Zur Pariser Weltausstellung von Rudolf Lavant

Als zu des schönen Friedensfestes Feier
Die Reiche alle la belle France entbot,
Da barg ein jedes hinter dichtem Schleier
Der Wange züchtiges, verschämtes Roth.
Von jedem kam ein höflich kühles Schreiben –
Sie lehnten alle ab, sie kamen nicht;
Im Grunde schien es eine Ehrenpflicht,
Dem Unterfangen klüglich fern zu bleiben.
 
Für la belle France war es ein bittrer Bissen –
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Sie war an solche Körbe nicht gewöhnt,
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Doch ist’s am besten immerdar zu wissen,
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Man sei verdächtig und man sei verpönt;
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Man kann dann ruhig seine eignen Wege
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Zum schönen Ziele selbstvertrauend gehn,
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Man braucht nach rechts nicht und nach links zu sehn
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Und fremde Mißgunst hält den Eifer rege.
 
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Und eigne Wege ist Paris gegangen
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Und hat geschafft und jedes Glied gerührt
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Und sein „vermeßnes,“ „keckes“ Unterfangen
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Vor aller Welt mit Ehren durchgeführt.
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In Schatten stellt es seiner Freunde Hoffen
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Und setzte sich ein stolzes Monument,
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Und auch der Neid, die Nörgelsucht bekennt,
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Daß es sich selber glänzend übertroffen.
 
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Wohl sah Paris so manches Mal das Wogen
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Und Ueberfluthen eines Menschenstroms,
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Als noch die Adler seines Kaisers flogen,
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Des schlauen Neffen eines großen Ohms.
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Doch alle Zauber jener Zeit verbleichen
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Vor dem, was heute des Besuchers harrt,
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Und vor der stolzen, freien Gegenwart
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Muß aller Prunk der früh’ren Tage weichen.
 
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Ihr mögt die Wahrheit noch so tief verschleiern –
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Sie tritt als Stern hervor aus dunklem Zelt;
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Auch Republiken können Feste feiern
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Für ganz Europa, für die ganze Welt,
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Und wer die Hand verächtlich ausgeschlagen,
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Die in Versöhnlichkeit sich dargestreckt,
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Der sieht sich nun aus eitlem Wahn geweckt
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Und hat den Schaden und den Spott zu tragen.
 
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Es hat vielleicht so Manchen schon verdrossen,
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Der nun verspätet heimlich in sich geht,
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Daß er sich selbst in Dünkel ausgeschlossen
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Vom Völkerfeste und nun draußen steht.
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Klug war es nicht; man wird ihn kaum vermissen,
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Durchmißt die Hallen man im Pilgergang,
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Und aus lebendigem Zusammenhang
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Hat er in Trotz sich selbst herausgerissen.
 
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Auch du, mein Deutschland – nur vereinzelt lesen
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Wir deutsche Namen dort aus deutschem Land,
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Und du gerade wärst am Platz gewesen
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Im Schmuck der Arbeit an der Seine Strand.
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Im Wettbetrieb des Tüchtigen und Schönen
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Uns groß zu zeigen, haben wir verscherzt –
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Nach mancher Wunde, die noch heute schmerzt,
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War’s die Gelegenheit, euch zu versöhnen.
 
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Und die Versöhnung – einmal muß sie kommen,
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Ob jetzt, ob später, willig oder nicht;
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Habt ihr die ferne Brandung nicht vernommen,
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Die sich im Osten an den Dämmen bricht?
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Und ob sich beide ew’gen Haß geschworen
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Und finster grollend sich genüberstehn,
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Es kommt der Tag, da Seit’ an Seite wehn
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Deutschlands und Frankreichs stolze Trikoloren.
 
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Ein solches Fest verhieß uns fernern Frieden
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Und Frieden will und Frieden braucht das Reich;
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Drum thut mir’s weh, dass wir Paris gemieden –
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Ich fürchte sehr, es war ein Schwabenstreich.
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Dergleichen Streiche hatte stets zu büßen
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Der Einzelne – büßt minder sie ein Land?
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Wir aber senden nach der Seine Strand
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Ein brüderliches, achtungsvolles Grüßen!
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (30.4 KB)

Details zum Gedicht „Zur Pariser Weltausstellung“

Anzahl Strophen
9
Anzahl Verse
72
Anzahl Wörter
489
Entstehungsjahr
1893
Epoche
Naturalismus,
Moderne

Gedicht-Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um das Gedicht „Zur Pariser Weltausstellung“ des Autors Rudolf Lavant. Lavant wurde im Jahr 1844 in Leipzig geboren. Im Jahr 1893 ist das Gedicht entstanden. Der Erscheinungsort ist Stuttgart. Die Entstehungszeit des Gedichtes bzw. die Lebensdaten des Autors lassen eine Zuordnung zu den Epochen Naturalismus oder Moderne zu. Die Angaben zur Epoche prüfe bitte vor Verwendung auf Richtigkeit. Die Zuordnung der Epochen ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen. Da sich die Literaturepochen zeitlich teilweise überschneiden, ist eine reine zeitliche Zuordnung fehleranfällig. Das 489 Wörter umfassende Gedicht besteht aus 72 Versen mit insgesamt 9 Strophen. Der Dichter Rudolf Lavant ist auch der Autor für Gedichte wie „An den Herrn Minister Herrfurth Exzellenz“, „An den Kladderadatsch“ und „An die Frauen“. Zum Autor des Gedichtes „Zur Pariser Weltausstellung“ liegen auf unserem Portal abi-pur.de weitere 96 Gedichte vor.

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