Zwei Erschlagene von Kurt Tucholsky

Märtyrer …? Nein.
Aber Pöbelsbeute.
Sie wagtens. Wie selten ist das heute.
Sie packten zu, und sie setzten sich ein:
sie wollten nicht nur Theoretiker sein.
 
Er: ein Wirrkopf von mittleren Maßen,
er suchte das Menschenheil in den Straßen.
Armer Kerl: es liegt nicht da.
Er tat das Seine, wie er es sah.
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Er wollte die Unterdrückten heben,
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er wollte für sie ein menschliches Leben.
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Sie haben den Idealisten betrogen,
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den Meergott verschlangen die eigenen Wogen.
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Sie knackten die Kassen, der Aufruhr tollt –
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Armer Kerl, hast du das gewollt?
 
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Sie: der Mann von den zwei beiden.
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Ein Leben voll Hatz und Gefängnisleiden.
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Hohn und Spott und schwarz-weiße Schikane
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und dennoch treu der Fahne, der Fahne!
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Und immer wieder: Haft und Gefängnis
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und Spitzeljagd und Landratsbedrängnis.
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Und immer wieder: Gefängnis und Haft –
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Sie hatte die stärkste Manneskraft.
 
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Die Parze des Rinnsteins zerschnitt die Fäden.
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Da liegen die beiden am Hotel Eden.
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Bestellte Arbeit? Die Bourgeoisie?
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So tatkräftig war die gute doch nie …
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Wehrlos wurden zwei Menschen erschlagen.
 
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Und es kreischen Geier die Totenklagen:
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Gott sei Dank! Vorbei ist die Not!
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„Man schlug“, schreibt einer, „die Galizierin tot.“
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Wir atmen auf! Hurra Bourgeoisie!
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Jetzt spiele dein Spielchen ohne die!
 
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Nicht ohne! Man kann die Körper zerschneiden.
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Aber das eine bleibt von den beiden:
 
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Wie man sich selber die Treue hält,
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wie man gegen eine feindliche Welt
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mit reinem Schilde streiten kann,
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das vergißt den Beiden kein ehrlicher Mann!
 
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Wir sind, weiß Gott, keine Spartakiden.
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Ehre zwei Kämpfern!
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Sie ruhen in Frieden!
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (27 KB)

Details zum Gedicht „Zwei Erschlagene“

Anzahl Strophen
8
Anzahl Verse
42
Anzahl Wörter
248
Entstehungsjahr
1919
Epoche
Literatur der Weimarer Republik / Neue Sachlichkeit,
Exilliteratur

Gedicht-Analyse

Kurt Tucholsky ist der Autor des Gedichtes „Zwei Erschlagene“. Geboren wurde Tucholsky im Jahr 1890 in Berlin. Entstanden ist das Gedicht im Jahr 1919. Erscheinungsort des Textes ist Charlottenburg. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her kann der Text den Epochen Literatur der Weimarer Republik / Neue Sachlichkeit oder Exilliteratur zugeordnet werden. Tucholsky ist ein typischer Vertreter der genannten Epochen.

Die wichtigsten geschichtlichen Einflüsse auf die Literatur der Weimarer Republik waren der Erste Weltkrieg, der von 1914 bis 1918 andauerte, und die daraufhin folgende Entstehung und der Fall der Weimarer Republik. Neue Sachlichkeit ist eine Richtung der Literatur der Weimarer Republik. In den Werken dieser Zeit ist die zwischen den Weltkriegen hervortretende Tendenz zu illusionslos-nüchterner Darstellung von Gesellschaft, Technik, Weltwirtschaftskrise aber auch Erotik deutlich erkennbar. Es ist als Reaktion auf den literarischen Expressionismus zu werten. Die Handlung wurde meist nur kühl und distanziert beobachtet. Die Dichter orientierten sich dabei an der Realität. Mit einem Minimum an Sprache wollte man ein Maximum an Bedeutung erreichen. Mit den Texten sollten so viele Menschen wie möglich erreicht werden. Deshalb wurde darauf geachtet eine einfache sowie nüchterne Alltagssprache zu verwenden. Viele Schriftsteller litten unter der Zensur in der Weimarer Republik. Im Jahr 1922 wurde nach einem Attentat auf den Reichsaußenminister das Republikschutzgesetz erlassen, das die zunächst verfassungsmäßig garantierte Freiheit von Wort und Schrift in der Weimarer Republik deutlich einschränkte. Dieses Gesetz wurde in der Praxis nur gegen linke Autoren angewandt, nicht aber gegen rechte, die zum Beispiel in ihren Werken offen Gewalt verherrlichten. Das 1926 erlassene Schund- und Schmutzgesetz setze den Schriftstellern dieser Zeit noch mal verstärkt Grenzen. 1931 trat die Pressenotverordnung in Kraft, dadurch waren die Beschlagnahmung von Schriften und das Verbot von Zeitungen über mehrere Monate hinweg möglich geworden.

Zur Zeit des Nationalsozialismus mussten viele Schriftsteller ins Ausland fliehen. Dort entstand die sogenannte Exilliteratur. Ausgangspunkt der Exilbewegung ist der Tag der Bücherverbrennung am 30. Mai 1933 im nationalsozialistischen Deutschland. Alle nicht-arischen Werke wurden verboten und symbolträchtig verbrannt. In Folge dessen flohen viele Schriftsteller aus Deutschland. Die Exilliteratur bildet eine eigene Literaturepoche in der deutschen Literaturgeschichte. Sie schließt an die Neue Sachlichkeit der Weimarer Republik an. Die Exilliteratur lässt sich insbesondere an den thematischen Schwerpunkten wie Sehnsucht nach der Heimat, Widerstand gegen Nazi-Deutschland oder Aufklärung über den Nationalsozialismus erkennen. Spezielle formale Merkmale weist die Exilliteratur nicht auf. Allerdings gab es einige neue Gattungen, die in dieser Literaturepoche geboren wurden. Das epische Theater von Brecht oder auch die historischen Romane waren neue literarische Textsorten. Aber auch Flugblätter und Radioreden der Widerstandsbewegung sind hierbei als neue Textsorten erwähnenswert. Oftmals wurden die Texte auch getarnt, so dass sie trotz Zensur nach Deutschland gebracht werden konnten. Dies waren dann die sogenannten Tarnschriften.

Das 248 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 42 Versen mit insgesamt 8 Strophen. Weitere Werke des Dichters Kurt Tucholsky sind „An das Publikum“, „An die Meinige“ und „An einen garnisondienstfähigen Dichter“. Zum Autor des Gedichtes „Zwei Erschlagene“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 136 Gedichte vor.

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