte wie „Allerseelen“, „Als ich die Universität bezog“ und „Am Kirchhof zu Königsaal“. Zum Autor des Gedichtes „Aus einer Sturmnacht“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 337 Gedichte vor.

Daten werden aufbereitet

+ Wie analysiere ich ein Gedicht?

Fertige Biographien und Interpretationen, Analysen oder Zusammenfassungen zu Werken des Autors Rainer Maria Rilke

Wir haben in unserem Hausaufgaben- und Referate-Archiv weitere Informationen zu Rainer Maria Rilke und seinem Gedicht „Aus einer Sturmnacht“ zusammengestellt. Diese Dokumente könnten Dich interessieren.

Weitere Gedichte des Autors Rainer Maria Rilke (Infos zum Autor)

Zum Autor Rainer Maria Rilke sind auf abi-pur.de 337 Dokumente veröffentlicht. Alle Gedichte finden sich auf der Übersichtsseite des Autors.