Zur Erinnerung von Rudolf Lavant

Das giebt ein ehrenreiches Jahr!
Du zwanzigster des Februar,
Wir werden dein gedenken
In hoher Lust, in Mannesstolz,
Bis sie im Sarg von Tannenholz
Uns in die Erde senken.
 
Nach langer Nacht ein glorreich Licht!
Ein unerbittlich Volksgericht
Trotz Singen und trotz Beten!
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Im vollen Waffenschmucke hat
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Der junge Riese kurz und glatt
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Des Rückschritts Kopf zertreten.
 
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Wie man bestürzt nach Hilfe rief!
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Ein kalter, dumpfer Schauer lief
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Den Gegnern durch die Glieder.
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Die üpp’ge Saat von Lug und Trug –
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Wie eis’ges Hagelwetter schlug
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Des Volkes Zorn sie nieder.
 
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Wohin des Siegers Auge schaut –
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Die Halbgewalkten jammern laut
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Und ringen stumm die Hände.
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Ein Ahnen hat sie angeweht,
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Daß es bergab mit Schrecken geht
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Und daß ihr Reich zu Ende.
 
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Sie hatten sicher sich gewähnt;
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Sie dachten heimlich: „Michel gähnt –
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Da heißt es rüstig schaffen;
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Da heißt es für den wachen Mann,
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So viel er irgend mag und kann,
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Erobern und erraffen.“
 
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Sie haben reinen Tisch gemacht,
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Der Michel aber ist erwacht
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Und sah ihr Thun verstohlen;
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Dann rief er aus voll Zorn und Groll:
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„Für solche saubre Arbeit soll
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Euch der und jener holen!“
 
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Er ist ein gar geduldig Lamm
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Und von dem alten großen Stamm
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Das sanfteste auf Erden;
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Doch selber er, der duldend schweigt,
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Kann schließlich, wie Figura zeigt,
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Recht ungemüthlich werden.
 
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Und als er muthig fern und nah
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Der Lüge Schanzen stürmen sah
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Die treuen alten Streiter,
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Da griff er freudig zum Gewehr,
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Da zog in Reih’n und Rotten er
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Zum Sturm gefaßt und heiter.
 
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Und als die Schlacht vorüber war
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Am zwanzigsten des Februar,
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Dem Tage reich an Thaten,
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Da war zerschlagen das Kartell,
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Da ging ein Jubelrufen hell
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Durch Heer der Demokraten.
 
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Wem aber ward zu Deutschlands Heil
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Die Ehre ungekürzt zu Theil,
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Die Zeche zu bezahlen?
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Dem stolzen Garde-Regiment,
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Das nach dem Kanzler sich benennt,
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Den braven Liberalen!
 
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Sie liegen allwärts dicht gesät,
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Wohin auch unser Auge späht,
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Besorgt und aufgehoben.
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Wir aber wollen dieses Jahr,
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Den zwanzigsten des Februar,
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Aus tiefster Seele loben.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (28.2 KB)

Details zum Gedicht „Zur Erinnerung“

Anzahl Strophen
11
Anzahl Verse
66
Anzahl Wörter
334
Entstehungsjahr
1893
Epoche
Naturalismus,
Moderne

Gedicht-Analyse

Rudolf Lavant ist der Autor des Gedichtes „Zur Erinnerung“. Geboren wurde Lavant im Jahr 1844 in Leipzig. Im Jahr 1893 ist das Gedicht entstanden. Erscheinungsort des Textes ist Stuttgart. Anhand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten des Autors her kann der Text den Epochen Naturalismus oder Moderne zugeordnet werden. Bitte überprüfe unbedingt die Richtigkeit der Angaben zur Epoche bei Verwendung. Die Zuordnung der Epochen ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen. Das Gedicht besteht aus 66 Versen mit insgesamt 11 Strophen und umfasst dabei 334 Worte. Weitere bekannte Gedichte des Autors Rudolf Lavant sind „An Herrn Crispi“, „An das Jahr“ und „An den Herrn Minister Herrfurth Exzellenz“. Zum Autor des Gedichtes „Zur Erinnerung“ haben wir auf abi-pur.de weitere 96 Gedichte veröffentlicht.

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