Zuruf an Griechenland von Amalie von Helvig

Du schönes Land, durch das die Göttersagen
Gleich klaren Strömen freudig wallend ziehn! –
Des Himmel tiefre Bläue deinen Tagen
Und schönre Sterne deiner Nacht verliehn.
Wo Zeus gepflegt ward, Majas Sohn geboren,
Aus dem Alcid sich zum Olympos schwang,
Indes von Phöbos zum Asyl erkoren,
Ein Hirt der Gott in deinen Thälern sang.
 
Gefild, das Plato zeugte, Solon nährte,
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Wo, schön verspritzt, Epaminondas Blut
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Getränkt den Schooss der freien Muttererde,
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An dem, verblutend stolz, der Sohn noch ruht.
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Ihr Haine draus bedeutsam, reich verschieden,
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Für jedes Fest erschwillt der Blätter Glanz:
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Dem Siege Lorbeer, Pallas Zweig dem Frieden,
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Am schönsten doch der Liebe Myrthenkranz.
 
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Dich liebt ich schon, als mit dem Schmuck der Wiese
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Bekränzt ich hüpft’ in der Gespielen Reih’n;
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Und meiner Kindheit Blumen-Paradiese
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Verwebten sich mit deinem Lorbeerhain.
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Ja der Begeist’rung erster Traum entrückte
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Mich fern auf deiner Sänger hehre Spur;
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Die zarte Jungfrau, scheu, doch selig pflückte
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Im Frühroth ich ein Blatt auf Lesbos Flur.
 
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Und jedes Eiland draus mit Lenzes Wehen
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Der Balsamduft von Blüthenwäldern haucht –
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Die Küste, die vor heller Segel Blähen
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Im goldnen Duft aus Purpurfluthen taucht:
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Sie kannt’ ich all’ – ein sinnvoll Märchen drückten
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Gereiht die Sagen sich in Bild und Spiel;
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Wo Götter liebend Sterbliche beglückten,
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Ein Held gesiegt – und wo er schöner fiel.
 
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Dort rief’s zu lang umsonst mit tausend Stimmen:
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Auch Hellas Söhn’ aus dumpfem Schlummer wach.
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Erstickt versank des kühnern Funkens Glimmen
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Matt in gewohnter Knechtschaft Ungemach,
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Bis dieser Zeit allmächtige Bewegung
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Von Meer zu Meer den fernsten Strand erreicht,
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Und Wunsch der Freiheit, in erneuter Regung
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Ein schimpflich Joch verhasster noch gezeigt. –
 
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Und kaum als Griechen fühlt ihr eure Rechte,
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Ersteht mit euch die alte Tugend schon –
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Ihr seyd nicht mehr des Moslems feige Knechte,
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Die vor des Drängers Geissel zagend floh’n.
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Nein! – auf erhabnen Trümmern, hoch zum Streite,
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Im Angesicht der aufgeregten Welt,
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Gross kämpft ein Volk, dem mahnend sich zur Seite
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Der Heldenschatten ernste Schaar gestellt.
 
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Sie schwebt herab von jenen Termopylen,
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Ein hehrer Traum vom alten Vaterland,
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Dort von Platâa, wo sie siegend fielen
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In wildem Schmuck von des Eurotas Strand,
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Und eh’ sich die Geschicke noch erhellen,
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Wie vormals dräuend mit Barbarenwuth,
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Schwebt Griechenland von neuem auf den Wellen,
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Lässt Haus und Flur um höh’rer Freiheit Gut.
 
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Horch! wie’s durch Pelions erhabne Wipfel
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Mit stolzer Lust in allen Zweigen rauscht! –
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Ein freud’ger Geist umweht Parnassos Gipfel,
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Indess das Thal auf Siegestöne lauscht.
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Zu ihres Tempels lang entweihten Hallen
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Herab schwebt Pallas schützend wie zuvor –
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Und trägt, die für der Laren Schutz gefallen,
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Auf goldnen Wolken zum Olymp empor.
 
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Das Recht ist euer! – Ringet muth’ge Streiter! –
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Wie ungleich auch der Kampf euch auferlegt,
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Macht jeder Schritt die Siegesbahn euch breiter,
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Denn Kraft verleiht der Boden, der euch trägt.
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Entzünd’ Tyrtäus neu durch deine Lieder
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Den Flammenmuth von Spartas edlem Sohn!
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Gieb’, Skyros dem Achill jen Troja wieder! –
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Fiel, wie in Aulis, doch manch’ Opfer schon.
 
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Doch wie? – Ihr schaut mit flehender Geberde
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Zum kahlen Nord nach fernem Beistand aus? –
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Bedenkt’s – Ihr seyd die Könige der Erde –
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Entsühnt ihr das befleckte Vaterhaus.
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Nicht Hülfe sucht, wo in erschlafften Reichen
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Des Willens Kraft zerfloss in Form und Schall, –
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Blieb ungerächt – O Frevel sonder Gleichen! –
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Sonst eurer Kirch’ und ihrer Diener Fall? –
 
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Nein, jener reine Muth, längst ging er unter,
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Der zu bedrängter Brüder Rettung fliegt. –
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Die matte Welt – sie schläft und träumet Wunder
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Von thatlos frommem Dünkel eingewiegt.
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Die kühne Wallung, schon ist sie verschwunden,
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Die, reinenden Gewittern gleich, gedroht,
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Dem fremden Geist ward bald der Bann gefunden,
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Und Themistokles isst der Perser Brod!
 
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Getrost! – Allein steht Griechen eurer Sache! –
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Kämpft um der freien Zukunft edles Glück.
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Berauscht, begeistert euch in heil’ger Rache! –
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Mit Blut kauft eure Töchter euch zurück.
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Erhebt sie die zertrümmerten Altäre! –
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Wölbt eure Tempel neu mit stolzer Pracht! –
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Im Sieg verherrlicht unsers Heilands Ehre! –
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Er ist der Gott des Tapfern in der Schlacht.
 
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Holt Euch den Schmuck zurück des Propyläen,
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Von eitler Habsucht frevelnd jüngst entführt.
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Dass unter reinem Himmels Licht gesehen
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Die Kunst belebend neu die Herzen rührt.
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Ja wenn der Willkür winzige Tyrannen
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Den bessern Mann gelästert und verkannt,
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Aus allen Räumen schonungslos verbannen,
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Find’ er bei Euch ein schönres Vaterland.
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Und du, o Schmerz – beschränkt, doch herb nicht minder,
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Der trostlos ein verlornes Glück beweint,
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Bezähme dich! – Ihr Thränen, strömt gelinder
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Wie die erhabne Hellas mir erscheint. –
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In Schmach die Töchter – blutend ihre Söhne,
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Das Kind als Waise – Wittwe schon die Braut –
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Und ihres Jammers – ihres Jubels Töne
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Ersticke meiner leisen Seufzer Laut. –

Details zum Gedicht „Zuruf an Griechenland“

Anzahl Strophen
13
Anzahl Verse
112
Anzahl Wörter
753
Entstehungsjahr
1821
Epoche
Klassik,
Romantik,
Biedermeier

Gedicht-Analyse

Das Gedicht „Zuruf an Griechenland“ stammt aus der Feder der Autorin bzw. Lyrikerin Amalie von Helvig. 1776 wurde Helvig in Weimar geboren. Das Gedicht ist im Jahr 1821 entstanden. In Berlin ist der Text erschienen. Auf Grund der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. der Lebensdaten der Autorin kann der Text den Epochen Klassik, Romantik oder Biedermeier zugeordnet werden. Prüfe bitte vor Verwendung die Angaben zur Epoche auf Richtigkeit. Die Zuordnung der Epochen ist auf zeitlicher Ebene geschehen. Da sich Literaturepochen zeitlich überschneiden, ist eine reine zeitliche Zuordnung häufig mit Fehlern behaftet. Das 753 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 112 Versen mit insgesamt 13 Strophen. Weitere Werke der Dichterin Amalie von Helvig sind „An Deutschlands Frauen“, „Den Zaudernden“ und „Weihe an Hellas“. Zur Autorin des Gedichtes „Zuruf an Griechenland“ haben wir auf abi-pur.de keine weiteren Gedichte veröffentlicht.

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