Wohlauf von Louise Otto-Peters

Der Herwegh rief’s – wir haben’s wohl vernommen
Wir stimmten an „das Lied der deutschen Flotte;“ –
Doch sagt: durch welches Meer ist sie geschwommen,
Das Wirkliches nicht unsrer Lieder spotte?
In welchen Hafen darf sie ankernd liegen,
Nach welchen Küsten darf sie siegreich fliegen?
Ach, sucht sie nicht auf der Atlantis Räumen!
Sie treibt im Meer von unsern Zukunftsträumen.
 
Und doch! wir lassen diese Träumen immer!
10 
Bedenkt es wohl, auch Träume treffen ein;
11 
Wir träumen, wohl, beim ersten Frührotschimmer,
12 
Der uns verheißt des Tages Sonnenschein.
13 
Ob Deutschland liegt jetzt erst des Morgens Grauen
14 
Die Lerchen steigen und die Nebel tauen –
15 
Die Halme glänzen, perlenüberhangen –:
16 
Auch Deutschland wird noch einen Glanz erlangen
 
17 
Und was in ihrem Traum die Dichter singen,
18 
Was unsrer Redner lautes Wort begehrt.
19 
Das mag wohl zu des Volkes Herzen dringen,
20 
Doch wird es von den Fürsten auch gehört? –
21 
Doch still, doch still – verjagt des Zweifels Wolke,
22 
Die Macht „von Gottes Gnaden“ ruht im Volke,
23 
Im deutschen Volk, das auf sie fröhlich bauet,
24 
Das seinen Fürsten, doch auch sich vertrauet.
 
25 
So traue Dir! wohlauf Ihr deutschen Brüder
26 
Noch einmal fordert Deutschland gutes Recht.
27 
Noch einmal singt der deutschen Flagge Lieder,
28 
Vor allem Volk, vor allen Fürsten sprecht,
29 
Vom Meer von Adria bis auf zum Sunde,
30 
Dasselbe fordert All’ mit einem Munde;
31 
Legt Hand an’s Werk, baut nicht an alten Trümmern:
32 
Die deutsche Axt soll deutsche Schiffe zimmern.
 
33 
Kein Kirchenschiff in einem alten Dome,
34 
Das zu des Mittelalters Dunkel ladet;
35 
Ein kühnes Schiff, das nicht im engen Strome,
36 
Das seine Brust im weiten Meere badet;
37 
Das durch die Wogen seinen Weg sich bahne,
38 
Sich spiegle stolz im stolzen Oceane,
39 
Wo freie Lüfte mit der Flagge kosen
40 
Und Trost verkünden wenn die Tiefen tosen.
 
41 
Wohlauf, Ihr Weber, trauernde Gestalten,
42 
Kein Webstuhl soll bei Euch mehr stille stehn,
43 
Die Sorgen fort und laßt die Hoffnung walten,
44 
Ermutigt mögt Ihr an die Arbeit gehn!
45 
Frisch an das Werk! bald flattert Euer Linnen
46 
Als stolzes Segel durch das Meer von hinnen –
47 
Weiß flattert’s wie die Taube Noahs aus,
48 
Und bringt Euch segnend Hoffnungsgrün nach Haus.
 
49 
Wohlauf! Wohlauf, Ihr deutschen Schwestern alle,
50 
Die Ihr noch spinnt wie Eurer Mütter Brauch;
51 
Ein neues Lied zu Eurer Spindel schalle,
52 
Das Rädchen summt, so summt das Liedlein auch
53 
Singt nicht vom Jungfernkranz, vom schmucken Freier,
54 
Was wollt Ihr ewig mit der alten Leier?
55 
Singt: Unser Volk wird Großes noch beginnen,
56 
Und Segel brauchts, die gilt’s ihm jetzt zu spinnen.
 
57 
Und mit den Segeln soll die Flagge wehen –
58 
Auch sie, auch sie ein Werk von Frauenhand!
59 
Habt Ihr’s nicht an des Bruders Brust gesehen,
60 
Das schimmernde, das schwarz-rot-goldne Band?
61 
In solchen Farben soll die Flagge nicken,
62 
Dem Burschen nicht, wir woll’n dem Meer sie sticken,
63 
Die Farben bringt es wiederum zu Ehren
64 
Und keinem deutschen Schiff wird man sie wehren!
 
65 
Schwarz, roth und gold! ein einig deutsches Zeichen
66 
Auf allen Meeren so die Sonne schaut!
67 
Eröffnet bald den neuen Hochzeitsreigen,
68 
Wo Deutschland mit dem Ocean sich traut.
69 
Es buhlt schon lange um das stillverzagte,
70 
Das all sein Leid nur seinen Sternen klagte – –
71 
Auf Deutschland! daß Dein Schmerz in Lust sich kehre
72 
So schließ ein stolzes Bündniß mit dem Meere.
Arbeitsblatt zum Gedicht
PDF (31.3 KB)

Details zum Gedicht „Wohlauf“

Anzahl Strophen
9
Anzahl Verse
72
Anzahl Wörter
527
Entstehungsjahr
1840-1850
Epoche
Realismus

Gedicht-Analyse

Die Autorin des Gedichtes „Wohlauf“ ist Louise Otto-Peters. Im Jahr 1819 wurde Otto-Peters in Meißen geboren. 1850 ist das Gedicht entstanden. Leipzig ist der Erscheinungsort des Textes. Das Gedicht lässt sich an Hand der Entstehungszeit des Gedichtes bzw. von den Lebensdaten der Autorin her der Epoche Realismus zuordnen. Bitte überprüfe unbedingt die Richtigkeit der Angaben zur Epoche bei Verwendung. Die Zuordnung der Epoche ist ausschließlich auf zeitlicher Ebene geschehen. Das vorliegende Gedicht umfasst 527 Wörter. Es baut sich aus 9 Strophen auf und besteht aus 72 Versen. Louise Otto-Peters ist auch die Autorin für das Gedicht „Allein“, „Am Schluß des Jahres 1849“ und „Am längsten Tage“. Auf abi-pur.de liegen zur Autorin des Gedichtes „Wohlauf“ weitere 106 Gedichte vor.

+ Wie analysiere ich ein Gedicht?

Daten werden aufbereitet

Weitere Gedichte des Autors Louise Otto-Peters (Infos zum Autor)

Zum Autor Louise Otto-Peters sind auf abi-pur.de 106 Dokumente veröffentlicht. Alle Gedichte finden sich auf der Übersichtsseite des Autors.