Aus der Gefängniszeit 1850-1856 von Louise Otto-Peters

Ein Fenster hinter blendenden Gardinen,
Das hoch und groß den Blick hinein verstattet;
Vom hellen Sonnenglanze ist’s beschienen,
Der an den blanken Scheiben nicht ermattet.
 
Umzogen ist’s von grünen Epheuranken,
Lorber und Myrte miteinander streiten,
Jasmin und Rosen wollen blühend danken
Für treue Pflege selbst in Winterszeiten.
 
Ein Vöglein singt aus offenem Gebauer
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Und holt sich Zucker von der Jungfrau Lippen,
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Die an dem Fenster näht, wie leiser Schauer
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Durchrieselt sie’s bei ihres Vögleins Nippen.
 
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„Gefangen Du, wie Er“, so spricht sie leise,
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„Doch hast Du nie gekannt ein freies Leben
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Und singst es täglich mir in froher Weise,
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Daß ich Dir all, was Du begehrst, gegeben!“
 
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Und zu den Blumen ihre Blicke irrten:
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„Der Lorber wächst – ihn hat er längst erworben
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Und Trieb und Blüten sprießen an den Myrten
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Kein einzig Rosenknöspchen ist verdorben! –
 
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„O dürft ich diesen holden Zeichen trauen!
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Dürft ich die Blumen an sein Gitter senden –
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Wann wird er endlich Lenz und Blüten schauen?
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Wann darf die Trennung, wann sein Kerker enden?“
 
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Ein Seufzer, eine Thräne – dann aufs neue
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Greift sie zur Arbeit, die sie ihn bereitet –
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Singt dazu leis ein Lied von Lieb’ und Treue,
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Von Gottes Hand, die ihn wie sie geleitet. –
 
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II.
 
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Ein Fenster hinter dichten Eisenstäben,
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Das klein und schmal kaum einen Blick verstattet
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Das nur ein wenig aufwärts zu erheben,
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Geringelt Glas, darin das Licht ermattet.
 
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Ein enger Raum wie eine Klosterzelle,
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Der Wände Grau, die Farbe der Bedrängnis.
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Verscheucht schon früh des kurzen Tages Helle,
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Verdunkelt noch das einsame Gefängnis.
 
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Ein bleicher Mann, versunken in Gedanken,
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Lehnt an dem Fenster sucht des Himmels Bläue,
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Denn auch in seines Kerkers enge Schranken
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Schaut noch dies Blau! – die Farbe ewger Treue!
 
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Und seines Mädchens, seiner Trauten Farbe!
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Er denkt an sie, die ihm die einzig Eine,
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Und wie er leide, wie er duld und darbe,
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Er fühlt sich reich, denn sie bleibt doch die Seine!
 
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Sie denkt wie er, sie weiß warum er leidet –
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Vor einer Welt hat stolz sie’s ausgesprochen:
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Wer für den Glauben seiner Seele streitet
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Hat nichts vor Gott, noch vor sich selbst verbrochen.
 
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Ein Brieflein hält er zwischen seinen Händen,
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Denn nicht verbannt ist solches Liebeszeichen,
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Sie dürfen sich einander Grüße senden,
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Wenn strenge Fristen auch dazwischen streichen.
 
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Was kann sie andres ihm als Liebe schreiben,
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Der keinen Trost bedarf um nicht zu wanken?
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Sie meldet ihm, daß Myrt, und Lorber treiben
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Und frisches Grün der Hoffnung Epheuranken!
 
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Ein Seufzer, dann ein Lächeln – und aufs neue
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Küßt er den Brief, der Wonne ihn bereitet,
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Singt dazu leis’ ein Lied von Lieb und Treue,
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Von Gottes Hand, die sie, wie ihn geleitet.

Details zum Gedicht „Aus der Gefängniszeit 1850-1856“

Anzahl Strophen
16
Anzahl Verse
61
Anzahl Wörter
437
Entstehungsjahr
1850-1860
Epoche
Realismus

Gedicht-Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Aus der Gefängniszeit 1850-1856“ der Autorin Louise Otto-Peters. Die Autorin Louise Otto-Peters wurde 1819 in Meißen geboren. Entstanden ist das Gedicht im Jahr 1860. Erscheinungsort des Textes ist Leipzig. Das Gedicht lässt sich an Hand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten der Autorin her der Epoche Realismus zuordnen. Bei Verwendung der Angaben zur Epoche, prüfe bitte die Richtigkeit der Zurodnung. Die Auswahl der Epoche ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen und muss daher nicht unbedingt richtig sein. Das Gedicht besteht aus 61 Versen mit insgesamt 16 Strophen und umfasst dabei 437 Worte. Die Dichterin Louise Otto-Peters ist auch die Autorin für Gedichte wie „An Ludwig Börne“, „An Richard Wagner“ und „Auf dem Kynast“. Auf abi-pur.de liegen zur Autorin des Gedichtes „Aus der Gefängniszeit 1850-1856“ weitere 106 Gedichte vor.

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